Der britische Germanist Matthew Bell hat eine fulminante neue Goethe-Biographie vorgelegt, die zu den besten Büchern zum Thema zählt. Sie ist zugleich kenntnisreich, ausgeglichen und geht mit einem wohlwollenden, aber kritischen Blick stets auf das Wesentliche ein. Die angelsächsische Goethe-Forschung hat Tradition. Die erste Biographie des Dichters überhaupt, „The Life and Works of Goethe“ (1855), stammt vom englischen Autor G. H. Lewes. Auch die detailreichste Monographie, „Goethe – The Poet and the Age“, begonnen 1991 und noch unvollendet, stammt von einem Engländer, Nicholas Boyle.
Das Buch von Bell stellt sich in diese würdige Reihe. Es ist aber kenntnisreicher als Lewes, kompakter als Boyle und liefert einen berückenden Überblick, der auch deutschsprachige Leser interessieren dürfte, denn Bell hält wie kein anderer Leben, Werk und Zeitgeschichte im Gleichgewicht. Gemeinhin kommt Goethes Leben in den Biographien besser weg als sein Werk, doch ein großer Vorzug von Bells Buch ist die ebenso sachkundige wie profunde Analyse der Dichtungen. Es muss aber betont werden, dass Bell vor allem den besten Überblick über Goethes naturwissenschaftliches Werk liefert. Physik und Chemie, Botanik und Biologie versteht er sachkundig in sein Porträt einzubauen; jeder Leser wird von den intelligenten Darstellungen profitieren. Ohne zu belehren, ohne zu bewundern, ohne Ikonoklasmus vermag Bell, Goethes Schöpfungen lebendig vorzustellen. Wir bekommen weder, wie zuvor so oft, eine verstellende Karikatur noch eine Marmorplastik, sondern Goethe auf Augenhöhe, als wirklichen Menschen.
Das Volkslied dient als Schablone
Goethes Durchbruch als Dichter mit seiner Sesenheimer Lyrik vermag Bell mit Zartheit und Verständnis darzustellen. Ich kenne keine bessere Zusammenfassung dieser Episode. Was besonders besticht, ist die Weise, wie Bell die nachträgliche Beschreibung dieser Begebenheit in Goethes Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ mit den bekannten Tatsachen vergleicht. So vermag Bell des Dichters Schuldgefühle, nachdem er seine damalige Geliebte Friederike Brion ohne jegliche Erklärung verließ, mit Prägnanz zu beleuchten. Bells stilistische Meisterleistung liegt hier darin, wie er die nackte Gewalt des Mannes, der die Jungfrau geradezu vergewaltigte, ins Sexualleben des Paares einführt.

Allerdings scheint Bell die Tradition des deutschen Volkslieds, die ihm als Schablone dient, nur ungenügend zu kennen. So findet er in der Schilderung des Sexualverbrechens durch Goethe etwas Originelles, obwohl der sich strengstens an die dichterische Überlieferung hält. Mit der Zeit verwandelte Goethe den privaten Konflikt in ein Symbol des Zusammenpralls von Natur und Zivilisation.
Bell ist in der Ideengeschichte bewandert. Die relevanten Philosophen werden zitiert, Figuren wie Spinoza, Rousseau und Kant bilden einen wichtigen Bezugspunkt, auf die Bell im Laufe seines Texts immer wieder zu sprechen kommt. Auch Hegel wird treffend geschildert. Der Abschnitt über Goethes Beziehung zu Schiller ist mustergültig. Besonders aber zeichnet sich Bells Buch durch die Darstellung von Schelling aus, der in den anderen Goethe-Biographien stets zu kurz kam. Die tiefe Verbundenheit der beiden wird in keiner Goethe-Biographie so treffend beschrieben.
Goethes Skepsis gegenüber der Demokratie
Allerdings ist die Behandlung der Brüder Humboldt enttäuschend. Der Scharfsinn, mit dem Bell sonst Goethes Position überzeugend aufweist, geht ihm hier ab. Um die deutsche Klassik gebührend zu würdigen, müsste man hier subtiler vorgehen. Auch kennt sich Bell anscheinend in der Geschichte der politischen Philosophie zu wenig aus. Die großen Debatten, die um 1789 geführt wurden, vermögen vieles auch bei Goethe zu erklären; seine Skepsis etwa gegenüber der Demokratie, die Bell zu unkritisch wiedergibt, wurde auch von anderen progressiven Denkern wie Benjamin Constant und Madame de Staël geteilt. Hier hinkt die Goethe-Forschung der Begriffsgeschichte zum Zeitalter der Französischen Revolution hinterher.
Zu oft liefern uns Goethe-Biographen platte Nacherzählungen der großen Werke. Selbst Boyle ist von diesem Fehler nicht frei. Bell aber findet ein gutes Maß, indem er in wenigen Sätzen die Handlungen der Werke einflicht, um dann umso sensibler den eigentlichen Sinn der Dichtung zu erhellen. So fließt Bells Darstellung nahtlos von der Handlung zur Analyse, von den Lebensbegebenheiten zur Zeitgeschichte und zurück zur Literatur.
War der Weimarer Dichter ein heimlicher Romantiker?
Auch die zeitgenössische Dichtung vermag Bell überzeugend einzubeziehen. Nachdem die Germanistik jahrzehntelang den Konflikt zwischen Goethe und der Romantik mit großer Schärfe schilderte, ist man heute zu weit in die andere Richtung gegangen und hat Goethe als Romantiker eingestuft. Dieses Pauschalurteil ist aber wenig überzeugend. Auch hier vermag Bells Methode die Spreu vom Weizen zu unterscheiden. Da er ersichtlich die Literatur zur Romantik gut kennt, vermag er mit seiner Analyse Goethes Beziehung zur jüngeren Generation überzeugend vor Augen zu führen. Die kurze Passage über Kleist gehört zum Besten bei diesem Thema. Man vermisst jedoch eine Erwähnung von Novalis. Auch Hölderlin sollte wohl vorkommen. Beide gehören in den Sternenhimmel um Goethe.
Wir denken zu selten daran, dass Goethe in „wilder Ehe“ mit Christiane Vulpius lebte. Frau von Stein war entsetzt über dieses Treiben. Goethes Mutter brachte für ihren Sohn mehr Verständnis auf. So betrachtete sie die Freundin als Goethes „Bettschatz“. Es ist nicht leicht für einen Biographen, der nach Freud an diese Liaison herangeht, die richtige Perspektive zu finden. Bell kommt auch hier gut weg. Sein Stil ist sachlich, geschmeidig, einfühlsam und vermag in ruhiger Weise Goethes unkonventionelle Lebensart zu erfassen. Das letzte Urteil überlässt der Biograph dem Dichter selbst mit einer bestechenden Tagebucheintragung über Christianes Ableben. Ich hätte hier nur Goethes weitere Reaktion hinzugesetzt: Er konnte nicht wahrhaben, dass Christiane tot war, und brachte es nicht über sich, zu ihrem Begräbnis zu gehen. Doch ein Biograph, der solche Mengen von Material zu bewältigen hat, gewinnt mit dieser Auslassung die Möglichkeit, andere, wichtigere Einzelheiten für sein Porträt zu liefern.
Bell weiß, was wichtig ist, und gönnt dem Leser großartige Partien über Goethes „Faust“. Auch der Allgemeinleser wird Bell auf diesem schwierigen Pfad gerne folgen. Experten kommen aber ebenso auf ihre Kosten. Zu oft als totes Gerippe behandelt, gibt uns Bell einen lebendigen, menschlichen Helden. Er weiß auch, wo Mitgefühl am Platze ist, und führt uns ins Schicksal von Gretchen wie auch in die Tragödie von Philemon und Baucis ein. Überhaupt versteht es Bell, Goethes Frauen zu würdigen. Kein neuerer Autor außer Shakespeare verstand es vergleichbar, sich das Wesen einer Frau anzuverwandeln, und Bell lässt diese Leistung deutlich hervortreten. Was man als menschliches Maß beschreiben könnte, bildet den Wert von Bells Buch: Es handelt sich um eine humanistische Biographie.
Hin und wieder wird man versucht sein, mit Bell zu streiten, denn Vollkommenheit ist auch in einem solch kühnen Wurf nicht zu erzielen. Nicht jeder Leser wird Bell recht geben wollen, wenn er Goethes wichtigste Aussage zur „Weltliteratur“ dingfest machen will, zumal dieser Begriff nicht nur die Dichtung, sondern auch die Naturwissenschaft einbezieht. Freilich muss Bell das wissen, doch geht es ihm immer darum, klare Akzente zu setzen, da er vom großen Bild nicht durch kleinere Einseitigkeiten ablenken will. Seine „intellektuelle Biographie“, wie die Gattung auf Englisch heißt, ist grandios. Es bleibt zu hoffen, dass bald eine deutsche Übersetzung folgen wird, denn von jetzt an bildet der „Bell“ den neuen Standard.
Matthew Bell: „Goethe“. A Life in Ideas. Princeton University Press, Princeton 2025. 755 S., Abb., geb., 39,95 $.
