DFB-Kader: Julian Nagelsmann nominiert zwei weitere VfB-Profis nach – Sport

Hinterher wurde beim VfB Stuttgart mehrfach an die Vergangenheit erinnert, doch bis zu Krassimir Balakow, Giovane Elber und Fredi Bobic reichten die Erzählungen dann doch nicht zurück. Statt um das magische Dreieck, das Mitte der 1990er-Jahre das Offensivspiel der Schwaben unter ihrem damaligen Trainer Joachim Löw geprägt und sie bis zum Gewinn des DFB-Pokals 1997 getragen hatte, ging es nach dem 5:2 (3:0)-Sieg am Sonntagabend beim FC Augsburg um die jüngere Vergangenheit. Zum Beispiel um die Saison 2023/24, an deren Ende die Stuttgarter als Tabellenzweiter eingelaufen waren, woran auch das dynamische Duo Maximilian Mittelstädt und Chris Führich auf der linken Seite einen erheblichen Anteil hatte. Und es ging um die Folgesaison 2024/25, als sich der VfB in der Ligaphase der Champions League versuchen durfte, durch sie aber emotional abgelenkt wurde vom Kerngeschäft Bundesliga.

Die Rückblende auf die vergangenen beiden Spielzeiten lag nahe, weil an ihnen entlang die Parallelen und Unterschiede zur Gegenwart erzählt werden können. Auch in Augsburg hatten Mittelstädt und Führich mal wieder auf der linken Seite erfolgreich gemeinsame Sache gemacht. Doch anders als in der vergangenen Saison, als die Stuttgarter nach ihren Ausflügen auf Europas größte Vereinsbühne im Alltag oft gestrauchelt waren, traten sie nun auf wie eine Spitzenmannschaft.

Schon zur Halbzeit war der VfB durch die Tore von Deniz Undav (12. Minute), Tiago Tomas (29.) und Nikolas Nartey (31.) enteilt. Der FCA verkürzte durch Fabian Rieder zwar (57.), doch Undav beendete Augsburgs Versuch einer Aufholjagd mit seinem zweiten Tor des Abends prompt (58.). Später trafen noch Anton Kade für die Gastgeber (72.) und der ehemalige Augsburger Ermedin Demirovic nach Undavs Vorlage für den VfB (83.). Die Chancen stehen für den Tabellendritten VfB jetzt gut, sich nach einem Jahr Pause wieder für die Champions League zu qualifizieren.

Der souveräne Erfolg der Stuttgarter erschien umso bemerkenswerter, weil sie erst am Freitag von der Dienstreise zum FC Porto zurückgekehrt waren, zumal mit der großen Enttäuschung über das Aus in der Europa League. Danach bei den heimstarken Augsburgern so aufzutreten, „das ist einfach beachtlich“, sagte Stuttgarts Trainer Sebastian Hoeneß und lobte: „Wir waren sehr aufgeräumt, sehr klar.“ Von einer „sehr guten Antwort aufs Ausscheiden“ sprach Sportvorstand Fabian Wohlgemuth. In der vergangenen Saison habe man die internationalen Spiele „nicht ganz so gut verarbeitet“, erinnerte er. Doch nun schaffe es die Mannschaft, „konstant am Leistungslimit zu agieren“. Nach dem Aus in der Champions League sei man in der vergangenen Saison „in ein Loch gefallen“, sagte Undav, „dieses Jahr haben wir in der Breite einen größeren und besseren Kader“. Abzulesen etwa an den Torschützen Tomas und Nartey, die als hochkarätige B-Besetzung für Jamie Leweling (angeschlagen) und Bilal El Khannouss (Bank) gelten dürfen.

Deniz Undav, der derzeit erfolgreichste deutsche Stürmer, gibt beim VfB keinesfalls den Alleinunterhalter

Zwölf von 24 möglichen Punkten kamen in der vergangenen Bundesligasaison nach den acht Spielen in der Champions League zusammen. Nun blicken sie beim VfB auf zehn Siege, ein Remis und eine Niederlage oder 31 von 36 möglichen Punkten aus jenen zwölf Ligaspielen, die unmittelbar und immer sonntags auf ihre Auftritte in der Europa League gefolgt waren. Es ist eine neue Reife und Stabilität zu erkennen, auch dank einer neuen Flexibilität.

Anders als in den 90er-Jahren, als der Zehner Balakow mit seinen Pässen die Stürmer Elber und Bobic versorgte und diese immer gleiche Dreiecks-Beziehung die Magie ins Stuttgarter Spiel brachte, lässt sich nun eher ein magisches Vieleck bestaunen. Zwar ragen auch jetzt einzelne Akteure heraus wie Undav, der inzwischen auf 23 Saisontore in allen Wettbewerben kommt und auf allein 18 in der Bundesliga. Damit hat er trotz mehrwöchiger Verletzungspause seinen persönlichen Saisonrekord von 2023/24 bereits eingestellt. Aber der derzeit erfolgreichste deutsche Stürmer gibt keinesfalls den Alleinunterhalter. Vielmehr steht Undav exemplarisch für Stuttgarts Variabilität.

Die größte Konstante unter den Feldspielern als „Dreh- und Angelpunkt“ (Hoeneß) ist Angelo Stiller. Auch er ist nun von Bundestrainer Julian Nagelsmann nominiert worden.
Die größte Konstante unter den Feldspielern als „Dreh- und Angelpunkt“ (Hoeneß) ist Angelo Stiller. Auch er ist nun von Bundestrainer Julian Nagelsmann nominiert worden. Tom Weller/dpa

Mal spielt der 29-Jährige als einzige Spitze wie in Augsburg, mal mit Nebenmännern, mal hängend, mal zentral als Zehner und manchmal auch gar nicht. Man kann fast sagen, dass es mehrere Undavs gibt, und das Praktische ist, dass der Stürmer Undav weiß, was der offensive Mittelfeldspieler Undav tun muss und umgekehrt. Auch viele andere in Stuttgarts Belegschaft können die Frage „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ mittlerweile ziemlich überzeugend beantworten. Das erinnert an den FC Bayern, bei dem auch jeder weiß, was er zu tun hat, egal, auf welcher Position er spielt. Zudem bietet Hoeneß beim VfB aber auch immer wieder unterschiedliche Formationen und Systeme auf. „Wir haben gerade eine gute Qualität überall“, findet Undav. Es sei ziemlich egal, wer wo auflaufe, „die verstehen sich einfach alle, performen alle gut zusammen. Jeder weiß, was der andere kann“.

Die größte Konstante unter den Feldspielern als „Dreh- und Angelpunkt“ (Hoeneß) ist der Sechser Angelo Stiller. Von der Entwicklung in Stuttgart möchte offenbar auch der Bundestrainer Julian Nagelsmann wieder profitieren; am Montag nominierte er Stiller ebenso nach wie Führich. Sie ersetzen die angeschlagenen Aleksandar Pavlovic vom FC Bayern und Felix Nmecha vom BVB. Zuvor hatte Nagelsmann vom VfB neben Undav auch Alexander Nübel, Josha Vagnoman und Jamie Leweling berufen. Damit zählen vor den Länderspielen am Freitag in Basel gegen die Schweiz und am Montag in Stuttgart gegen Ghana nun sechs Spieler vom VfB zum DFB-Kader, genauso viele wie vom FC Bayern. „Je mehr Stuttgarter, desto besser“, findet Undav. Von einem magischen Stuttgarter Sechseck in der deutschen Nationalelf hat er nicht gesprochen. Noch nicht.