Madame Nielsens Roman „Das Zeitgeisterhaus“: Wie viel Kunst kann man verkraften? – Kultur

Das ist kein Buch für eine ruhige und bedächtige Lektüre. Man hat kaum zwanzig Seiten gelesen, da liegt man schon im Streit mit diesem Text. Jedenfalls dann, wenn man als Gesinnungsmünchner im Schauplatz des Buches, einer unbenannten großen deutschen Stadt, München wiederzuerkennen glaubt und in den ordnungsbesessenen, autoritätshörigen und ziemlich wehleidigen Deutschen jene Münchner, die man doch selbst eher als aufsässig, antiautoritär und mild anarchisch beschreiben würde. Und denen der Roman „Das Zeitgeisterhaus“ aber die angeblich viel freieren und verantwortungsbewussteren, letztlich also glücklicheren Skandinavier gegenüberstellt. Lassen Sie mich bloß in Ruhe mit Ihrem Skandinavien, möchte man hineinrufen in das Buch: Alle duzen einander, und im Winter wird es um zwei Uhr dunkel, und dann hocken diese Skandinavier in ihren hyggen Wohnungen und trinken sich durch endlos langweilige Nächte, was man sich nur als Unglück vorstellen mag.

Und genau so, aufgewühlt und streitlustig, darf man dieses Buch vermutlich schon deshalb lesen, weil es nicht nur mit der Stadt, in der es spielt, im Streit liegt, mit den Leuten, die dort leben und arbeiten, sondern, vor allem, mit sich selbst. Es fängt an, als wäre es eine Ich-Erzählung. Es wird spannend, wenn andere, widersprechende, ja fast feindliche Stimmen zu Wort kommen. Und das Ich, mit dem man trotz der München-Skandinavien-Meinungsverschiedenheit sympathisieren möchte, bekommt noch nicht einmal das letzte Wort.

Madame Nielsen, die Autorin des Romans, ist eine semifiktionale Figur, eine Person, die ganz real schreibt, performt, komponiert und lebt; und die doch streng darauf bedacht ist, dass, das, was man von ihr sieht und mitbekommt, als Maskerade und Rollenspiel zu erkennen ist: eine große, sehr magere Person, mit exzentrischer Kleidung und auffälligen Manieren. Den Mann, der in ihr steckt, verbirgt und verschweigt sie nicht; er erhebt aber auch keinen Anspruch auf größere Authentizität.

Kunst und die Künstler sind ohne Risiko und eine gewisse Verletzungsgefahr nicht zu haben. Oder?

Wenn also diese Madame Nielsen eine semifiktionale Figur ist, dann muss man, umgekehrt, wohl auch ihren Roman als semifiktionale Prosa lesen, als einen Text also, dessen Handlung und Figuren nicht bloße Erfindungen sind. Madame Nielsens literarische Doppelgängerin im „Zeitgeisterhaus“ wird Milady genannt, sie ist Dänin, wie ihre Autorin, der sie auch äußerlich sehr zu ähneln scheint; sie hat ein Musical geschrieben und komponiert für ein bedeutendes deutsches „Gesamtkunsthaus“, wie es im Roman genannt wird; es ist ein großer Erfolg – aber dann, nach ein paar Vorstellungen, wird sie manchmal laut und böse, erregt und empört über den ordnungsfanatischen, autoritätsbesessenen Starrsinn des Personals, hebt, erst einmal, später noch einmal, den rechten Arm in die Höhe, sagt, voller Abscheu, sogar: „Heil!“ Und wenig später sind fast alle im Haus sich einig, dass sie sich von Milady belästigt, beherrscht, geradezu verletzt fühlen. Und dass sie mit dieser Gewalttäterin nicht mehr zusammenarbeiten wollen.

Das Glück, auf jeden Fall aber die unabweisbare Qualität dieses Romans ist es aber, dass Madame Nielsen nicht nur über die literarischen und empathischen Mittel verfügt, diese Beleidigten zum Sprechen zu bringen. Sondern das, was diese Leute an die Intendanz berichten über die Kränkungen, den Hochmut und schließlich den Schock des Hitlergrußes in aggressivem Gesamtzusammenhang, dass all das so verständlich, normal und eigentlich richtig klingt, dass man, während man es liest, fast selbst denken möchte, dass Künstlertum keine Entschuldigung für miese Manieren sei.

Und weil man zugleich ja im Streit liegt mit dem Roman, denkt man trotzdem über die Frage nach, ob Madame Nielsen es sich damit womöglich zu einfach mache; ob sie also diese überempfindsamen, verletzlichen Theatermenschen nur zu einem Zweck erfunden habe: damit sie umso leichter ihren Punkt machen kann, dass nämlich die Kunst und die Künstler ohne Risiko und eine gewisse Verletzungsgefahr nicht zu haben sind. Aber genau in diesem Moment des Lesens und des Nachdenkens über „Das Zeitgeisterhaus“ erscheint im Feuilleton der Zeit ein Bericht zu den Nachwirkungen von Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“, jener Aktion am Hamburger Thalia-Theater, bei der nicht Theater gespielt wurde, sondern reale Menschen mit realen Argumenten über die Frage diskutierten, ob man die AfD verbieten solle.

Manche Mitarbeiter des Theaters, so stand es dann in der Zeit, hätten schon heulen müssen, weil da echte Rechte auf ihren Stühlen gesessen hätten. Krisensitzungen seien nötig geworden, weil das Theater von den Rechten geradezu geschändet worden sei. Und eine Mitarbeiterin habe sich jedes Mal bedroht gefühlt, wenn ihr der Schriftsteller und Journalist Frédéric Schwilden, der AfD-Verteidiger, auf dem Weg ins Büro begegnet sei. Dabei hatte Schwilden die AfD gar nicht verteidigt; er hatte nur gegen deren Verbot plädiert.

Bei Madame Nielsen geht es weniger um die Politik als um die Zumutung, die die Kunst ist – und natürlich erkennt man schnell im „Gesamtkunsthaus“ dieses Romans das Vorbild der Münchner Kammerspiele, für die Madame Nielsen das Musical „Very Rich Angels“ geschrieben und komponiert hat. Im Juni 2024 war Premiere, der Erfolg war und ist groß; aber von einem Eklat, einem Konflikt zwischen dem Theater und Madame Nielsen findet sich nichts in den Archiven, nicht die kleinste Meldung, obwohl das doch die Kernkompetenz der Münchner Boulevardzeitungen wäre: einem solchen Skandal nachzuspüren und die ganz Story nachzuerzählen in mindestens fünf Folgen. Anruf also bei den Kammerspielen: Hat die Autorin den Skandal nur erfunden? Man habe sich getrennt, bald nach der Premiere, sagt Barbara Mundel, die Intendantin. Man habe aber keinerlei Interesse gehabt, die Geschichte an die große Glocke zu hängen.

Ein Künstler, der seine Kunst aber restlos begründen und erläutern wollte, könnte auf diese Kunst auch gleich verzichten

Mehr braucht man nicht zu wissen; und womöglich kann man den ganzen München-Bezug gleich wieder vergessen, wenn der Text zur Sache kommt: Die eindrucksvollste Stimme in dessen ganzer Vielstimmigkeit hat der persönliche Maskenbildner der Milady, der, von der Intendanz nach seinem Verhältnis zu der Künstlerin befragt, erst von der Freude und vom Glück der Zusammenarbeit schwärmt, davon, wie bereichernd das sei mit dieser kreativen Person; er steigert sich geradezu hinein in sein Lob, bis er irgendwann erkennt, dass sie, naturgemäß, den Ton angibt, dass sie die Stärkere und Interessantere ist, dass er, als Maskenbildner, nur in ihrem Dienst steht. Und dass Genie, Charakter, künstlerische Präsenz eigentlich schon die Grenzüberschreitungen sind, von denen jeder normale Mensch sich verletzt fühlen darf.

Das ist, einerseits, das künstlerische Programm der Madame Nielsen, ex negativo. Die Kunst ist nichts, wenn sie nicht der Skandal ist. Und andererseits weiß diese Autorin natürlich, dass es, umgekehrt, genauso spießig und im Grunde kleinmaxlmäßig (um hier einen Münchner Fachbegriff zu verwenden) wäre, wenn sie Exzentrik und Exaltiertheit, genialisches Getue und ein unbeherrschtes Temperament zur Produktionsbedingung wahrer Kunst erklärte.

Madame Nielsen: Das Zeitgeisterhaus. Alexander Verlag, Berlin 2026, 136 Seiten, 22 Euro
Madame Nielsen: Das Zeitgeisterhaus. Alexander Verlag, Berlin 2026, 136 Seiten, 22 Euro Alexander Verlag Berlin

Am Ende, wenn sie zum letzten Mal das Wort hat, sagt Milady, es tue ihr leid. Sie bittet um Vergebung, sie bescheinigt sich selbst einen „Erlöserkomplex“. Sie fängt, beim Versuch, sich selbst zu erklären, zu stammeln an, es wird alles ein bisschen wirr. Was sicher nicht das schriftstellerische Unvermögen der Madame Nielsen ist. Sondern literarische Strategie. Der falsche Gruß, die erhobene rechte Hand war (wie bei Jonathan Meese) künstlerische Praxis am falschen Ort; ein Künstler, der seine Kunst aber restlos begründen und erläutern wollte, könnte auf diese Kunst auch gleich verzichten. So bleibt Milady sich selbst ein Rätsel.

Als Madame Nielsen, bei ihrer Buchpremiere neulich in Berlin, Teile des Textes szenisch vortrug, war dieser Monolog der Schluss. Es war ein Moment von schöner, rührender und wahrhaftiger Weinerlichkeit. Im Buch hat die Intendantin das letzte Wort. Sie fragt sich, ob der Rauswurf richtig war, sie wird sich mit sich selbst nicht einig. Sie sagt, „wenn ich jetzt das Licht ausschalte, dann kommt das totale Dunkel.“ Sie weiß, was auch der Leser weiß: Der Streit geht weiter. Zum Glück.