TV-Kritik „hart aber fair“: Die Diskussion bleibt an der Zapfsäule stehen

Es wäre nicht aus der Luft gegriffen gewesen, am Montag, nachdem der Fall Christian Ulmen bekannt geworden war, bei „hart aber fair“ in der ARD über digitale sexuelle Gewalt an Frauen, deutsches Strafrecht, Verantwortung, Scham und Wandel zu diskutieren. Es wäre, nach der Talkshow von Caren Miosga am Abend davor, bei der es um die Wahl in Rheinland-Pfalz gegangen war, der nächste prominente Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dafür gewesen.

Aber Louis Klamroth und sein Team hatten sich dazu entschieden, über Spritpreise diskutieren zu lassen. Vielleicht muss man eher sagen: Sie blieben bei dieser Entscheidung, die sie vermutlich schon länger getroffen hatten, denn Klamroth hatte extra in der vergangenen Woche einen Tag an einer Tankstelle in Erfurt verbracht und dort Leute interviewt, ihnen das Auto betankt und gewaschen und sie danach befragt, wie sie es finden, dass Benzin so teuer geworden ist, und jetzt fragen Sie sich natürlich, was diese Leute so antworteten, und nicht alle hielten es, wie ein Autofahrer, für eine „Verarschung“, aber dazu später mehr.

Sportwagenfahrer Lindner, ganz offen

Mit diesen Bildern von der Erfurter Tankstelle begann die neue Ausgabe des seit einiger Zeit leicht überarbeiteten Talk-Formats. Und mit einem Satz des einstigen FDP-Chefs, Finanzministers und Sportwagenfahrers Christian Lindner, neuerdings stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Automobilhandelskonzerns Autoland AG: „Ich sage auch ganz offen: Individuelle Mobilität mit dem Auto muss auch weiter eine Wahlentscheidung für Menschen sein, es darf kein Luxus werden.“

Sagte Lindner also ganz offen, betonte danach, dass es für „die Menschen“ eine „hochemotionale“ Sache sei, wie die Benzinpreise gerade durchstarteten, und behauptete, er habe „nahezu keine Chance“, seinen neuen Arbeitsplatz in Sachsen-Anhalt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. (Brehna, Geschäftssitz der Autoland AG, ist, ein Blick in die Bahn-App reicht, von Berlin aus mit einmaligem Umsteigen per ICE und S-Bahn in anderthalb Stunden im Zug zu erreichen, mit dem Auto, ein Blick in einen x-beliebigen Routenplaner reicht, sind es zwanzig Minuten mehr). Er setzte damit schon in den ersten fünf Minuten dieser Sendung das fort, was er als Politiker bis vor kurzem getan hatte: Die Frage nach der Nutzung eines Autos, danach, womit es betankt wird und wie schnell es fahren darf, zu einer Frage individueller Freiheit zu stilisieren, statt zu einer nach Effizienz und gesellschaftlicher Verantwortung.

Es dauert, bis die Rede auf den „Krieg“ kommt

Das blieb, erst einmal, nicht weiter eingeordnet und unwidersprochen, und ähnlich eigenartig blieb, wie in den ersten zehn Minuten dieser Ausgabe das Wie und Warum der seit drei Wochen steigenden Preise, das größere Bild keine Rolle spielte, die ganze Diskussion im Grunde an der Tankstelle stehen blieb, mit der „hart aber fair“ begonnen hatte. Erst dann fiel das Wort „Krieg“.

Bis dahin aber und auch danach diskutierte die Runde, zu der neben Lindner auch der SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf, die Unternehmerin Katharina Welsh-Schied, der CDU-Europaabgeordnete Dennis Radtke, die Journalistin Katharina Hamberger und die Ökonomin Maja Göpel gehörten, über den Spielraum der deutschen Politik und weiteten den Blick nur insofern über die Grenzen hinaus, als dass man sich fragte, warum das Tanken in Österreich und Belgien, Kroatien und Griechenland nur so viel billiger sei. Die Antwort, mehr oder weniger: Weil die Politik dafür sorgt.

Was tut die „Taskforce“?

Was also jetzt tun? Hilft es, Steuern zu senken? (Zu teuer, finanziert die Gewinne der Mineralkonzerne mit, die Pendlerpauschale kostet Geld.) Wie viel nützt die einmal tägliche Preisfestsetzung zur Mittagszeit? (Die Konzerne steigen dann nur weit oben ein, um dann nach und nach herunterzugehen.) Warum braucht die Koalition so lang? (Die einberufene „Taskforce“ trifft sich noch mal am Donnerstag, dann passiert was.)

Und vor allem war sich die Gruppe mehr oder weniger einig darin, dass es prinzipiell wichtig sei, die Macht des Kartellamts zu stärken. Die Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) hatte angekündigt, die Beweislast umkehren zu wollen, nunmehr sollen die Konzerne plausibel erklären, warum die Preise so sind, wie sie sind. Beide anwesenden Politiker aus den Koalitionsparteien, Radtke wie Klüssendorf, räumten ein, zu langsam und spät reagiert zu haben, viel zu spät sogar, denn schon beim Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine vor vier Jahren hätte man das „miterledigen“ müssen, sagte Radtke.

Lindners Freude am privaten Sektor

Die strenge Dramaturgie dieser Folge von „hart aber fair“ zeigte sich da am deutlichsten, denn von hier aus ging es kurz noch weiter ins deutsche Innenleben hinein, in die Zukunft der SPD, die in Rheinland-Pfalz soeben nach Jahrzehnten an der Regierung abgewählt worden, und weiter in die Vergangenheit des Christian Lindner. Ob der wieder in die Politik zurückkehren würde, um mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann die FDP aus dem drohenden Untergang zu steuern? Oder, um es mit einem typischen Klamroth zu sagen: „Machen Sie es mit ihr?“ „Ich habe viel Freude im privaten Sektor“, antwortete Christian Lindner darauf, und: „Alles hat seine Zeit.“

Und offenbar war, so kurz vor Schluss, in der Dramaturgie von „hart aber fair“ jetzt auch einmal die Zeit dafür gekommen, um über Alternativen zu fossilen Brennstoffen nachzudenken, statt darüber, fossile Brennstoffe möglichst billig zu halten. Louis Klamroth hatte an seiner Erfurter Tankstelle nämlich auch einen Tesla-Fahrer getroffen: „Ich fahre ein Betriebsauto mit Elektro“, hatte der ihm erzählt, „ich habe null Probleme mit Benzinpreisen“.

Sind wir noch zu abhängig von fossiler Energie, fragte Klamroth deswegen in die Runde, worauf Lindner, auch das nichts Neues bei ihm, für E-Fuels warb, also für synthetische Kraftstoffe. „Es ist geoökonomisch wie geopolitisch eine Sicherheitsfrage zu sagen: Wir elektrifizieren“, widersprach Maja Göpel ihm. Da hatte sich, wenn auch nur kurz, der Blick doch noch über deutsche Tankstellen und den Krieg in Iran hinaus bis zum Klimawandel geweitet, der auch eine soziale Frage stellt, weltweit.