

Als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder 2023 den Vorstoß unternahm, die Altersgrenze für Oberbürgermeister in Bayern aufzuheben, zielte er damit zuvorderst auf München: Er wollte verhindern, dass die Grünen in der Landeshauptstadt das Rathaus übernehmen, genauer gesagt, der erfahrene Amtsinhaber Dieter Reiter von der SPD, der eigentlich der Altersbeschränkung zum Opfer gefallen wäre, sollte das verhindern.
Reiter, seit 2014 Oberbürgermeister, schien eigentlich unschlagbar. Doch dann schickten ihn die Münchner Wähler vor zwei Wochen in die Stichwahl, gegen Dominik Krause, einen Grünen. Am Sonntag kam es dann zu einem Ergebnis, das vor Kurzem noch als Sensation, am Wahlabend immer noch als faustdicke Überraschung galt: Krause, 35 Jahre alt, seit 2014 im Stadtrat, seit 2023 zweiter Bürgermeister, gewann – und das, obwohl die CSU, die mit ihrem Bewerber Clemens Baumgärtner nicht einmal in die Stichwahl gekommen war, die Wahl Reiters empfohlen hatte. Laut dem vorläufigen Ergebnis stand Krause bei 56,4 Prozent, Reiter bei 43,6.
Was war passiert? Reiter, eigentlich durchaus beliebt, hatte einen verpatzten Wahlkampf hingelegt. Es begann damit, dass er glaubte, so bekannt und beliebt zu sein, dass er gar keinen Wahlkampf im engeren Sinn zu führen brauchte. Selbst Projekte mit potentiell großer Strahlkraft wie etwa eine Olympia-Bewerbung Münchens begleitete er nur halbherzig. Seine Bilanz bei den Themen, die die Münchner vor allem umtreiben, etwa bezahlbares Wohnen, ist ausbaufähig. Dazu war nicht zu erkennen, welche Idee Reiter von der Zukunft der Stadt hatte. Kritik ließ er überdies an sich abperlen, verwies bei Missständen reflexhaft auf seine Verwaltung.
„Ich hab’s verbockt“ – Reiter kündigt Ende seiner politischen Laufbahn an
Reiters Grundgefühl, dass ihm nichts etwas anhaben könne, ließ ihn auch auf jüngste Vorwürfe im Zusammenhang mit Posten beim FC Bayern nur unzureichend reagieren. Er hatte sich die gut dotierten Nebentätigkeiten im Verwaltungsbeirat und im Aufsichtsrat nicht wie vorgeschrieben vom Stadtrat genehmigen lassen, tastete sich gleichwohl nur peu à peu an eine Entschuldigung und an Reuebekundungen heran – zu spät, wie sich nun erwiesen hat.
Reiter gestand seine Niederlage schon vor der Auszählung aller Stimmen ein: „Ich hab’s verbockt.“ Das Wahlergebnis sei seine Schuld, hob Reiter hervor. Er kündigte das Ende seiner politischen Laufbahn an: „Das war’s von mir.“ Es sei ihm eine Ehre gewesen, „hier in dieser Stadt Oberbürgermeister sein zu dürfen“.
Jubel herrschte hingegen bei den Grünen, die zum ersten Mal überhaupt in die Stichwahl gekommen waren. Auf der Wahlparty sagte Krause, „es war eine besondere Atmosphäre in der Stadt. Jetzt packen wir es, jetzt bewegen wir wieder was“. Es sei „der Wahnsinn“, dass die Münchnerinnen und Münchener so abgestimmt haben. „Vielen Dank, liebes München.“ Krause hatte kurz vor der Stichwahl für den Fall eines positiven Ausgangs ein Sofortprogramm angekündigt, das unter anderem eine Agentur zur Umwandlung von Büro- in Wohnraum und die Schaffung einer neuen Verwaltungskultur beinhaltet.
Das Wahlergebnis ist ein historischer Einschnitt für die SPD. Seit 1948 war fast immer ein Sozialdemokrat Münchner Oberbürgermeister – mit Ausnahme der Jahre 1978 bis 1984, als CSU-Mann Erich Kiesl den Posten innehatte. Aber auch die CSU dürfte nicht begeistert sein, dass ihr Plan, sich mithilfe eines SPD-Politikers die Grünen vom Hals zu halten, in München nicht funktioniert hat.
