Während die Zeitungen vermelden, dass die Kriegsbegeisterung auch das Hinterland erfasst hat, werfen die Soldaten an der Front Patronen ins Wasser. In der Heimat wird gleichfalls sabotiert: Arselja, der jugendliche Kuhtreiber, lässt irgendwann die Rinder los, die den Truppen der k. u. k. Monarchie als Nahrung dienen. „Wenn das Heer Hunger hat, ist es aus mit dem Krieg“, so meint er.
Doch das Heer hungert nicht, dafür trägt das Hinterland Sorge. Die bosnische Tiefebene Posavina gibt ihre Früchte her, die Frauen ihre Körper. Es ist eigentlich diese „Provinz im Hinterland“ selbst, die in dem gleichnamigen, 1935 veröffentlichten und nun erstmals auf Deutsch übersetzten Roman von Hasan Kikić erzählt; spräche sie, sie ächzte.
Die Kinder singen, wenn sie unter sich sind – „Kaiser Karl und Kaiserin Zita, warum führt denn Krieg ihr beide, wenn ihr doch habt kein Getreide“ – und weinen, als die Lehrerin vormacht, wie sie auf den Tod des Thronfolgers Franz Ferdinands zu reagieren haben.
Zur Buchmesse in Leipzig 2026 erscheint wieder die Literataz – diesmal schon vorab in der wochentaz vom 14. März. Darin geht es um die neuen Bücher von Judith Hermann, Carla Hinrichs, Judith Holofernes, Siri Hustvedt, Michal Hvorecký, Hasan Kikić, Rinah Lang, Dorota Masłowska, Sophia Merwald, Quinn Slobodian, Eva von Redecker, Christoph Ribbat, Lukas Rietzschel, Kuku Schrapnell, Ben Tarnoff, Curtis Sittenfeld, Ronen Steinke, Yasemin Toprak, Michael Wildenhain. Alle Texte zur Buchmesse finden Sie in unserem Schwerpunkt auf taz.de.
Die Buchmesse in Leipzig geht von Donnerstag, 19.3, bis Sonntag, 22.3.
Die taz ist wieder mit einem eigenen Stand vor Ort, an dem in zahlreichen Talks mit Autor:innen diskutiert wird – live auf der Bühne in Halle 5 und als Stream im youtube-Kanal der taz.
Ein Krieg wie ein Naturereignis
Der Erste Weltkrieg kommt über die Dörfer wie ein Naturereignis, ein Wolkenbruch, der die Kühe auseinandertreibt und die hungrigen Treiber ohnmächtig in die Gräben sinken lässt. Kikić’ Figuren, Kinder, Jugendliche, sind nur der Sprache der Unmittelbarkeit mächtig, sie leben von Tag zu Tag und von der Hand in den Mund.
Hasan Kikić: „Die Provinz im Hinterland“. Aus dem Bosnischen von Naser Šečerović. Bahoe Books, Wien 2026, 200 Seiten, 22 Euro
Die sinnlose Grausamkeit des Krieges verdeutlicht der 1905 geborene Autor dabei, ohne sich dem Schlachtfeld zu nähern, und unterscheidet sich darin von etwa zeitgleich geschriebenen Antikriegsromanen wie Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“. Seine Abgründe sind die leeren Mägen der Dorfbewohner:innen. Dabei hat Kikić dies- und jenseits der Front die Schrecken am eigenen Leib erfahren: während des Ersten Weltkriegs als Kind, während des Zweiten als Partisan, als der er 1942 hingerichtet wurde.
