Schlechte Bewertungen und Frustration am Wochenende – Wissen

Wochenende. Einkaufen gehen, ausgespülte Joghurtbecher am Wertstoffhof in Behälter sortieren und danach: seelischen Ballast abwerfen. So etwa: „Habe meinen Sonntag damit verbracht, mich mit einer Retoure herumzuschlagen, die eigentlich ganz einfach hätte sein sollen. Der Kundenservice war absolut nutzlos und jetzt habe ich mein halbes Wochenende damit verschwendet. Super frustrierend.“ Das Essen vom Lieferservice war auch grässlich, raus mit dem Ärger. „Gestern Abend spät bestellt: Das Essen war kalt und kam über eine Stunde zu spät. Weder gab es Infos noch eine Entschuldigung. So was ruiniert einem einfach die Laune am Wochenende.“ Von wegen gute Stimmung, große Freiheit: Gar nicht mal so wenige Menschen scheinen bevorzugt am Wochenende Dampf abzulassen und das Netz mit schlechten Bewertungen zu befüllen.

Die zitierten Rezensionen stammen aus den Daten eines Teams von Forschern um Andreas Bayerl von der Erasmus-Universität Rotterdam und Florian Stahl von der Universität Mannheim. Ihre Analyse von 400 Millionen Kundenbewertungen auf 33 Plattformen zeigt, dass am Wochenende abgegebene Bewertungen signifikant schlechter ausfallen als solche, die unter der Woche geschrieben werden. Der Effekt ist nicht riesengroß, aber vorhanden: Am Wochenende ist der Anteil von Bewertungen mit nur ein, zwei oder drei Sternen um sechs Prozent höher als an Wochentagen, wie die Wissenschaftler im Journal of Marketing Research schreiben.

Dieser negative Wochenendeffekt überrascht zunächst. Samstag und Sonntag sollte die Laune der meisten Menschen doch eigentlich besser sein. Und Studien aus den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass „auf vielen Social-Media-Plattformen Beiträge an Samstagen und Sonntagen etwas positiver ausfallen“, sagt Stahl. Was also treibt die üble Rezensionslaune? Offenbar handelt es sich um eine Form der „temporären Selbstselektion“, wie die Wissenschaftler argumentieren.

Wer am Wochenende an seinen Arbeitgeber denkt

Am Wochenende schreibt demnach eine andere Gruppe von Menschen Rezensionen als unter der Woche. An Samstagen und Sonntagen sitzen tendenziell mehr Personen mit im Vergleich kleineren Freundeskreisen sowie davon getriebener schlechterer Laune vor ihren Rechnern, so die Analyse. Die negativen Wochenendbewertungen enthalten generell weniger Begriffe, die auf soziale Interaktionen hindeuten. „Am stärksten zeigt sich der Effekt auch für Dinge, die man allein macht“, sagt Stahl. Generell fallen die Wochenendtexte knapper aus und enthalten häufiger Begriffe, die mit Traurigkeit assoziiert sind.

Man muss sich die Tasten-Wüteriche wohl als schlecht gelaunte Menschen vorstellen, denen die freien Tage ihre Einsamkeit vor Augen führen. Unter der Woche nämlich geben die gleichen Personen bessere Bewertungen ab. Demografische Merkmale – Geschlecht, Alter, politische Orientierung – zeigten keine nennenswerten Einflüsse. Am deutlichsten offenbarte sich der Effekt auf Plattformen, auf denen Nutzer Arbeitgeber bewerten. Aber das liegt irgendwie auf der Hand. Wer seinen Frust aus der Arbeitswoche mitbringt und dann am Wochenende im eigenen Saft schmort, muss wohl Dampf ablassen.