Manchmal ist Skirennfahren wie Malerei, Linien werden auf weißem Grund zu einem Gesamtwerk, und wenn mal der Stift oder eben der Ski die Ideallinie verlässt, entstehen, wie etwa am Samstagmittag, Schönheitsfehler: Es war nur einer zwischen vielen gelungenen Schwüngen, als die Skier der Rennläuferin Emma Aicher die Ideallinie verließen. Das Manöver hatte die 22-Jährige offenbar beabsichtigt, so etwas kann sich in Abfahrtsrennen auszahlen, weil man eventuell in einen Weg investiert, der das Tempo aber deutlich erhöht. Doch diesmal sollte sich jene Kurve als Umweg entpuppen. Ein entscheidender Schönheitsfehler, für den der Skiweltcup weder Deckweiß noch Radiergummi vorsieht.
Leicht geknickt wirkten Aicher und ihre Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann am Samstagmittag im Ziel. Anlass war der Blick auf den Ergebnismonitor in Kvitfjell, Norwegen, der nicht nur die Renn-, sondern auch die finale Gesamtwertung anzeigte. Aicher war als Tagesfünfte über die Ziellinie dieses Abfahrtsrennens gefahren, Weidle-Winkelmann hatte als Dritte das Podest erreicht. Was an anderen Tagen Anlass für Erheiterung oder zumindest neutrale Mienen im Deutschen Skiverband (DSV) gewesen sein dürfte, kam diesmal weniger gut an. Eben auch, weil auf dem Monitor im Zielstadion alsbald die Siegerin der kleinen Abfahrtskristallkugel eingeblendet wurde.

:Das Phänomen Shiffrin
Die US-Amerikanerin hat mehr Profiskirennen gewonnen als jeder andere Mensch und ist nun auch Olympiasiegerin von Cortina. Was sie so überlegen macht, lässt sich mit Daten und Ski-Expertise erklären.
Als große Gewinnerin dieses Samstags durfte sich die Italienerin Laura Pirovano feiern lassen. Die 28-Jährige raste nicht nur am schnellsten über die Piste, sondern sicherte sich dank ihres dritten Erfolgs in Serie gleichwohl die Trophäe für die beste Abfahrerin des Winters. Die beiden deutschen Fahrerinnen hätten Pirovano dieses Fest noch streitig machen können, ähnlich wie Abfahrts-Olympiasiegerin Breezy Johnson aus den USA, die der Italienerin noch am nächsten kam und Tageszweite wurde. „Ziemlich bitter gerade“, erklärte Weidle-Winkelmann im ZDF. „Die Emma hat die Kugel jetzt leider verloren, ich bin auch noch auf den vierten Gesamtplatz hinter Breezy zurückgerutscht.“ Aber: „Wir können trotzdem sehr stolz darauf sein, was wir diese Saison gezeigt haben.“
Aicher, die im Abfahrtsweltcup immerhin Zweite wurde, bat um Befreiung aus der Interviewzone, womöglich auch deshalb, weil noch zu viel auf dem Spiel steht. Die gute Nachricht, so werden sie es beim DSV sehen: Im viel wichtigeren Klassement dieses Winters, dem alpinen Gesamtweltcup, machte Aicher 45 Punkte auf US-Konkurrentin Mikaela Shiffrin gut. Erstmals seit November liegt sie nun weniger als hundert Punkte hinter der Gesamtführenden – und kann mit einem Sieg im sonntäglichen Super-G (so wie es ihr zuletzt vor drei Wochen in Soldeu, Andorra gelungen war) zum ersten Mal in ihrer Karriere die Führung übernehmen.
Wie auch immer der zweite von vier Akten beim Weltcupfinale von Kvitfjell endet – die Entscheidung fällt frühestens im Slalomrennen am Dienstag, voraussichtlich eher erst am Mittwoch im letzten Rennen des Winters, dem Riesentorlauf. Erst dann ist das saisonale Gesamtkunstwerk der Expressionistinnen auf Kanten vollendet.
