Wegen Tipps für die Koksmafia: Korrupter Staatsanwalt muss ins Gefängnis – Panorama

In seiner Karriere als Staatsanwalt am Landgericht Hannover hat Yashar G. viele Urteile gehört. Urteile über Menschen, die er vor Gericht gebracht hatte. Damals trug Yashar G. eine dunkle Robe und saß auf der Seite der Ankläger. Nun sitzt er dort, wo die Angeklagten sitzen und hört sein eigenes Urteil: Acht Jahre und sechs Monate muss der 40-Jährige ins Gefängnis und 45 000 Euro zahlen – wegen Bestechlichkeit und Verletzung des Dienstgeheimnisses. Seit Herbst 2024 sitzt er bereits in Untersuchungshaft. Als Staatsanwalt wird er nie wieder arbeiten können, irgendwann aber vielleicht noch als Anwalt.

Ausgerechnet G., im Kollegium der Staatsanwaltschaft Hannover als hilfsbereiter, engagierter und äußerst kompetenter Dezernent geschätzt. Ein beliebter Vorzeige-Ankläger. Geboren in Iran, aufgewachsen als Flüchtlingsjunge in einfachen Verhältnissen, das Jura-Studium später mit Prädikatsexamen abgeschlossen. Einer, der als Ankläger so hart gegen organisierte Drogenkriminalität vorging wie wenige, der in fünf Jahren 247 Verfahren bearbeitete.

Yashar G. ist die Schlüsselfigur eines der wohl größten Justizskandale Niedersachsens, dessen politische Aufarbeitung gerade erst beginnt. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss soll aufklären, wieso er bis 2024 weiterarbeiten durfte, obwohl es schon seit 2020 Hinweise gab, dass er der „Maulwurf der Justiz“ sein könnte. Warum die Vorgesetzten von Yashar G., insbesondere die damalige Behördenleiterin und heutige Generalstaatsanwältin von Celle, Katrin Ballnus, ihn aber trotzdem weiter ermitteln ließen. Auch das Justizministerium, damals noch von der CDU geführt, heute in SPD-Hand, ließ Yashar G. jahrelang gewähren, unter beiden Ministerinnen. Sogar als 2022 verdeckt gegen ihn ermittelt wurde, weil er im Verdacht stand, Informationen an führende Köpfe der Bande, gegen die er ermittelte, durchgestochen zu haben. Bei einer lange geplanten Razzia gegen den Drogenring mit mehr als 1000 Polizisten hatten auffällig viele Haftbefehle nicht vollstreckt werden können. Zwei Drogenbosse konnten ins Ausland fliehen.

Das Vertrauen in die Justiz sei erschüttert worden, sagt die Richterin

Das Gericht ist sich sicher: Yashar G. ist die Person, die in den Tausenden Chats der international tätigen Koksbande als „Cop“ und „SA“ gefeiert wurde. Pro Tipp soll der Staatsanwalt 5000 Euro bekommen haben. Dafür informierte er die führenden Köpfe der Drogenbande über Ermittlungsergebnisse, Haftbefehle, Überwachungsmaßnahmen und Razzien. Die Übergabe des Geldes übernahm G.s Freund, ein Boxtrainer mit eigener Kampfsportschule in Hannover. Der wurde zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt, er hatte nach langem Schweigen gestanden, die Taten als „Freundschaftsdienst“ begangen zu haben.

Hatte Yashar G. im vergangenen April zu Prozessbeginn noch fünf Stunden lang seine Unschuld beteuert, ließ er in diesem Januar über seinen Verteidiger neun der 14 angeklagten Taten einräumen. Zuvor hatten sich Anklage und Verteidigung auf einen sogenannten Deal geeinigt, der ein Geständnis einschloss.

Die Beweise hätten aber auch ohne Geständnis für eine Verurteilung ausgereicht, betonte die Richterin. In seinem letzten Wort hatte G. zuvor gesagt, dass sich sein Leben grundlegend verändert habe, er sehe sein Verhalten kritisch und übernehme die volle Verantwortung. „Ich habe viele Menschen enttäuscht und das bereue ich zutiefst“, so G., die größte Strafe sei für ihn aber, „dass mein Kind eine Zeit ohne Vater aufwachsen wird“. 2023 war G. Vater geworden. Sein Motiv bleibt unklar, seine Verteidiger hatten angemerkt, dass ihr Mandant von der Drogenbande unter Druck gesetzt worden sei und er weiterhin Angst vor ihnen habe.

Die Richterin Jana Bader begann ihr Urteil mit dem Satz: „Eine unabhängige Justiz, der die Menschen vertrauen können, ist Voraussetzung für einen funktionierenden Rechtsstaat.“ Yashar G. hörte ihr äußerlich gefasst zu, zwischendurch schüttelte er den Kopf und machte sich Notizen, immer wieder suchte er den Blick von Freunden und Angehörigen im voll besetzten Zuschauerraum im größten Gerichtssaal Niedersachsens.

Sein Handeln, sagte Richterin Bader, habe das Vertrauen der Menschen in den Rechtsstaat erschüttert, „der eingetretene Schaden ist immens und gilt bundesweit, aber vor allem für die Justiz in Niedersachsen“.  G. habe es als Staatsanwalt zwei bekannten Drogenhändlern ermöglicht, weiter ungestört ihre Geschäfte machen zu können. Von Reue habe die Kammer nichts gemerkt. Bei seinen Taten habe er ein besonders professionelles Vorgehen und erhebliche kriminelle Energie gezeigt, so die Richterin mit eindringlicher Stimme weiter. So hatte er sogar noch aus der U-Haft versucht, mit einem eingeschmuggelten Handy seine Ex-Freundin zu beeinflussen.