Die mit der Wahrheitsbehörde, der (L)Ad Alliance und einer Billion Dollar

Seit wann hält sich die FCC für eine Wahrheitsbehörde?

Früher war die Rollenverteilung klar. Als Donald Trump 2017 nach unliebsamer NBC-Berichterstattung mit Lizenzentzug spielte, stellte der republikanische Chef der Medienaufsichtsbehörde FCC Ajit Pai öffentlich klar, die Behörde sei nicht dazu da, Broadcastern wegen ihrer Inhalte die Lizenz zu entziehen. Und als Trump 2024 nach dem ABC-Duell erneut dieselbe Karte zog, reagierte auch die demokratische FCC-Vorsitzende Jessica Rosenworcel mit institutioneller Nüchternheit. Die First Amendment („freedom of speech and press“)-Grenzen seien eindeutig. Die FCC ziehe keine Lizenzen ein, nur weil einem Politiker die Berichterstattung nicht passe. Der aktuelle Chef Brendan Carr macht das nun, vorsichtig formuliert, etwas anders. In der aktuellen Auseinandersetzung um die Berichterstattung zum Iran-Krieg droht er lizenzierten Broadcastern offen mit Konsequenzen bis hin zum Lizenzentzug, spricht über vorgezogene Lizenzprüfungen und koppelt das alles an den Vorwurf, Sender verbreiteten „hoaxes“ oder „news distortions.“ Das ist nicht mehr die demonstrative Distanz einer unabhängigen Regulierungsbehörde zum politischen Tagesgeschäft, sondern der Eindruck einer Behördenspitze, die den publizistischen Ärger des Präsidenten regulatorisch verlängert.


Dass Trump Carrs Kurs auch noch ausdrücklich bejubelt, macht den Vorgang institutionell nur noch brisanter. So entsteht eine einschüchternde Drohkulisse, selbst wenn die rechtliche Durchsetzung am Ende vermutlich scheitern würde. Denn schon die Aussicht, dass eine Bundesbehörde Kriegsberichterstattung unter dem Etikett „public interest“ politisch abklopft, kann Redaktionen vorsichtiger, defensiver und konfliktärmer machen. Wenn die FCC nicht mehr nur Frequenzen, Verfahren und Marktordnung beaufsichtigt, sondern sich faktisch zum Schiedsrichter über zulässige Kriegsnarrative aufschwingt, gerät die Grenze zwischen Medienaufsicht und politischer Inhaltskontrolle komplett ins Rutschen. Carr normalisiert somit etwas, das seine Vorgänger beider Parteien noch als Tabu behandelt haben. Es wirkt deshalb wie der Versuch, unter neuem Vorzeichen wieder an einen gefährlichen alten Reflex anzuknüpfen, nämlich die Vorstellung, der Staat dürfe im Namen des „öffentlichen Interesses“ definieren, wann Journalismus noch Berichterstattung und wann er bereits Abweichung ist. In einer liberalen Demokratie sollte genau das nicht Aufgabe der FCC sein. Dass eine formal unabhängige Behörde sich plötzlich berufen fühlt, journalistische Wahrheit im Schatten des Präsidenten zu vermessen, ist grotesk.


Was passiert, wenn der beste Entlarver des Fernsehens auf Männer trifft, die längst gelernt haben, jede Entlarvung in Content zu verwandeln?

Louis Theroux ist über Jahrzehnte mit einer Methode erfolgreich geworden, die heute fast etwas altmodisch wirkt: freundlich bleiben, aushalten, nachfragen, nicht moralisch auftrumpfen und darauf vertrauen, dass sich die Widersprüche des Gegenübers irgendwann selbst zeigen. In seinem neuesten Netflix-Projekt „Inside the Manosphere“ aber stößt genau diese Methode womöglich an ihre Grenzen. Denn Theroux trifft hier nicht auf Außenseiter, die sich vor der Kamera verheddern. Er trifft auf toxische Männer, die für Kamera, Clip und Algorithmus längst professionell ausgerichtet sind und keinerlei Skrupel kennen. Die Doku zeigt eine virtuelle Szene, in der Widerspruch kein Risiko mehr ist, sondern Teil des Geschäftsmodells. Provokation erzeugt Reichweite, Reichweite erzeugt Geld, und moralische Empörung wird zu Dollars. Der Independent urteilt deshalb hart, Theroux sei diesmal ein Stück weit „out of his depth.“ Die Financial Times formuliert es etwas eleganter, kommt aber in eine ähnliche Richtung. Diese Männer performten nicht für das Gespräch, sondern für den eigenen Feed. Deshalb ist „Inside the Manosphere“ nicht misslungen. Im Gegenteil. Der Film ist oft klug, bedrückend und gerade in seiner Beklemmung eine sehr gute Doku. Weil er zeigt, wie hohl diese angebliche Alpha-Männlichkeit ist. Als Pose, als Marke, als Dauerinszenierung verletzter Eitelkeit.

Theroux selbst beschreibt in einem Interview, Projektionen von Stärke seien oft Geständnisse von Schwäche. Genau das macht die Doku sichtbar. Und doch bleibt ein Unbehagen. Der Guardian kritisiert zu Recht, dass der Film zu wenig bei den Folgen dieser Ideologie verweilt. Nämlich bei Frauen, Mädchen und den realen Schäden, die aus dieser digital vermarkteten Misogynie entstehen. Ich finde Louis Theroux ist nicht schlechter geworden, aber sein Gegenstand hat sich nun mal verändert. Die neuen Exzentriker leben nicht trotz Öffentlichkeit, sondern von ihr. Gegen ein solches System kommt selbst Theroux’ große Kunst des entwaffnenden Beobachtens nur noch begrenzt an. Die Doku zeigt damit nicht nur die Abgründe der Manosphere, sondern auch die Grenze einer journalistischen Methode, die in einer algorithmischen Medienwelt plötzlich nicht mehr automatisch überlegen ist. Schaut es euch selbst an. Auch wenn starke Nerven gefragt sind, wenn ein Protagonist seine Freundin als „dishwasher“ vorstellt oder ein anderer sein Beziehungsmodell als wie selbstverständlich „It’s monogamous on her end, open on my end“ beschreibt.


Wo fällt man wohl wieder in alte Muster zurück und es stört niemanden mehr?

Die neue Struktur der Ad Alliance (RTL) ist auf Effizienz, Bündelung und klare Verantwortlichkeiten getrimmt, mit neuen Hubs, mehr Crossmedia, Data, Transformation und all den Vokabeln, mit denen man im Jahr 2026 selbstverständlich nach Zukunft klingen will. Nur sieht die Zukunft hier erstaunlich oft männlich aus. Wer die im Text genannten Führungspositionen durchgeht, landet bei folgendem Bild: Oben sehr viele Männer, dazwischen einige Frauen, zwei auch als Direct Reports zur Geschäftsführung. Die eigentlichen Hauptachsen der Macht aber – Geschäftsführer, Chief Sales Officer, Chief Marketing Officer, Chief Operating Officer und Chief Commercial Officer – sind sämtlich männlich besetzt. Insgesamt stehen in der jetzt veröffentlichten Führungsstruktur 17 Männern nur vier Frauen gegenüber, also weniger als 20 Prozent. Klingt eher nach (L)Ad Alliance.

Das Pikante ist, dass es diese Debatte bei RTL längst gegeben hat. Schon 2022 wurde eine neue Führungsstruktur von RTL Deutschland öffentlich und intern kritisiert, weil ProQuote, ein Verein aus Journalist*innen und Medienschaffenden, der sich für mehr Frauen und mehr Diversität in Führungspositionen der Medienbranche einsetzt, damals vier Frauen und 18 Männer im Führungsteam zählte (klingt irgendwie ähnlich). RTL reagierte darauf damals bemerkenswert offen mit dem Eingeständnis: „Ja, wir sind nicht divers genug“, schrieben die damaligen Co-Chefs Stephan Schäfer und Matthias Dang in einer internen Mail. Und im Bertelsmann-Kosmos existieren solche Ziele nicht erst seit gestern. Offiziell war seit Jahren formuliert, dass Frauen im Top- und Senior-Management mindestens ein Drittel der Positionen besetzen sollen. Später wurde sogar berichtet, dass diese Marke konzernweit erreicht worden sei. Umso erstaunlicher ist es, wenn ausgerechnet in sichtbaren Machtarchitekturen wieder solche Org-Charts entstehen. Die aussehen, als seien Diversity-Ziele vor allem etwas für Nachhaltigkeitsberichte und nicht für reale Besetzungsentscheidungen. Und diese Organigramme haben eine eigene Ehrlichkeit. Sie zeigen meist ziemlich ungeschminkt, wem ein Unternehmen seine Zukunft anvertraut.


Wo bleibt das liberale Gegenmodell zu Tucker Carlson?

Das Ende von Stephen Colberts „Late Show“ rückt näher. Die letzte Ausgabe ist für den 21. Mai 2026 angekündigt. Früher hätte man bei einem Host wie Colbert wie selbstverständlich gefragt: Welches Network schnappt ihn sich? Jetzt wirkt aber genau das erstaunlich unwahrscheinlich. ABC hat gerade trotz aller Aufregung zuletzt Jimmy Kimmel bis Mai 2027 gebunden, NBC hält an Jimmy Fallon und Seth Meyers fest, und CBS baut mit dem Ende der „Late Show“ gleich selbst einen der traditionsreichsten Stühle ganz ab. Der klassische Broadcast-Weg nach vorn ist für Colbert also ziemlich verbaut. Klar, Netflix ist immer eine Lösung. Aber: Warum sollte Colbert überhaupt noch auf einen Sender warten? Andere haben längst vorgemacht, wie sich TV-Ruhm außerhalb des alten Systems in ein eigenes Geschäft übersetzen lässt. Tucker Carlson hat das am konsequentesten getan. Er wurde als Fox-News-Star mit „Tucker Carlson Tonight“ berühmt-berüchtigt und hat nach seinem Ausstieg mit dem Tucker Carlson Network ein eigenes Direct-to-Consumer-Ökosystem gebaut. Mitgliedschaft, Apps, exklusive Dokus, werbefreie Inhalte, Community-Vorteile. Carlson verkauft heute nicht nur Inhalte, sondern direkte Zugehörigkeit. Piers Morgan verfolgt ein anderes Modell. Berühmt wurde er als Boulevard-Mann und später als TV-Figur bei CNN und ITV. Heute ist „Piers Morgan Uncensored“ eine große digitale Debattenmarke, die mit neuer CEO Rashida Jones (früher MSNBC) zu einer breiteren Medienfirma ausgebaut werden soll. Morgan macht aus seinem Namen also kein Club-Modell wie Carlson, sondern eine skalierbare Content-Company auch jenseits der eigenen Person.

Diese Modelle funktionieren bisher vor allem im politisch konservativen oder systemkritischen Spektrum. Carlson eindeutig. Morgan weniger eindeutig, aber ebenfalls stark über Zuspitzung, Reibung und Kulturkampf. Beide haben verstanden, dass sich Haltung und Personenmarke heute direkt monetarisieren lassen. Und genau das könnte auch für Colbert gelten. Wo ist eigentlich das große liberale Gegenangebot im selben Modus? Ein host-getriebenes, meinungsstarkes, direkt monetarisiertes Angebot links der Mitte? Colbert hätte vieles dafür. Bekanntheit, politische Haltung, eine loyale Fanbasis und tägliche Kommentierungserfahrung. Ich bin mir sicher, das Ende von Colberts Show wird kein Karriereende sein. Es könnte genauso gut der Moment sein, in dem auch die liberale Medienwelt begreift, was Carlson und Morgan längst demonstrieren. Wer heute über Reichweite, Haltung und ein treues Publikum verfügt, muss nicht mehr auf einen freien Sendeplatz warten. Er kann sich seinen eigenen bauen. Ich bin gespannt, wie das weitergeht.


Und was, wenn Jensen Huang gar nicht anders kann, als maximal optimistisch zu klingen?

Auf der Nvidia-Konferenz GTC in San Jose hat Huang wieder die ganz große Zahl geliefert. Mindestens eine Billion US-Dollar Umsatz bis Ende 2027 mit den Plattformen Blackwell und Rubin (das sind Nvidias aktuelle und nächsten KI-Rechnergenerationen aus GPUs, CPUs und Netzwerktechnik für riesige KI-Fabriken und Rechenzentren). Das ist doppelt so viel wie die bisherige Erwartung. Operativ passt das zum Bild eines Unternehmens, das weiter wie entfesselt wächst. Vordergründig sieht also alles bestens aus. Und doch blieb der Kapitalmarkt erstaunlich kühl. Trotz der neuen Billionen-Prognose reagierte die Aktie nur verhalten. Ergo, bei einem Börsenwert von deutlich über vier Billionen US-Dollar reichen selbst spektakuläre Zahlen nicht mehr automatisch als neuer Kurstreiber. Hinzu kommt die wachsende Skepsis, ob der KI-Boom in diesem Tempo ökonomisch wirklich sauber unterfüttert ist. Die Gegenstimmen werden lauter. Bill Gurley, langjähriger Silicon-Valley-Starinvestor und früherer General Partner von Benchmark, warnte zuletzt im US-Wirtschaftsfernsehen CNBC vor einem „Reset“, weil viele KI-Firmen Geld in einem Tempo verbrennen, das schwer profitabel einzufangen sein werde. Jeremy Grantham, Mitgründer des Vermögensverwalters GMO und einer der bekanntesten Bubble-Warner der Wall Street, sieht den US-Aktienmarkt ohnehin seit Längerem im Bubble-Terrain und formulierte seine Skepsis in einem GMO-Essay sogar mit der Überschrift „Extreme Bubble.“ Ihr gemeinsamer Punkt, dass Bewertungen, Capex, Verschuldung und Erlösmodelle derzeit gefährlich auseinander driften.

Ganz aus der Luft gegriffen ist das sicher nicht. OpenAI, bekannt vor allem für ChatGPT, erwartet zwar für 2025 bereits 12,7 Milliarden US-Dollar Umsatz, rechnet aber erst 2029 mit positiver Cashflow-Basis. Anthropic, dessen bekanntestes Produkt die Claude-Modelle sind, wird inzwischen mit rund 19 Milliarden US-Dollar jährlichem Umsatz gehandelt, während OpenAI laut aktuellen Berichten schon bei rund 25 Milliarden Dollar annualisiert liegen soll. Beeindruckend, aber eben auch nur Prognosen, die zeigen, wie sehr der Markt auf künftige Skalierung hofft und wettet. Und bei xAI, Elon Musks KI-Firma hinter dem Chatbot Grok, standen zuletzt gerade einmal 107 Millionen US-Dollar Quartalsumsatz einem Nettoverlust von 1,46 Milliarden Dollar gegenüber. Natürlich kann Huang am Ende recht behalten. Auch große Technologiezyklen von Eisenbahn bis Internet wirkten anfangs oft überhitzt und veränderten die Welt trotzdem. Nur gilt eben auch, dass nicht jede Revolution automatisch zu jedem Preis kaufenswert ist. Ich denke, Jensen Huang verkauft derzeit nicht nur Chips und schicke KI-Racks, sondern vor allem Vertrauen auf die Zukunft. Aber an der Börse platzen Blasen meist genau dann, wenn Vertrauen teurer wird als die Wirklichkeit. Wir werden sehen. Ich werde in den kommenden Quartalen besonders darauf achten, ob Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google ihre KI-Capex-Pläne herunterfahren oder GPU-Bestellungen strecken. Das wäre dann wohl das erste wirklich klare Warnsignal dafür, dass der KI-Boom an seine Grenzen stößt.