Monumental ist die Landschaft, vor der der junge Krocha angeln geht und Äpfel pflückt. Weit der Blick in die Steppe, begrenzt nur von den fernen Gipfeln des Tian-Shan-Gebirges. Die Böden sind fruchtbar, es wachsen zwei Kilo schwere Äpfel, und auch eigentlich alles andere gedeiht hier. Nur, ganz freiwillig leben Krocha und seine Familie nicht in dieser Landschaft. Denn Elli Unruhs Debütroman „Fische im Trüben“ spielt in den 1970er Jahren im Süden Kasachstans, und der Zehnjährige ist Russlanddeutscher.
Seine Familie gehört zur deutschen Minderheit in Russland, die auf Einladung von Katharina der Großen im 18. Jahrhundert gen Osten zog. Sie siedelten vor allem an der Wolga und der Schwarzmeerküste, wo sie ob ihrer landwirtschaftlichen Tüchtigkeit willkommen waren. Das änderte sich mit den kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts zunehmend, bis die Russlanddeutschen unter Stalin im Zweiten Weltkrieg nach Sibirien und Kasachstan deportiert wurden, in Lagern für Zwangsarbeit interniert oder der Erfrierung in der Steppe preisgegeben. Nach dem Krieg leben sie zehn Jahre in geschlossenen Siedlungen, können diese ab 1955 verlassen.
Dort beginnt die Welt von „Fische im Trüben“. Der Roman begleitet das Leben der Familie Fest, die mit weiteren Russlanddeutschen im Dorf Mihailowka lebt. In episodischen, lose miteinander verknüpften Kapiteln fächern sich die verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder auf. Handlung wird dabei nur am Rande vorangetrieben. Krocha, Tante Hedi, Onkel Hein und Mutter Schenja sind eher in Raum und Zeit geworfen. Sie führen ein spartanisches Landleben, halten sich mit bäuerlichem Geschick in der Mangelwirtschaft der Sowjetunion über Wasser.
Elli Unruh: „Fische im Trüben“. Transit Verlag, Berlin 2025. 200 Seiten, 24 Euro
Die Alten heilen ihre Wunden der Entrechtung. Die Jungen versuchen, ein Leben trotz dieser Widerstände aufzubauen. Insgeheim warten alle nur darauf, die Sowjetunion zu verlassen, um in die deutsche Heimat ihrer Vorfahren zurückzukehren. Die 1987 in Kasachstan geborene Autorin ist selbst Mitglied dieser Minderheit, wuchs aber in Deutschland auf – mit dem Zerfall der Sowjetunion bekamen die Russlanddeutschen die Möglichkeit zur Übersiedlung in die Bundesrepublik.
Bewusst gesetzte Leerstellen
Der Roman handelt also vom Fremdsein in der eigenen Heimat. Krocha ist dort geboren, kennt keine anderen Orte und spürt trotzdem, dass er nicht willkommen ist. Etwa, wenn ihm in der Schule klargemacht wird, dass er seinen Traum, Kosmonaut zu werden, als „Faschist“ nicht verwirklichen können wird.
Dieses Schicksal wird nicht in der Form einer linearen, eindeutigen Erzählung dargeboten, sondern vielstimmig und subtil. Unruh hat einen Familienroman auf der Höhe der Zeit geschrieben, der bewusst viele Leerstellen lässt und keine Meistererzählung des Vergangenen strickt. Sie verzichtet auf historische Einordnungen; Namen und Ereignisse fallen betont beiläufig. Dieses tastende Aussparen reflektiert die prekäre gesellschaftliche Stellung von Krocha und seinesgleichen.
Obwohl inzwischen offiziell von der sowjetischen Führung rehabilitiert, wirkt das Stigma des „Feinds im Inneren“ fort. Man wird beäugt, schweigt lieber. Beispielhaft dafür ist eine Szene, in der das russische Love Interest Maxim von Tante Hedi wissen möchte, warum sie deutsch ist. Doch Hedi rückt nur zögernd mit ihrer Familiengeschichte heraus, vermeidet Worte wie Deportation oder Vertreibung. Man erfährt gerade so viel, um eine Idee von der Wurzellosigkeit dieser Familien zu erhalten.
Verzicht auf Schönheit
All das entsteht erst in der Deutung des Textes, die dem Leser obliegt. Das macht den großen Reiz dieses Romans aus, der diesen Effekt durch seine offene, episodische Erzählstruktur und seine nüchterne Sprache erzielt. Kurze, prägnante Sätze geben den Alltag dieser Menschen, die am liebsten die Vergangenheit vergessen würden, im Präsens wieder. Alles geschieht im Augenblick.
Zugleich ist der Verzicht auf das Schöne auch ein Abbild des Glaubens der Fests. Sie sind Mennoniten, eine protestantische Strömung, die sich durch einen hohen Anspruch an der Verwirklichung der Botschaft von Jesus Christus im eigenen Leben kennzeichnet. Kriegsdienst wird kategorisch verweigert, getauft wird nur im Erwachsenenalter, wenn eine bewusste Entscheidung für ein christliches Leben möglich ist.
Das Kapitel, das den Glaubenssätzen in ihrer alltäglichen Gestalt nachgeht, zählt zu den stärksten des Romans. Familie Fest gibt viel auf ihre Genügsamkeit, alles soll sauber sein, aber nicht schön. Gekämmte Haare sind in Ordnung, Lippenstift nicht. Karikiert wird diese ostentative Bescheidenheit, wenn Besuch empfangen wird – dann darf auf einmal alles funkeln und glänzen.
Unterbrochen wird diese nüchterne Haltung sprachlich von dosiert eingestreuten Metaphern, die eindrücklich die Landschaft in Szene setzen: „Lag hier einmal das Paradies? So wie im Frühjahr der Duft von Bergblumen über die grüne Steppe weht, scheint es möglich, und im Mai erst, wenn im Weizen der Mohn lodert, kann man sich fast sicher sein.“
Ihre unberührte, raue Ursprünglichkeit steht im Kontrast zu den von Menschen gemachten Gewaltverhältnissen, aus denen diese Familie hervorgegangen ist. Anders formuliert: Es könnte eigentlich schön dort sein, wenn die autoritären gesellschaftlichen Verhältnisse andere wären. Dass die eine oder andere Metapher ins Blumige verrutscht, ist verzeihlich. Unruh hat ein bemerkenswertes Debüt geschrieben, das eine treffende Form für sein Sujet findet.
