Boykott der Fußball-WM 2026: Kritik zum Schweigen des DFB

„Alles hängt mit allem zusammen“, sagt Oke Göttlich gleich zu Beginn. Und so wird er seinen Besuch im Paul-Löbe-Haus des Bundestags auch dafür nutzen, ein Plädoyer für den Erhalt der 50+1-Regel an die Parlamentarier zu richten. Diese sei „elementar“, weil sie Demokratie „lebbar“ mache, sagt er.

Gekommen ist Göttlich an diesem Montagabend aber eigentlich wegen eines anderen Themas. Die Fraktion der Grünen hat zu einem Fachgespräch über die Weltmeisterschaft in diesem Sommer eingeladen, Untertitel: „Eigentor für die Menschenrechte?“. Das sei mal als „gewisse Zuspitzung“ gemeint gewesen, sagt Max Lucks, der Sprecher für Menschenrechte, im Lichte der jüngsten Entwicklungen sei es aber eher eine „Bestandsaufnahme“.

„Es gibt nicht viele, die mit mir darüber sprechen wollen“

Und Göttlich, der Präsident des FC St. Pauli, der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und zweite Vizepräsident der Deutschen Fußball Liga (DFL), ist im sportpolitischen Diskurs darüber so etwas wie ein Libero: der freie Mann des deutschen Fußballs.

Oder sollte man besser sagen: der einsame Mann? Weil dieser Diskurs, folgt man Göttlich und anderen an diesem Abend, gar nicht so richtig existiert. „Es gibt nicht viele, die mit mir darüber sprechen wollen“, sagt er. In den Gremien, dort also, wo etwas bewegt werden könnte, schon gleich gar nicht.

„Alle haben Angst. Keiner traut sich, zu sagen, was sie fühlen“, sagt Göttlich vor allem mit Blick auf die Machtstruktur des Internationalen Fußballverbands (FIFA) unter seinem Präsidenten Gianni Infantino. Weil die Befürchtung sei, dann womöglich das nächste Turnier nicht zugesprochen zu bekommen.

Vor Göttlich hat schon Nicole Kumpis gesprochen, die Präsidentin von Eintracht Braunschweig. Auch sie beklagt eine Leerstelle in den Verbänden, dort werde zu diesem Thema „wenig bis gar nicht diskutiert“, sagt sie. Zwar würden DFB und DFL alle möglichen Slogans und Motto-Spieltage initiieren, aber im Alltag sei das schnell vergessen, eine echte „Durchdringung“ gebe es nicht.

„Weil wir eigentlich nur existieren, wenn wir gegen den Ball treten“

Wenn man dann noch Tabea Kemme hört, die frühere Nationalspielerin und heutige Fernsehexpertin, die davon berichtet, wie sie mit 16 nicht nur ihren ersten Vertrag unterschrieben habe, sondern damit auch praktisch mundtot qua Verpflichtung geworden sei („Weil wir eigentlich nur existieren, wenn wir gegen den Ball treten“), bekommt man insgesamt schon einen ganz guten Eindruck: Wie vieles mit vielem zusammenhängt. Und auch, warum der deutsche Fußball, mal wieder, sehenden Auges in ein sportpolitisches Fiasko laufen könnte.

Die von DFL und DFB entsandten Referenten können indes erst mal durchatmen. Weil Göttlich die Debatte, wie mit dieser WM umzugehen sei, nicht noch einmal neu anfacht. Das Thema Boykott kommt an diesem Abend nicht ernsthaft ins Spiel. Auch wenn die Lage inzwischen eine andere ist als im Januar, als Göttlich eine Auseinandersetzung mit dem Thema einforderte und daraufhin von einigen Branchengranden kleingemacht wurde.

„In Räume reingehen“ und „Räume halten“: Tabea Kemme
„In Räume reingehen“ und „Räume halten“: Tabea Kemmepicture alliance / SvenSimon

Auch wenn er explizit der These widerspricht, dass dieses Mittel doch stets wirkungslos geblieben sei. In Berlin wiederholt Göttlich nur jene Forderung, die eigentlich selbstverständlich sein sollte, zu der man vom DFB aber wenig bis gar nichts hört – eine Antwort auf die Frage: „Mit welchem Mindset fahren wir da hin?“

Mit welchem Mindset Tabea Kemme zur WM fährt, erklärt sie gern. Sie müsse gar keine Haltung einnehmen, weil sie ihre Werte ohnehin offen lebe als queere Person, auch in einem Land wie Qatar oder jetzt in den Vereinigten Staaten (wobei es, wie sie hinzufügt, schon in einem deutschen Fußballstadion ziemlich unangenehm werden kann). „In Räume reingehen“, nennt Tabea Kemme das und: „Räume halten“. Sie wünscht sich generell, dass Verbände ihre Athletinnen und Athleten ermächtigen, sich selbst ein Bild zu machen und für ihre Themen einzustehen.

„Was ist, wenn die WM stattfindet, und es ist immer noch Krieg“

Wie aber ist es generell um die Räume derer bestellt, die bei dieser WM dabei sein wollen oder sollen? Angesichts der restriktiven Einreisepolitik, des Umgangs mit marginalisierten Gruppen, der geplanten ICE-Einsätze – womöglich auch angesichts der Lage in Mexiko, wo das Militär die Sicherheit gewährleisten soll. Die Frage, die nicht nur die Grünen an diesem Abend stellen, lautet: Für wen wird diese WM überhaupt sicher sein?

Klar ist allen im Raum, dass das, was gerade in Iran und im Nahen Osten passiert, die Lage noch einmal verschärft hat. „Was ist, wenn die WM stattfindet, und es ist immer noch Krieg“, fragt Claudia Roth. Weniger klar hingegen wird, welchen politischen Spielraum es gibt. Die Bundesregierung wird scharf dafür kritisiert, sich bislang nicht um die Belange von Fans zu kümmern. Zumal der DFB meint, in seinen Fan-Botschaften diesmal auf den Beitrag der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) verzichten zu können.

Was die FIFA angeht, wird mehrfach an die Standards erinnert, die sie sich selbst gegeben hat, auch als Wirtschaftsunternehmen. Erstmals gehört ein Aktionsplan zu Menschenrechten, den jede Ausrichterstadt erarbeiten muss, zu den Anforderungen. Der sei allerdings erst in drei der 16 Städte veröffentlicht, sagt Maja Liebing, zuständige Referentin von Amnesty International, zudem unzureichend, weil zu sehr auf Arbeitnehmerrechte ausgelegt.

Als Göttlich nach seinem Wunsch zum Abschluss gefragt wird, sagt er: „Ach, ich les einfach aus dem FIFA-Statut vor.“ Gelächter im Publikum, aber es ist klar, dass damit eine sehr ernsthafte Sorge zum Ausdruck kommen soll. Mit Blick auf das Motto des Abends und frei nach Handke ist es: die Angst des Liberos vor dem Eigentor.