Wenn aus den Epstein Files eines hängen bleibt – aus der Art, wie viele im Netzwerk von Jeffrey Epstein agierten, wie sie kommunizierten –, dann dies: Darunter waren Leute, die sich mit Gesetzen nicht weiter aufhielten, Verbote weitgehend ignorierten, allen voran jenes, Mädchen zu missbrauchen. Kein Wunder, dass diese Haltung wohl auch für aggressive Steuergestaltung galt. Die Vorstellung, dass auch Reiche mit angemessen hohen Steuerzahlungen zum Gemeinwesen beitragen sollten, stand in Kreisen um Epstein wohl nicht weit oben auf der Prioritätenliste.
Nach Recherchen von SZ, NDR und WDR auf Grundlage der kürzlich vom US-Justizministerium veröffentlichten Daten wird dem verstorbenen Sexualverbrecher Jeffrey Epstein tatsächlich auch vorgeworfen, einen Teil seines Vermögens durch Steuerbetrug erlangt zu haben. Die US-Jungferninseln erheben diesen Vorwurf in einer Zivilklage unter anderem gegen Epsteins Nachlassverwalter. Zu den Inseln gehört auch Epsteins Privatinsel Little Saint James, auf der er über Jahre Mädchen gefangen hielt und missbrauchte. Die Klageschrift gibt einen tiefen Einblick, wie das mutmaßliche Steuermodell funktioniert haben könnte: Demnach waren die Firmen, die Epstein zu diesem Zweck nutzte, als Steuersparvehikel auf den US-Jungferninseln registriert, und er tat wohl alles, dies reichlich auszunutzen. Die US-Jungferninseln fordern in ihrer Klage vor dem Superior Court der Virgin Islands Schadenersatz – unter anderem, weil sie sich um erhebliche Steuereinnahmen betrogen sehen.
Die New York Times hatte bereits berichtet, dass Epsteins „Spezialität“ offenbar darin bestand, wohlhabenden Kunden ausgeklügelte Modelle zur Senkung der Steuerlast vorzuschlagen. Die Zeitung beruft sich dabei auch auf Interviews mit zahlreichen Personen aus seinem Umfeld. Epstein soll für Steuertipps bezahlt worden sein – meist bemessen an einem Anteil der Steuerersparnis. Häufig trat er wohl als Ideengeber auf und ließ Kanzleien die Sache umsetzen.
Allen voran der US-Milliardär Leon Black, dessen Vermögen auf 15,7 Milliarden Dollar taxiert wird, soll laut der Zeitung auf diese Weise mehr als eine Milliarde Dollar an Steuern gespart haben. Black ist Gründer des US-Finanzinvestors Apollo und galt lange als Vertrauter Epsteins. Auch er soll Frauen missbraucht haben, wie mehrere mutmaßliche Opfer laut in den Akten enthaltenen Dokumenten ausgesagt haben. Eine Anfrage dazu ließ Blacks Anwalt unbeantwortet. Bereits 1997 hatte Leon Black Epstein zu einem der ersten Trustees der Black’schen Familienstiftung ernannt. Von 2012 bis 2017 fungierte Epstein sogar als eine Art informeller Finanzmanager für Black, wofür er laut New York Times rund 160 Millionen Dollar Honorar erhielt.

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Den Dokumenten aus den Epstein Files zufolge waren sowohl Black als auch Epstein ausgerechnet Kunden der Deutschen Bank. Die Steuerfragen werfen daher ein neues Licht auf die Rolle des größten deutschen Geldhauses im Epstein-System und führen zu der Frage, ob und welche Informationen die Deutsche Bank früher hätte erkennen können und womöglich an die Behörden hätte melden müssen. Banken sind grundsätzlich verpflichtet, verdächtige Zahlungen an die Behörden zu melden. In den USA sind die Anforderungen sogar noch einmal strenger als hierzulande.
Bekannt ist bereits, dass die Deutsche Bank Epstein 2013 als Kunden aufnahm – obwohl er 2008 in Florida wegen der Prostitution Minderjähriger verurteilt worden war und obwohl sich J.P. Morgan zuvor wegen Zweifeln von ihm als Kunden getrennt hatte. Bekannt ist auch, dass die Deutsche Bank für Epsteins System essenziell war: Sie gab ihm nicht nur den Anschein von Legitimität, wie Epstein-Opfer später in einer Klage gegen die Bank anführten, dort konnte er auch regelmäßig riesige Summen Bargeld wohl zur Bezahlung der Mädchen abheben. Auf mehr als 60 Konten und Depots verwaltete er bei der Bank sein Vermögen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Dollar. Epstein war kein harmloser Girokonto-Kunde, sondern genoss die Vorzugsbehandlung der Vermögensverwaltung: Obwohl er als „Hochrisiko-Kunde“ geführt wurde, erhielt er zugleich Einladungen für Kunstausstellungen sowie exklusive Trading-Tipps. Zudem setzte die Bank offenbar auch auf ihn, um weitere Kunden zu gewinnen – das geht aus der in den Dateien aufgeführten Befragung seines früheren Kundenbetreuers hervor.

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Frühere Untersuchungen der New Yorker Finanzaufsicht zeigten bereits, dass Führungskräfte der Deutschen Bank wiederholt Warnungen aus der Compliance-Abteilung ignorierten und entschieden, die Geschäftsbeziehung zu Jeffrey Epstein fortzusetzen. Während Mitarbeiter in Deutschland nach dem Amtsantritt von Anshu Jain und Jürgen Fitschen 2012 als Vorstandschefs „Kulturwandel“-Seminare absolvieren mussten – als Reaktion auf die Skandale der Finanzkrise –, expandierte die Bank in den USA aggressiv im Geschäft mit reichen Kunden, wobei zweitrangig zu sein schien, womit diese ihr Geld verdienten.
Die Steuerdeals erklären nun zum Teil, wie Epstein überhaupt sein Vermögen auf mehrere Hundert Millionen Dollar mehren konnte – Geld, das er für sein Missbrauchssystem benötigte. „Epstein besaß und organisierte Privatflugzeuge, Hubschrauber, Boote und Autos, um die Opfer zu, von und auf den Jungferninseln zu transportieren“, heißt es in der Klageschrift der Jungferninseln.
Aus der Klage geht auch hervor, wie Epsteins Finanzstruktur als Kunde der Deutschen Bank funktionierte. Im Zentrum der Geschäftsbeziehung standen seine Firmen Southern Trust und Southern Financial. Vor allem Southern Trust soll zwischen 2013 und 2017 auf den US-Jungferninseln Steuervergünstigungen in Höhe von fast 75 Millionen Dollar beantragt haben – unter dem Vorwand, „hochmoderne Beratungsdienstleistungen“ im Bereich biomedizinischer und finanzieller Informatik anzubieten – ein Innovationsfeld, das die Jungferninseln offenbar mit Steueranreizen fördern wollten. Tatsächlich verfügte die Firma weder über das dafür notwendige Personal noch erzielte sie entsprechende Einnahmen. Diese Steuervergünstigungen sollen Epstein persönlich zugutegekommen sein und ihm insgesamt mehr als 80 Millionen Dollar an Steuern erspart haben.
Die Causa Epstein hat die Deutsche Bank bislang mehr als 200 Millionen Euro gekostet
Hätte der Deutschen Bank nicht auffallen müssen, dass es weder echte Dienstleistungen noch Angestellte gab? E-Mails aus dem Datenkonvolut legen nahe, dass Compliance-Mitarbeiter durchaus kritische Fragen stellten – und zumindest einer von Epsteins langjährigen Kundenbetreuern eine Ahnung von dessen dubiosen Steuerkonstruktionen gehabt haben könnte. Die Unterlagen deuten darauf hin, dass Epstein über Jahre mehrere Millionen Dollar von Leon Black steuerbegünstigt auf einem angeblichen Charity-Konto parkte. Kurz vor Ende der Geschäftsbeziehung 2019 schrieb ein Kundenbetreuer an einen Kollegen, ein Vehikel namens „BV70“ habe für eine als wohltätig ausgewiesene Organisation Epsteins „gespendet“; die Gesellschaft sei genutzt worden, um die Identität des Spenders zu verschleiern. Aus den Epstein Files geht hervor, dass hinter „BV70“ ebenjener Leon Black stand. Auf Anfrage teilte Blacks Anwalt mit, eine Untersuchung habe ergeben, Black habe Epstein lediglich für Nachlass- und Steuerberatung bezahlt und nichts von dessen kriminellen Aktivitäten gewusst. „Epstein war ein Lügner und Aufschneider, der seine Rolle und seine Zuständigkeiten in vielerlei Hinsicht ausgeschmückt und übertrieben dargestellt hat“, heißt es in der Stellungnahme.
Die Deutsche Bank räumt heute ein, es sei ein Fehler gewesen, Epstein als Kunden aufzunehmen. Zu Details äußert sich das Institut nicht – betont aber, man kooperiere mit den Behörden. Nach Epsteins Tod im Sommer 2019 begann die Bank eine interne Untersuchung. Unter dem Codenamen Ontario sichtete die interne Revision 150 000 Dokumente und befragte mehr als 22 Mitarbeiter. Der Zwischenbericht an den Integritätsausschuss des Aufsichtsrats von Dezember 2019, der SZ, NDR und WDR vorliegt, zeigte deutliche Versäumnisse: Warnsignale seien ignoriert worden, vieles sei nicht ideal gelaufen. Doch der Bericht lässt zentrale Punkte aus – darunter problematische Vorgänge, die der Bank bereits bekannt waren und laut den Epstein Files kurz zuvor an US-Behörden gemeldet worden waren. War der Aufsichtsrat dadurch ausreichend informiert? Und fanden die fehlenden Sachverhalte Eingang in den Abschlussbericht? Die Bank verweist darauf, interne Untersuchungen nicht zu kommentieren. Man ziehe jedoch „auf Grundlage vorläufiger Informationen und ohne Kenntnis des Abschlussberichts offenbar falsche Schlüsse“. Einblick in den Schlussbericht gewährt sie indes nicht. Auch die Mitglieder des Integritätsausschusses – darunter Ex-Aufsichtsratschef Paul Achleitner – äußern sich nicht dazu.
Bislang hat das Institut mehr als 200 Millionen Euro gezahlt – für Vergleiche mit US-Behörden, Epstein-Opfern und Aktionären. Doch welche Verantwortung übernahm die Führungsebene für die Causa Epstein? Der heutige Vorstandschef Christian Sewing war ab Sommer 2015 im Vorstand zeitweise für das Geschäft mit vermögenden Kunden zuständig. Der heutige Investmentbank-Vorstand Fabrizio Campelli leitete ebenfalls ab 2015 die Vermögensverwaltung und berichtete an Sewing. Die Bank teilte mit, Herr Sewing sei weder in die Kundenbeziehung zu Herrn Epstein involviert gewesen noch habe er davon gewusst, und das Thema sei auch nie zu ihm eskaliert worden, bevor die Bank Ende 2018 entschieden habe, die Kundenbeziehung zu beenden. Zu Campelli heißt es, ihm seien „die Straftaten von Herrn Epstein und die Anschuldigungen gegen ihn zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt gewesen“. Umfassende Untersuchungen, die in Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden durchgeführt worden seien, hätten zudem keine Hinweise darauf gegeben, dass sich Mitglieder des Vorstands im Zusammenhang mit den Geschäftsbeziehungen zu Epstein unangemessen verhalten hätten.
Doch genügt das als Erklärung? „Die zuständigen Vorstände hätten sich nach den wichtigsten hundert Hochrisiko-Kunden erkundigen müssen“, sagt Fachanwalt Stephan Ebner von der Kanzlei Lana Ap.Ma. Die sogenannte „Business Judgement Rule“ verlange, dass unternehmerische Entscheidungen auf einer angemessenen Informationsgrundlage beruhten. So weit die Theorie. In der Praxis sah es offenbar – wie so oft – anders aus: Auf die Frage, ob die Epstein-Kundenbeziehung irgendwelche Konsequenzen für frühere Mitarbeiter oder gar Vorstände hatte, ob zumindest der Bonus gekürzt wurde, teilt die Bank lediglich mit: Kein Kommentar.
