
Am 13. Juli 2008 machte die Mail on Sunday mit der Schlagzeile „Banksy demaskiert!“ auf. Nach einjähriger Recherche, so legte die britische Zeitung dar, habe man herausgefunden, dass es sich bei dem stets anonym agierenden „Guerilla-Sprayer“ Banksy um einen aus Bristol stammenden Mann namens Robin Gunningham handele, Mittelschicht-Sprössling eines Managers und einer Sekretärin, Alumnus der renommierten Bristol-Chathedral-Privatschule. Damals bestritt der Graffiti-Künstler das Ergebnis der Mail-Recherche genauso wenig, wie er es bestätigte. Banksys Erfolg als Street-Artist hat die vermeintliche Enthüllung bis dato jedenfalls keinen Abbruch getan: Sein bisher teuerstes Werk „Love is in the Bin“ ging im Oktober 2021 bei einer Sotheby’s-Auktion für 21,8 Millionen Euro weg.
Nun, knapp 18 Jahre nach dem Mail-Artikel, will die Nachrichtenagentur Reuters die endgültige Bestätigung für die damalige Enttarnung gefunden haben. Das Reuters-Team verfolgte Banksys Spur von dem ukrainischen Dorf Horenka bei Kiew, wo der Künstler 2022 einige Wandbilder auf kriegszerstörten Gebäuden hinterließ, über Jamaika bis New York. Und auch diese Recherche kommt zu dem Schluss, dass der 1973 in Bristol geborene Robin Gunningham Banksy ist. Nur dass er nicht mehr Robin Gunningham heißt, sondern seinen Namen vor Jahren offiziell in David Jones ändern ließ.
Im Dorf Horenka berichteten Zeugen den Reportern, die dortigen Banksy-Werke seien innerhalb weniger Minuten von zwei Männern mit vermummten Gesichtern mithilfe von Schablonen an die Wände gesprüht worden. Aus ukrainischen Einreisedaten geht laut der Recherche hervor, dass ein David Jones zur fraglichen Zeit die Grenze überquerte, gemeinsam mit dem Musiker Robert Del Naja, Mitglied der Band Massive Attack. Del Naja sei selbst nicht Banksy, berichtet Reuters, habe aber im Laufe der Jahre wahrscheinlich bei Projekten mit ihm zusammengearbeitet, unter anderem auch in der Ukraine.

Als weiteres Indiz diente den Reuters-Rechercheuren ein Foto, das der jamaikanische Fotograf Peter Dean Rickards bereits 2004 von Banksy gemacht hatte. Die beiden hatten an Entwürfen für Plattencover zusammengearbeitet, sich dann aber zerstritten. Dean veröffentlichte daraufhin im Internet Fotos des Künstlers, den er bezichtigte, seine Kunst mit „pseudo-humanitärem Bullshit“ zu rechtfertigen. Allerdings nannte er nicht dessen Klarnamen. Der Londoner Evening Standard reproduzierte sie im selben Jahr als „Bilder von Banksy“, ebenfalls ohne Namen.
Die Reuters-Reporter verglichen diese Bilder mit Fotos sowie Interview-Aufnahmen von Banksy. Auf diesen ist zwar sein Gesicht nicht vollständig zu sehen. Doch sein braunes, struppiges Haar, die Brille und der Ohrring im linken Ohr, vor allem aber eine auffällige Tätowierung an Banksys linkem Unterarm bestätigen nach Ansicht der Reuters-Autoren seine Identität.
Drittes Beweisstück der Rechercheure: Der Name Robin Gunningham taucht in einem Geständnis auf, das der Künstler, der damals noch nicht Banksy hieß, am 18. September 2000 in New York unterschrieb. Die Polizei hatte ihn dort dabei erwischt, wie er ein Werbeplakat auf einem Dach in Manhattan umgestaltete – oder, nach Auffassung der Beamten, verschandelte.
Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichert
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.
Der Vorgang ist aus einem Buch des ehemaligen Banksy-Managers Steve Lazarides bekannt, die Polizeiakten waren es bisher jedoch nicht. Die Reuters-Journalisten konnten diese nun einsehen und fanden darin den Namen und die Unterschrift des Mannes, der in Manhattan gefasst wurde: Robin Gunningham. Dieser Name wird in allen Gerichts- und Polizeidokumenten im Zusammenhang mit der Festnahme genannt.
Alle Banksy-Recherchen, die sich nach der Veröffentlichung des ursprünglichen Mail-Artikels auf den Namen Robin Gunningham konzentrierten, verliefen im Sande – bis jetzt. Laut Ex-Banksy-Manager Lazarides liegt das daran, dass Gunningham damals seinen Namen änderte. Im Jahr 2008, so Lazarides im Gespräch mit Reuters, hätten er und Banksy einvernehmlich beschlossen, getrennte Wege zu gehen. Als eine seiner letzten Amtshandlungen als Banksys Manager habe er für seinen Klienten eine offizielle Namensänderung veranlasst. „Ich weiß nicht mehr, wessen Idee es war, aber ich weiß ganz sicher, dass ich es war, der das alles organisiert hat“, so Lazarides. Wie Gunningham seitdem heißt, verriet er nicht. Doch durch einen Abgleich öffentlicher Dokumente wie Grundbuchauszüge und Unternehmensanmeldungen kamen die Reuters-Rechercheure zu dem Ergebnis, dass sein neuer Name „David Jones“ lautet – ein sehr häufiger Name in Großbritannien.
Die Verbindung mit dem Musiker Robert Del Naja stellte vor zehn Jahren der Glasgower Autor Craig Williams her, dem aufgefallen war, dass mehrere Banksy-Graffiti in denselben Städten aufgetaucht waren, in denen zur fraglichen Zeit Massive-Attack-Konzerte stattgefunden hatten. Die Band kommt, wie Robin Gunningham beziehungsweise David Jones, aus Bristol. Die gemeinsame Reise Del Najas mit einem David Jones in die Ukraine bestätigt nach Ansicht der Reuters-Journalisten nun nahezu zweifelsfrei die Identität Banksys.

In Reaktion auf eine Reuters-Anfrage betont Banksys langjähriger Anwalt Mark Stephens, der Künstler halte „viele der Details nicht für zutreffend“. Er stellt zudem den Sinn der Ermittlungen infrage und erklärt, Banksy sei „obsessivem, bedrohlichem und extremistischem Verhalten ausgesetzt“ gewesen, weshalb es notwendig sei, seine wahre Identität geheim zu halten. „Anonym oder unter einem Pseudonym zu arbeiten, dient wichtigen gesellschaftlichen Interessen“, so Stephens. „Es schützt die Meinungsfreiheit, indem es Schöpfern ermöglicht, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, ohne Vergeltungsmaßnahmen, Zensur oder Verfolgung befürchten zu müssen – insbesondere bei der Auseinandersetzung mit sensiblen Themen wie Politik, Religion oder sozialer Gerechtigkeit.“
Reuters rechtfertigt die Enthüllung damit, die Öffentlichkeit habe ein großes Interesse daran, die Identität einer Persönlichkeit zu kennen, „die einen so tiefgreifenden und anhaltenden Einfluss auf die Kultur, die Kunstbranche und den internationalen politischen Diskurs“ habe. Personen, die den gesellschaftlichen und politischen Diskurs prägen wollten, so die Autoren des Berichts, unterlägen öffentlicher Kontrolle, der Rechenschaftspflicht – und gegebenenfalls eben auch der Enttarnung.
