
Der Kulturpalast in Warschau war lange als „Geschenk Stalins“ verschrien. Und er soll schuld sein, dass die Hauptstädter noch 40 Jahre auf eine Metro warten mussten. Aber ein Abriss des monumentalen Gebäudes ist inzwischen praktisch unmöglich – und von vielen auch nicht mehr gewünscht.
Es war ein ungewöhnliches Treffen, das vor mehr als siebzig Jahren auf der Ostseite der Weichsel, im Warschauer Stadtteil Praga, stattfand. Die Entscheidung, die damals von den anwesenden Personen getroffen wurde, prägt das Profil der polnischen Hauptstadt bis in den heutigen Tag. Es waren sowjetische und polnische Architekten, die von dort aus gemeinsam ein Flugzeug beobachteten, das mit einem großen Ballon unter dem Rumpf mehrere Kilometer entfernt über dem Stadtzentrum auf der Westseite des Flusses kreiste.
Der Ballon war zuerst auf einer Höhe von hundert, dann 110 und 120 Metern zu sehen. Lew Rudnew, der von Moskau als Chefarchitekt nach Warschau geschickt worden war, um den Polen den Kultur- und Wissenschaftspalast zu „schenken“, soll in jenem Moment gesagt haben: „Das reicht, so wird es gut für die Warschauer Silhouette sein.“ Doch es waren Rudnews polnische Kollegen, die immer wieder riefen: „Höher, höher!“ So berichtete es später der Pole Jozef Sigalin, der selbst zur Gruppe gehörte.
Der Palast erreichte nach nur drei Jahren Bauzeit 1955 schließlich eine Dachhöhe von 187 Metern, bis zur Spitze waren es dann 231 Meter. Damit war der Kulturpalast nach dem Hauptgebäude der Lomonossow-Universität in Moskau – deren Architekt übrigens auch Lew Rudnew war – das zweithöchste Gebäude Europas. Heute ist der Kulturpalast wegen der Antenne 237 Meter hoch.
Nur zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war der Kulturpalast ein umso beeindruckenderer Bau. Die deutschen Besatzer hatten Polens Hauptstadt im Zuge der Niederschlagung des Warschauer Aufstands dem Erdboden gleichgemacht. Fast die komplette Stadt wurde in Trümmer gelegt, hunderttausende Menschen ermordet. Der Schrecken war nur wenige Jahre danach immer noch überall spürbar, im Stadtzentrum gab es viele Freiflächen, wo einst dichte Bebauung und Leben gewesen waren.
Aus dieser urbanen Landschaft ragte nun der Kulturpalast in den Himmel. Der Stein war damals noch weiß, erst später haben ihm der Rauch von Kohleöfen und Autoabgase seine grau-braune Färbung gegeben. Er war nicht nur hoch, sondern überhaupt gewaltig: Die mehr als 3000 Räume auf mehr als 123.000 Quadratmetern – gut doppelt so viel wie die Gesamtfläche des Deutschen Bundestags in Berlin – nahmen und nehmen einen riesenhaften Teil des Stadtzentrums ein.
Das in jeder Hinsicht Monumentale, die gewaltigen Säulen und Aufgänge in einer Mischung aus sozialistischem Realismus, Klassizismus, Art déco und eigenen, regionalen polnischen Elementen, stellt auch heute noch moderne Gebäude in den Schatten.
Der Kulturpalast diente unter anderem der Verwaltung als Standort, er beherbergte Theater, ein Schwimmbad, in dem Kongresssaal kam die Kommunistische Partei zusammen, genauso wie die Delegationen der Mitgliedsländer des Warschauer Pakts. Für viele Polen indes war er nur wenige Jahre nach der mörderischen Besatzung der Deutschen das Symbol einer neuen Fremdherrschaft: der sowjetrussischen.
Der Palast wurde schnell zum neuen Wahrzeichen Warschaus, gleichzeitig lehnten viele ihn ab. Die Menschen sagten sich, den schönsten Ausblick auf die Stadt habe man von der Aussichtsplattform des Palasts – weil man ihn dann nicht sehen müsse.
Später, ab 1989, im souveränen, demokratischen und kapitalistischen Polen, forderten immer mehr Politiker öffentlich den Abriss des Palasts, um sich auch symbolisch von der vormaligen Dominanz Moskaus zu lösen. Dazu gehörten etwa der heutige Außenminister Radoslaw Sikorski oder auch Mateusz Morawiecki, bis 2023 Premierminister.
Ein Abriss ist praktisch ausgeschlossen
Dabei dienen Abrissforderungen meistens einer politischen Selbstvergewisserung, einer Ablehnung des Kommunismus und dem Bewusstsein für die Gefahr, die bis heute von russischem Imperialismus ausgeht. Denn ein Abriss ist aufgrund der Dimension des Kulturpalasts und seiner zentralen Lage praktisch ausgeschlossen. Seit 2007 steht er überdies unter Denkmalschutz.
„Sicher, die Idee, den Palast abzureißen, schwirrt immer noch durch die Köpfe einiger, vor allem älterer Menschen. Für jüngere aber ist das kein Thema. Für sie gehört der Palast einfach dazu“, sagt Dorota Zmarzlak im Gespräch mit WELT. Bis August vergangenen Jahres war sie Direktorin der Leitung des Kulturpalasts, der städtischen Betreibergesellschaft.
„Der Palast steht in einem neuen Zentrum, umgeben von Hochhäusern, der Platz vorn wird zu einem modernen Stadtplatz erneuert, mit dem Museum für Moderne Kunst; im Palast selbst wird der Kongresssaal renoviert“, sagt die Kulturmanagerin, die jetzt in einer Kommunikationsagentur arbeitet.
Aber es gibt wohl kaum jemanden, der so viele Gerüchte und Geschichten über den Palast kennt wie Romuald Florjanowicz, langjähriger Mitarbeiter des Veranstaltungsdienstes. „Ich kann Ihnen sagen, ich habe mal an einem Treffen teilgenommen und da sagte einer, man müsse den Palast sprengen. Ein anderer Teilnehmer erwiderte entschlossen: Nein! Denn der Palast sei ein Beweis, eine Mahnung oder Erinnerung, dass die Russen mal hier waren.“
Die bekannteste Anekdote ist wahrscheinlich die, dass Diktator Josef Stalin die sozialistische Führung Polens vor die Wahl gestellt hat: Kulturpalast oder Metro. Die habe sich dann für den Palast entschieden, weil der repräsentativ ist und eine Metro nun mal unter der Erde. Die erste Linie der Warschauer Metro wurde erst 1995 eröffnet – eine Verspätung, die viele Warschauer lange dem Kulturpalast angelastet haben.
Florjanowicz ist mit einem engen Fahrstuhl, der dem Personal vorbehalten ist, bis unter die Palastuhr gefahren. Von dort kann man ins Freie treten, der Abstand zwischen dem Ausgang und der brusthohen Balustrade beträgt ungefähr eineinhalb Meter.
Florjanowicz befindet sich jetzt noch mal fünfzig Meter oberhalb der Aussichtsplattform. Er blickt über die Stadt. „Die Uhr wurde erst im Jahr 2000 angebracht. Das symbolisiert die Tradition polnischer Rathäuser“, erklärt er. Es klingt beinahe so, als hätten die Warschauer ihren Frieden mit „Stalins Rakete“ gemacht.
Tatsächlich ist heute eine Mehrheit der Warschauer gegen einen Abriss des Kulturpalasts. Ihr Verhältnis zu dem Giganten in ihrer Mitte war stets ambivalent, nie gänzlich ablehnend. „Ich komme aus Warschau, der Palast war für mich immer da. Und ich sehe, dass der Palast für Menschen aus dem ganzen Land immer noch ein Magnet ist“, sagt Managerin Zmarzlak.
Generationen von Warschauern sind mit dem Palast aufgewachsen, sie haben dort Schwimmunterricht genommen, Kulturveranstaltungen und Jugendkongresse besucht, manchmal auch einfach nur einen Brief bei der Post aufgegeben oder aber studiert. Im zwölften Stock befindet sich zum Beispiel das Collegium Civitas, eine private Hochschule für Sozialwissenschaften.
Beeindruckend ist, dass die Warschauer seit den 1990er-Jahren einen ungezwungenen Umgang mit ihrem Palast pflegen – wenn auch Diskussionen um einen Abriss geführt wurden. Unantastbar nämlich war er nie. Während in Berlin Politik und Öffentlichkeit bei Neubauten um den Alexanderplatz oft deren Höhe im Blick haben, damit diese ja nicht in die Sichtachsen zum Fernsehturm geraten, wurden in Warschau um den Palast etliche neue Hochhäuser gebaut.
Einer der Wolkenkratzer, der Varso Tower, ist mit 310 Metern sogar höher als der Kulturpalast. Den kann man von Westen her oft nicht mehr sehen, er ist verdeckt. Aber auch, wenn er nicht mehr das höchste Gebäude Warschaus oder gar das zweithöchste Europas ist – von der Ostseite, wo seine Geschichte begann, kann man ihn zwischen Wolkenkratzern immer noch sehen.
Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.
