Peter Thiel hält Vorträge über „Antichrist und Apokalypse“ in Rom


Mehr Geheimhaltung geht kaum. Am Samstag ist Peter Thiel in Rom angekommen. Bis Dienstag hält der Tech-Milliardär aus dem Silicon Valley vier Vorträge zum Thema „Antichrist und Apokalypse“. Thiel wird von seinen privaten Sicherheitsleuten begleitet. Wo er während seines Aufenthalts in Rom wohnt, ist nicht bekannt. Über den Veranstaltungsort werden die rund hundert geladenen Gäste aus Kirche und Kultur, Medien und Kommunikation, Wissenschaft und Politik erst am Tag der Vorträge informiert. Es gelten strenge Chatham-House-Regeln. Mobiltelefone müssen abgegeben werden, Notizen oder gar Aufzeichnungen sind untersagt. Von einer mit 10.000 Euro Geldstrafe belegten Verschwiegenheitsverpflichtung ist die Rede.

Wie konservativ ist Leo XIV. gemessen an seinem Vorgänger?

Im Anschluss an den ersten Vortrag sollte am Sonntagabend eine Messe in der Basilika San Giovanni dei Fiorentini stattfinden, zelebriert nach dem Tridentinischen Ritus, versteht sich. Die sogenannte Alte Messe hatte Papst Franziskus faktisch verboten, weil er darin ein Instrument der ultrakonservativen Katholiken zur Spaltung der Weltkirche und zur Unterminierung seiner eigenen geistlich-politischen Autorität sah. Leo XIV. hat die Restriktionen wieder gelockert, was als Signal der Versöhnung des ersten Papstes aus den USA an die vor allem in den und aus den USA operierenden Erzkonservativen verstanden wurde.

Aber wie konservativ ist der neue Papst Leo im Vergleich zu seinem „linken“ Vorgänger Franziskus eigentlich? Mit den Veranstaltungen Thiels wollte der Vatikan jedenfalls nichts zu tun haben. Zunächst hatte es geheißen, die Vorlesungen würden an der Päpstlichen Universität Heiliger Thomas von Aquin stattfinden, dem sogenannten Angelicum. Doch der Rektor der Hochschule, der amerikanische Theologe und Dominikanerpriester Thomas Joseph White, wies dies in einer Stellungnahme als dummes Gerücht zurück: Die Vorlesungsreihe Thiels werde weder von der Päpstlichen Universität organisiert und auch nicht auf deren Gelände abgehalten.

Demokratie und individuelle Freiheit als Gegensätze

Organisator der Vorträge ist stattdessen die in jeder Hinsicht junge Kulturvereinigung „Vincenzo Gioberti“ – 2023 in Brescia gegründet, geführt von Akademikern der Generation Z. In einer Erklärung teilte der Verein aus Brescia mit, man kümmere sich nicht darum, von den „Herren des Stereotyps und einer vermeintlichen Intelligenzija als Reaktionäre und Anhänger eines längst vergangenen Ancien Régimes gebrandmarkt“ zu werden. Stattdessen nehme man gerade eine der umstrittensten Positionen Peter Thiels ernst, wonach „Demokratie und Freiheit nicht mehr vereinbar“ seien, denn diese bringe eine Wahrheit zutage, die viele Akteure des öffentlichen Lebens in Italien und Europa in ihrem Alltag erführen: Immer größere, nur formal demokratisch legitimierte Institutionen bestimmten das Leben, Handeln und Denken von deren konstituierenden Elementen. Dem müsse eine Idee der „radikalen Subsidiarität als Grundlage jeder politischen Gemeinschaft“ entgegengesetzt werden, die ihrerseits auf „Europas christlicher Identität als Voraussetzung für das Wachstum seiner Völker“ beruhe.

Es ist wohl kein Zufall, dass Thiel mit seiner Tour der Vorlesungen zu „Antichrist und Apokalypse“ nun in Rom Station macht, nachdem er seine Gedanken zuvor schon in San Francisco, in Paris und in Cambridge dargelegt hatte. Rom ist der Sitz der Weltkirche, hier hat der Nachfolger Petri seinen Sitz – derzeit und erstmals ein Amerikaner. Zudem ist Leo XIV. der erste Pontifex aus dem Augustinerorden. Und er sieht sich seit Monaten einer Art Doppelangriff ultrakonservativer Katholiken aus den USA mit scheinbar augustinischen Argumenten ausgesetzt, die er energisch zu widerlegen sucht.

Und nun also spricht Peter Thiel, der Tech-Prophet, sozusagen vor der Haustür des Papstes. Aus Thiels Sicht untergraben einerseits pseudodemokratische Superstrukturen die libertäre Freiheit des Einzelnen und des Christenmenschen. Andererseits, so Thiel, meldet sich kein anderer als der Antichrist mit apokalyptischen Warnungen vor den angeblich katastrophalen Folgen der Künstlichen Intelligenz (KI) und anderer Segnungen des Hightech-Zeitalters zu Wort. Es ist Thiel gewiss nicht entgangen, dass Papst Leo immer wieder vor den Risiken der KI warnt. Nachdrücklich auch davor, beim Verfassen von Predigten auf KI zurückzugreifen, weil dies zur Verarmung des Geistes und von dessen Organ führe: „Alle Muskeln sterben ab, wenn wir sie nicht mehr nutzen. Und deshalb muss auch das Gehirn benutzt werden, damit wir unsere Intelligenz nicht verlieren.“