Ein Junge klettert links einen Baum hoch, ein Mädchen scheint auf der rechten Seite des knapp fünf Meter breiten Wandbilds vom Himmel herunterzuspringen – und droht dabei auf dem gebeugten Rücken Maler Sigmar Polke zu landen. Der sucht unter ihr auf einem Rasenstück nach halluzinogenen Pilzen.
Von Polke sind Experimente mit Pilzen und anderen Rauschmitteln überliefert. Von seiner Malerkollegin Georgia O’Keeffe wiederum das Sammeln von Kräutern. Sie wurde von Giulia Andreani an einem Tisch vor einem Berg aus Pflanzen sitzend unten links im Wandbild porträtiert. Ins Zentrum allerdings setzte die aus Italien stammende, länger aber schon in Paris lebende Künstlerin die schillernde Figur der Anarchistin, Pazifistin, Verlegerin und Sufi-Anhängerin Leda Rafanelli.
Diese konnte sich neben ihren künstlerischen und politischen Werken auch damit rühmen, den amourösen Avancen des damals noch für einen Sozialisten gehaltenen späteren italienischen Diktators Benito Mussolini eine Abfuhr erteilt zu haben.
Sehr direkt schaut Rafanelli aus dem Bild. Man könnte ihr unterstellen, sie frage ihr betrachtendes Gegenüber, wie dieses es so halte mit dem Anarchismus, mit dem Nein zum Krieg und auch mit dem Nein einer Frau zu einem machtvoll begehrenden Manne.
Archive und Familienalben
Andreani hat in diesem großen Bildwerk gleich mehrere für sie prägende Figuren in Konstellationen zueinander gebracht. Polkes Malerei beeinflusste sie einst als Kunststudentin. Raffanelli steht stellvertretend für all die Frauen, deren Bildnissen und Lebensgeschichten Andreani in Archiven und Familienalben nachspürt.
Um verdrängte und vergessene Personen kann es sich dabei handeln, aber auch um solche, die Zeit ihres Lebens vom Schleier der Anonymität bedeckt waren. Andreani porträtiert sehr viele namenlose Näherinnen, Schneiderinnen und Wäscherinnen in oft großformatigen Arrangements.
Als Vorlagen nimmt sie Fotos. Für die aktuelle Ausstellung im Hamburger Bahnhof verlässt sie aber auch den zweidimensionalen Bildraum und reichert ihre Werke mit technischen Objekten wie Bügeleisen und Fleischwolf, Briefwaage und Schreibmaschine an. Für die Malerei selbst löst Andreani die Figuren, die ihr wichtig sind, behutsam aus den originalen Bildkontexten heraus. Sie benutzt dafür vorwiegend einen Farbton, das sogenannte Paynesgrau. Es ist eine Mischfarbe, einst vom britischen Landschaftsmaler William Payne für schöne Wolkentöne aus den Komponenten Ultramarin, Schwarz und Siena entwickelt.
Putin und Trump als Kinder mit Kätzchen: Giulia Andreani, „The lord of (f)lies“, 2026
Foto:
Giulia Andreani und ADAGP, Paris 2026; Courtesy die Künstlerin und Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London | Marfa, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Foto: Pierre Tanguy
Je nach Untergrund sticht mal mehr das Blau, der Rotton oder eben das Schwarz heraus. Stets aber mutet dem Pinselstrich etwas Geisterhaftes und Mystisches an. Und so erinnert Andreanis Maltechnik denn auch an alchimistische Praktiken und Experimente mit Fixierlösungen, bei denen Schemen, Silhouetten und komplette Figuren hervorgezaubert werden.
Wellenbewegungen des Erkenntnisprozesses
Gerade weil ihre Bilder so seltsam entfärbt wirken, lösen sie Wellenbewegungen des Erkenntnisprozesses aus. Sie schaffen einerseits eine Distanz, die zur Reflexion einlädt. Andererseits beginnt der Wahrnehmungsapparat unwillkürlich, fehlende Farbkomponenten zu ergänzen, was einen eher immersiven, also an- und einsaugenden Effekt hat.
„Meine besondere Farbwahl ermöglicht es mir, in einem sehr produktiven Schwellenbereich zu arbeiten, an der Grenze zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Erzählung und Fotorealismus, zwischen Symbol und Hinweis“, erklärt sie selbst im begleitenden Katalog.
Versteckte Hinweise liefert auch die Ausstellungsarchitektur. Der Blick der Anarchistin Rafanelli scheint durch den Raum zu gehen und zwei Knabenporträts von hinten zu durchbohren. Nachempfunden sind sie Aufnahmen von Donald Trump und Wladimir Putin, jeweils im Kindesalter. Eher verträumt, fast verschüchtert blickt der eine, mit noch sanft strahlendem Selbstbewusstsein der andere.
Was war damals schon angelegt bei diesen beiden Disruptoren der Weltgeschichte, fragt man sich unwillkürlich. Die „Sabotagen“, die Andreani an alten Fotografien vornimmt, stellen vor allem Fragen. Im Zeitalter der Meinungskämpfe eine geradezu wohltuende Strategie, die dennoch keinesfalls einlullt, sondern zur Gedankenschärfe animiert.
