Zum Tod von Jürgen Habermas: „Das weiß doch jeder, was links ist“

Das Verhältnis der taz zu Jürgen Habermas war stets ambivalent. Das ist schon dem großen taz-Interview von 1980 mit ihm anzusehen. Die Fahrt nach Starnberg muss Züge einer Pilgerfahrt gehabt haben. „Vier Mann hoch – nur Männer – kam die taz zu Habermas“, vermerkt der Vorspann, etwas später fährt er fort: „Die ersten Sätze sind schüchtern – auf beiden Seiten. Wir haben Bammel vor der Autorität; Habermas weiß nicht, auf welche Vögel er sich da eingelassen hat. Dann wird viel gelacht.“ Vorsichtiges Abtasten also, dann das Glück des Gelingens.

Bammel hin, Autorität her, die tazler der ersten Stunde wollten sich den Segen von Habermas – des Nachfolgers Adornos! – abholen. Eine Kontaktaufnahme mit dem Philosophen, der wie kein zweiter für eine Theorie der kritischen Öffentlichkeit stand, lag auf der Hand.

Aber das Gespräch enthält auch entscheidende Differenzen. Erstens gibt Habermas die zögerliche Frage, was denn heute links sei, umstandslos an die Fragesteller zurück: „Wenn ich mich an dem Spiel ‚Was ist links‘ beteiligen wollte, wäre ich viel verzweifelter, als ich es bin. Das weiß doch jeder, was links ist. Sagen Sie mir doch mal, warum Sie das nicht mehr wissen.“

Zweitens vermerkt das Gespräch Unterschiede in den Stilfragen; Habermas’ „bürgerliche“ Lebensführung (Anzug, verheiratet, Professorenamt) ist Thema. Und drittens gibt es auch deutliche theoretische Differenzen: über Bataille und Foucault, die französischen Poststrukturalisten, kann man sich nicht einig werden.

Eher Franzosen statt dem Frankfurter

Im Interview wollte Habermas dem Poststrukturalismus gleich ganz das emanzipatorische Potenzial absprechen: „Bei Foucault vermisse ich eigentlich das wie auch immer gebrochene Festhalten an den Intentionen der Aufklärung.“ Die tazler hielten tapfer dagegen.

Diese Ambivalenz – kritische Öffentlichkeit schon klar, aber Zurückweisung von Habermas’ Versuchen, konkurrierende Theorieansätze auszugrenzen – ist dann taz-Tradition geworden. Dass diese Ambivalenz theoriestrategisch nie bis ins Letzte ausgetragen wurde, hatte einen simplen Grund: den Historikerstreit in den Achtzigerjahren.

Jürgen Habermas aufgenommen im August 1981 im Garten seines Hauses am Starnberger See



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Roland Witschel/picture alliance

Das lässt sich der Würdigung ablesen, die der damalige taz-Literaturredakteur Jörg Lau dem Philosophen zum 65. Geburtstag widmete. Mit seiner Gegnerschaft zu Foucault war Habermas zwar nicht durchgekommen; wer damals aus den Philosophieseminaren kam, ließ sich eher vom Franzosen als vom Frankfurter faszinieren. Aber Jörg Lau nutzt diesen leisen Triumph eben nicht, um Habermas beiseite zu wischen. Wenn er sich nur die richtigen Gegner aussuchte, wie im Historikerstreit den Geschichtsrevisionismus Ernst Noltes, hielt man auch zu ihm. In Bezug auf die damals gerade diskutierten neurechten Diskursansätze formulierte Lau: „… gut zu wissen, dass Jürgen Habermas noch im Ring ist, um den Fehdehandschuh aufzunehmen.“

Vom Studentenprotest zum Staatsphilosophen

Im Ansatz ist in dieser Würdigung die Verschiebung enthalten, die bis hin zum „Staatsphilosophen“ (Joschka Fischer) Habermas führt. Eine neue Phase des Verhältnisses begann mit dem rot-grünen Wahlsieg im Jahr 1998. Von einem Habermas-Gegner wie Norbert Bolz kam damals der durchaus gehässig gemeinte Satz: „Der Weg von Adorno zu Habermas ist der Weg von den Studentenprotesten auf die Regierungsbank.“

Bei aller Gemeinheit erhaschte dieser Satz etwas vom Selbstverständnis rot-grüner Politiker und auch von der Hegemonie in unserer Gesellschaft; nicht selten immerhin heutzutage, dass schon Kleinkinder den herrschaftsfreien Diskurs über normative Hintergründe elterlicher Entscheidungen einklagen und beim Taschengeld etwa die Gerechtigkeitsfrage stellen.

Allerdings ist es in der taz – bei aller Sympathie für praktische herrschaftsfreie Diskurse – in der Theorie bei Ambivalenzen Habermas gegenüber geblieben. In seinem Artikel zum 70. Habermas-Geburtstag zitiert Reinhard Kahl den Philosophen Ludger Heidbrink mit skeptischen Worten: „Das Theoriegebäude des Sozialphilosophen gleicht einer Kathedrale. Ehrfürchtig tritt man ein, beeindruckt vom gewaltigen Bauplan in seinen endlosen Verästelungen, und bleibt doch seltsam unberührt von der Pracht.“

Und Christian Semler macht aus Anlass des Friedenspreises für Habermas 2001 auch auf Defizite aufmerksam: „Auf den Zusammenbruch des realsozialistischen Systems und auf die deutsche Vereinigung hat er uns allerdings wenig vorbereitet.“