

Ohne Nebenbedingungen 2,5 Prozent Zinsen auf einem Tagesgeldkonto – das gibt es derzeit bei keiner Bank im deutschen Markt. Die Münchener Neobank Scalable Capital setzt damit ein Ausrufezeichen. „Ab sofort“ so teilt es das Unternehmen am frühen Montagmorgen mit, erhalten alle Bestands- und Neukunden der Bank auf einem neu einzurichtenden Tagesgeldkonto nun mit monatlicher Gutschrift 2,5 Prozent Zinsen – bis auf Weiteres, wie die Bank auf Nachfrage mitteilt.
„Es handelt sich nicht um einen Aktionszins für einen kurzen Zeitraum. Der Zinssatz gilt für alle Bestands- und Neukunden bis auf Weiteres und für einen unbegrenzten Betrag“, heißt es von Scalable Capital gegenüber der F.A.Z. Der Zusatz „variabel“ bedeute, dass sich die Verzinsung verändern kann, insbesondere wenn sich die Verhältnisse im Interbankenmarkt und an den Geld- und Kapitalmärkten oder der Zinssatz der EZB für Einlagen verändern.
Erdbeben durch Trade Republic im Januar 2023
Vor gut drei Jahren hatte die größte deutsche Neobank Trade Republic mit einem Angebot von zwei Prozent Zins für alle Kunden und unbegrenzten Guthaben für ein Erdbeben im deutschen Bankenmarkt gesorgt und sehr viel Kundengeld gewonnen. Als sich viele Sparkassen und Filialbanken noch schwertaten, nach der Zinswende 2022 die höheren Zinsen an ihre Kunden weiterzugeben, versprach Trade Republic fortan immer den EZB-Einlagenzins zu zahlen, den auch die Banken für ihr bei der Zentralbank hinterlegtes Geld erhalten. Das Versprechen hat Trade Republic bis heute gehalten und deutliche zweistellige Milliardenbeträge an Einlagen erhalten.
Längst ist das Angebot von Trade Republic zum Maßstab geworden. Scalable Capital zahlte bislang auf dem Verrechnungskonto der Kunden auch schon zwei Prozent Zinsen, teilweise aber in der Höhe begrenzt, und will nun offenbar aktiv um weitere Einlagen werben. Höhere Zinsen gibt es nur vereinzelt und stets nur als Sonderaktionen für Neukunden, befristet auf wenige Monate oder in der Höhe der Guthaben begrenzt.
Scalable nutzt die Einlagen auch zur Kreditvergabe
Anders als bei Trade Republic führt Scalable ein weiteres Konto für die Kunden ein. Zwischen dem höher verzinsten Tagesgeldkonto und dem Verrechnungskonto für den Wertpapierhandel seien Transfers jedoch jederzeit in Echtzeit möglich, betont Scalable. Trade Republic führt ein einziges Konto für jeden Kunden mit Verzinsung, Depot-Verknüpfung und Girokontofunktionen.
Scalable Capital hat im vergangenen Jahr eine Vollbanklizenz erhalten und nutzt diese nun auch stärker, um das Bankangebot für die Kunden auszubauen. Im Unterschied zu anderen Neobrokern und anders als Trade Republic bietet Scalable seit dem vergangenen Jahr auch Kredite an, mit variablem Schuldzins von derzeit 3,24 Prozent und zu besichern mit dem Wertpapierdepot.
Kinder werden interessanter als Kunden
Wie einige andere Banken auch stärkt Scalable den Blick auf Kinder als Zielgruppe. Seit Herbst sind Kinderdepots möglich. Das neue Zinskonto kann auch für Kinder eingerichtet werden. Scalable stützt sich dabei auf eine beim Hamburger Marktforschungsinstitut Appinio in Auftrag gegebene Umfrage, wonach Eltern nicht nur eine große Neugier für Anlageprodukte zeigten, sondern zu 70 Prozent auf klassische Sparkonten setzten, wenn es ums Sparen für den Nachwuchs geht. Die Konten und Depots der Kinder können in der Scalable-App der Eltern verwaltet und eingesehen werden.
Die Einlagensicherung ist sehr ähnlich strukturiert wie die von Trade Republic. Nur ein Teil der Einlagen wird in den eigenen Büchern der Bank liegen, weitere Teile bei Partnerbanken und in der „Free“-Version von Scalable auch in Geldmarktfonds, die für die versprochene Verzinsung sorgen.
Durch die Verteilung auf mehrere Banken kommt dem Kunden auch eine mehrfache gesetzliche Einlagensicherung zugute. Diese beträgt je Kunde und Bank 100.000 Euro. Auf diese Weise können mit den vier Partnerbanken von Scalable, der Deutschen Bank AG, der HSBC Continental Europe, der Münchener Hypothekenbank und der NordLB bis zu fünfmal 100.000 Euro gesetzlich abgesichert werden. Wie die Guthaben genau verteilt werden, hängt von den verfügbaren Kapazitäten und Konditionen der Banken ab und variiert. Die Kunden können jederzeit in ihrem Kundenbereich in der App einsehen, wie das Geld aufgeteilt ist.
Geldmarktfonds mit hohen Zuflüssen
Als Geldmarktfonds werden aktuell der J.P. Morgan EUR Liquidity LVNAV Select, der DWS Deutsche Managed Euro Fund und der Blackrock ICS Euro Liquidity Fund genutzt. Für die Fonds gelten statt der gesetzlichen Einlagensicherung die EU-weiten OGAW-Schutzstandards, unabhängig vom Anlagebetrag. Diese sehen unter anderem vor, dass das Fondsvermögen stets Eigentum des Kunden ist und rechtlich vom Vermögen der Fonds-Verwaltungsgesellschaft getrennt und damit als Sondervermögen im Insolvenzfall geschützt ist. Geldmarktfonds gelten als besonders risikoarme Fonds und haben seit der Rückkehr der Zinsen gerade bei institutionellen Kunden deutlich an Beliebtheit gewonnen. Einer der größten Anleger in Geldmarktfonds Deutschland dürfte derzeit Trade Republic sein, die ebenfalls einen Teil ihrer Kundeneinlagen in Geldmarktfonds anlegen.
Scalable Capital wurde im Jahr 2014 gegründet und beschäftigt heute in München, Berlin, Wien, Mailand und London mehr als 700 Mitarbeiter. Das Münchener Unternehmen zählt mehr als eine Million Kunden, die ihm mehr als 40 Milliarden Euro anvertraut haben. Trade Republic hat nach jüngsten Zahlen mehr als zehn Millionen Kunden, davon rund die Hälfte in Deutschland und die andere Hälfte in Europa, insbesondere in Frankreich. Die Neobank verwahrt rund 150 Milliarden Euro Anlegergeld. Trade Republic gilt seit dem Herbst mit einer Bewertung von 12,5 Milliarden Euro als wertvollstes deutsches Start-up.
Scalable betreibt mit der European Investor Exchange seit Dezember 2024 eine Börse. Dies gilt als ein Weg, dem europäischen Verbot der Bezahlung für die Zuleitung von Wertpapieraufträgen an Broker zu begegnen. Bislang erhielten viele Banken, insbesondere Neobanken wie Trade Republic und Scalable, Geld von einem Broker, dafür, dass sie dorthin die Aufträge ihrer Kunden leiten. Diesen Weg, den Wert der vielen Kundenorders zu Geld zu machen, will die europäische Regulierung vom Sommer an untersagen.
Der Wert dieser vielen Wertpapieraufträge, darunter Millionen monatliche ETF-Sparplanausführungen, bleibt den Neobrokern aber erhalten. Wie sie ihn nutzen, wird sich im Spätsommer und Herbst zeigen. Bislang heißt es, die zu Geld gemachten Aufträge würden genutzt, um den Kunden die günstigen Konditionen bieten zu können. Das Kundenwachstum kann als Bestätigung dieser Strategie gesehen werden. Erik Podzuweit, Gründer und Co-CEO von Scalable Capital, sieht auch das neue Zinsangebot in dieser Tradition: „Zinsen sind das deutlichste Bekenntnis einer Bank an ihre Kunden.“
