Es ist ein kalter Januartag in der Solinger Innenstadt. Blume trägt Mantel und schwarze Lederhandschuhe. In der Öffentlichkeit kennen ihn die meisten als Kollegah. Wer es nicht weiß: Kollegah ist einer der erfolgreichsten Rapper Deutschlands. Neuerdings aber will Blume nur noch bei seinem bürgerlichen Namen genannt werden. Er hat keine Lust mehr auf Musik. Stattdessen feiert er an diesem Wintertag in Solingen die Eröffnung des ersten Fitnessstudios seines neuen Franchise-Unternehmens „Alpha Gym“. Mit knapp 50 Prozent ist er als Gesellschafter beteiligt.
800 Menschen dürfen hier, im ersten Alpha Gym, Mitglied werden. An diesem Samstag haben es etwas mehr als zehn davon ins Studio geschafft, durch das Schneechaos, das draußen wütet. Nach dem Empfang vom Boss höchstpersönlich fangen sie jetzt an, die Geräte auszuprobieren. Sie laufen über die schwarzen Matten, stemmen Gewichte und posieren vor dem großen Spiegel, über dem ein Wand-Tattoo klebt. „Schmerz ist vergänglich, was bleibt ist der Stolz“, steht da in weißer Schrift.
Es ist ein Zitat aus einem alten Lied. Aus einer Zeit, als Felix Blume sich noch Kollegah nannte und mit seiner Musik regelmäßig die Spitze der Charts erklomm. Kollegah ist eines der bekanntesten Gesichter deutschen Gangster-Raps und ein Stück deutscher Popkultur. Viele, teils sehr junge Fans verehren ihn dafür bis heute. Auch wenn Felix Blume sich verändert hat.
In den vergangenen Jahren fiel er weniger mit musikalischen Erfolgen auf als mit irritierenden Botschaften zwischen den Zeilen seiner Texte. Darin findet man vermehrt Ideen und Sprachbilder, die einem aus Verschwörungstheorien bekannt vorkommen können. Etwa im Lied „Mind Over Matter“ aus dem Jahr 2022, in dem der Rapper unter anderem die Evolutionstheorie bestreitet, um anschließend zu fragen: „Was will man auch erwarten von ’ner Bildung, die vom Staat ist?“ Statt Gangster- machte er Patrioten-Rap, vor allem im bisher letzten Album ging es viel um Deutschland und dessen Eichen und Linden.
Jetzt widmet sich Felix Blume seiner Fitnessstudio-Kette Alpha Gym. Ein Ort für Alphamänner und die, die es gerne werden möchten. Und eine Unternehmung, die eine Frage aufwirft: Wie weit rechts steht der einstige Superstar des Deutschrap mittlerweile?
„Ski Heil“ steht auf den T-Shirts – eine Anspielung auf „Sieg Heil“?
Eröffnet wird das erste Studio in Solingen mit einer Person namens Heidrich Kopelke als Geschäftsführer. Einige Indizien sprechen dafür, dass er der Sohn von Axel Kopelke ist. Zwar äußern sich die beiden nicht zu einem Verwandtschaftsverhältnis, doch die SZ konnte prüfen, dass die beiden an fünf verschiedenen Adressen zusammen gewohnt haben. Zudem hat Axel Kopelke laut BKA-Akten einen Sohn, der in dem Alter von Heidrich Kopelke ist.
Axel Kopelke ist Mitgründer der Klamottenmarke Thor Steinar. Der Verfassungsschutz Brandenburg sieht in Thor Steinar ein mögliches Erkennungsmerkmal für Personen der rechtsextremistischen Szene. Offiziell positioniert sich Thor Steinar nicht politisch, die Marke spielt aber immer wieder mit Symbolen aus der NS-Zeit, etwa mit T-Shirts, auf denen eine „44“ gedruckt ist, die optisch an den „SS“-Schriftzug erinnert, oder mit Schriftzügen wie „Ski Heil“, die man als Anspielung auf „Sieg Heil“ verstehen kann.
Zwar ist Axel Kopelke seit 2007 offiziell nicht mehr am Unternehmen hinter Thor Steinar, der Mediatex GmbH, beteiligt. Ein Blick in das Register der Weltorganisation für geistiges Eigentum zeigt aber, wie er bis Januar 2021 Markenrechte für Thor Steinar anmeldete und so am Geschäft mitwirkte. Axel Kopelke selbst pflegte nach Recherchen der Antifa Freiburg und Akten des BKA, die der SZ vorliegen, in den 1990er-Jahren Kontakte zu einschlägig bekannten deutschen Neonazis und nahm an völkischen Feiern und rechtsextremen Parteianlässen teil.
Aus dem politischen Hintergrund des Vaters lässt sich nicht automatisch auf die Überzeugungen des Sohnes schließen. Was also ist mit Heidrich Kopelke, dem Geschäftsführer der Fitnessstudio-Kette von Felix Blume? In den sozialen Medien gibt er sich als Geschäftsmann, der seine Follower auf eine Reise der Selbstoptimierung mitnimmt.
Wer etwas tiefer gräbt, stößt aber auf Fotos vom rechtspopulistischen „Neuen Hambacher Fest“ aus dem Jahr 2018, auf denen Heidrich Kopelke auftaucht. Zudem kommentiert Landogar Höcke, Sohn des AfD-Politikers Björn Höcke, regelmäßig unter Heidrich Kopelkes Beiträgen in den sozialen Medien. Julian Walder, Vorstand der Jungen Alternative in Leipzig und Mitglied der rechtsextremen Identitären Bewegung, ist ebenfalls sein Follower. Zudem bewegt sich Heidrich Kopelke in der rechten Szene: Ein Besucher etwa, der auf dem Geheimtreffen von Rechtsextremisten in Potsdam Ende 2023 nachweislich anwesend war, versichert der SZ an Eides statt, Heidrich Kopelke zusammen mit seinem Vater Axel Kopelke dort gesehen zu haben.
Die Alpha Gym GE GmbH führt Heidrich Kopelke aus einem Büro in Königs Wusterhausen – einer Kleinstadt in Brandenburg und zufälligerweise auch der Ort, an dem das Unternehmen hinter Thor Steinar, die Mediatex GmbH, gegründet wurde und in dessen Nachbarort sie bis heute sitzt. Als man an einem Freitagnachmittag vorbeischaut, findet man niemanden vor. Das Büro befindet sich in einem Komplex, in dem auch andere Firmen sitzen, mit einem Fitnessstudio im Erdgeschoss. Mit dessen Inhabern teilt sich Heidrich Kopelke einen Briefkasten.
Wie also passen Heidrich Kopelke und Felix Blume zusammen?
Kollegah wurde in den frühen 2010ern zum Gesicht für Gangster-Rap in Deutschland. In den Texten Kollegahs geht es darum, hart zu sein, innerlich wie äußerlich, etwa durch Kraftsport. „Du bist Boss, wenn du Gefühle kontrollierst, deine Physis modellierst“, rappt Kollegah in einem seiner erfolgreichsten Lieder. Seinen kommerziellen Höhepunkt erreicht er mit seinem Album „King“ im Jahr 2014. Es verkaufte sich mehr als 300 000-mal. Bis heute hält er 14 Gold- und Platinplatten.

An seinem Alpha-Männlichkeitsbild hat sich seither wenig geändert. Nur mischte sich später eine Note Patriotismus, teils sogar Antisemitismus in die Zeilen. Die Amadeo-Antonio-Stiftung, die Aufklärungsarbeit im Bereich Rechtsextremismusprävention betreibt, kritisiert Kollegah für seine „antisemitische Bildsprache“. Etwa im Lied „Mind Over Matter“, in dem er das Sprachbild einer „Tiefseekrake“ mit „riesigen Tentakeln“ bedient, um die digitale ID zu beschreiben. Das Sprachbild nutzten vor ihm schon die Nazis während der NS-Zeit, als Symbol einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung, in der Propagandazeitschrift Der Stürmer.
2024 dann legte Felix Blume seinen Künstlernamen Kollegah offiziell ab. Er sei aus der Kunstfigur herausgewachsen, sagte er gegenüber RTL. Musik wolle er keine mehr machen, heißt es da noch. Im Dezember 2025 veröffentlichte er dann doch ein Album namens „Kanzler“. Darauf rappt Blume über den angeblichen Niedergang der Bundesrepublik, seine Liebe zu Deutschland und die vermeintliche Bedrohung durch Pädophile und Messerstecher. Applaus gab es dafür in den sozialen Medien etwa von Maximilian Krah von der AfD oder dem rechtsextremistischen Aktivisten Martin Sellner, der das Lied „Deutschland“ von Felix Blume als „größten Vibeshift seit Jahrzehnten“ beschreibt.
In der Größenordnung von Felix Blume gibt es im Deutschrap-Kosmos bisher kaum Künstler, die sich ähnlich positionieren. Xavier Naidoo, der erst kürzlich vor dem Bundestag davon sprach, dass uns allen von einer geheimen Elite bereits Menschenfleisch untergejubelt wurde, reiht sich noch am ehesten ein. Dass es wenige Rapper gibt, die sich in eine ähnliche Richtung positionieren, könnte auch damit zusammenhängen, dass Hip-Hop im Kern eine Kultur zur Ermächtigung der Unterdrückten und Benachteiligten ist, in der sich oftmals gegen Ausgrenzung stark gemacht wird.
Zwar kann der Musiker seit seinem „Vibeshift“ nicht mehr an alte Erfolge anschließen – doch noch immer sind ihm viele Fans treu ergeben. Knapp eine Million Menschen hören monatlich die alte Musik von Kollegah auf Spotify. In den sozialen Medien folgen ihm über zwei Millionen Menschen. Und auch im Alpha Gym findet man viele, teils minderjährige Fans, die Kollegahs Musik verehren.
Blume sagt: „Mein Motto ist: Weg vom Butterflymesser, hin zum Butterflygerät.“
Aber warum eröffnet sein erstes Fitnessstudio ausgerechnet in einer Stadt im Bergischen Land? Darauf hat der selbsternannte „Boss“ im Alpha Gym eine Antwort parat, als man ihn anspricht. Solingen sei eine gebeutelte Stadt, sagt er. Er wolle hier etwas Gutes tun. „Mein Motto ist: Weg vom Butterflymesser, hin zum Butterflygerät.“ Damit spielt Blume auf einen islamistisch motivierten Anschlag an, der sich 2024 in Solingen ereignete und bundesweit Schlagzeilen machte. Damals starben drei Menschen durch eine Messerattacke beim Solinger Stadtfest, acht weitere wurden verletzt. Wenn man Felix Blume zum politischen Hintergrund seines Geschäftsführers Fragen stellt, fallen die Antworten schlichter aus: „Dazu gibt der Boss derzeit kein Statement“, sagt Blume. Er spricht in der dritten Person über sich selbst.

Heidrich Kopelke selbst ist auch bei der Eröffnung und läuft mit Alpha-Gym-Kappe zwischen den Geräten umher. In einer ruhigen Minute erzählt er der SZ, das Studio sei ein Ort, bei dem es um Kollegah gehe, wo jeder willkommen sei, der sich respektvoll verhalte und dem es um Sport geht. Ob er sich denn selbst vom Rechtsextremismus distanziere? Darauf gibt er vor Ort keine Antwort. Kurz vor Redaktionsschluss meldet er sich dann aber doch und beteuert, er distanziere sich von Extremismus jeglicher Form. „Meine persönliche Haltung orientiert sich stark an dem Buch ‚Der Pfad des friedvollen Kriegers‘ von Dan Millman, das mich in meiner Lebensphilosophie geprägt hat“, sagt Kopelke. Zu konkreten Vorwürfen, dass er etwa auf dem „Neuen Hambacher Fest“ war, bezieht Kopelke keine Stellung.
Blume selbst meldet sich ein paar Wochen nach der Eröffnung des Fitnessstudios via Whatsapp, um Fragen zu beantworten. Was er über Heidrich Kopelke und dessen Verbindungen denke? „Privatleben und Geschäft haben nichts miteinander zu tun, sowas trenne ich“, schreibt er. Woher kennen er und Heidrich Kopelke sich? Warum sitzt das Büro der Alpha Gym GE GmbH in der Kleinstadt Königs Wusterhausen, genau wie Thor Steinar? Dazu möchte Felix Blume nichts sagen, betont aber: „Ich selbst gehöre keiner politischen Strömung an. Ich stehe für Frieden, Menschlichkeit und – vor allem zu betonen in diesen Zeiten – Kinderschutz.“ Er würde dem Reporter raten, sich auf „rituellen Kindesmissbrauch in Machtkreisen“ zu konzentrieren, statt sich über Alpha Gym zu informieren. Die Idee, dass eine geheime Elite Kinder entführe und missbrauche, findet sich in verschiedenen Verschwörungstheorien wieder. Etwa in der von der rechtsextremen Gruppe QAnon verbreiteten Erzählung, wonach in einem Pizzaladen in Washington Kindesmissbrauch und Kindermord stattfände und eine Elite aus dem Blut der Opfer ein Verjüngungsserum herstellen würde. So bleiben beim Versuch eines Austauschs mit Felix Blume am Ende ein paar Fragen unbeantwortet.
Bei der Eröffnungsfeier des Alpha Gyms in Solingen tauchen später auch noch alte Weggefährten von Felix Blume auf – die Rapper Farid Bang und Majoe. Beide sind nicht für eine politische Haltung, dafür aber umso mehr für ihr hartes, muskelbepacktes Männlichkeitsbild bekannt. In einem Video, dass später auf Youtube landet, echauffiert sich Farid Bang künstlich darüber, dass seine zwei Kumpels die Beine trainieren. Es ist ein alter Insider-Witz, den viele Fans noch von damals kennen dürften. Demnach würden wahre Männer nur den Oberkörper und insbesondere den Bizeps stählen. Er stammt aus einer Zeit, als die drei Musiker im Rap-Kosmos Mainstream waren. Als Felix Blume noch Kollegah hieß.
