Kurz nach acht, Frankfurt-Griesheim, Wahllokal 552-01. Das Wahlgeschehen ist hier seit 30 Jahren fest in der Hand eines Mutter-Tochter-Gespanns. Dazu kommen zwei Frauen, die die Atmosphäre schätzen, und ein junger Mann. Zur Stärkung gibt es selbst gebackenen Kuchen auf geblümtem Wachstuch, das Stück für 50 Cent, nur der Bananenkuchen kostet 70 Cent und der Kreppel einen Euro. Noch ist alles entspannt, aber der Tag wird lang. „Vor neun Uhr simmer net fertisch“, lautet die einhellige Einschätzung.
Für den langen Abend sorgt der Stimmzettel in Überbreite, und für die Überbreite sorgt Angelika Gräfin von der Schulenburg-Hehlen. Die SPD-Politikerin setzt die Mindestspaltenbreite fest, die in ihrem Fall etwas größer ausfällt und nach der sich alle richten müssen. Der Riesenlappen passt an den Wahltischen nur mit Mühe zwischen die Sichtblenden aus Pappe. Die mittleren und älteren Generationen, die schon mit Falk-Stadtplänen in Patentfaltung durch Europas Metropolen spaziert sind oder Tageszeitungen in öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen gelernt haben, sind klar im Vorteil.„93 Stimmen verteilt doch kein Mensch“, sagt eine Wählerin, „die Oma hat sich schon beschwert, dass für so was der Urwald abgeholzt wird.“
Sinnierend stehen die Frauen vor dem verglasten Raum. Und dann wird es kurz doch noch hektisch am frühen Morgen im Wahllokal 552-01, denn man kann von außen in die vorderste Kabine schauen. Was tun? Sollte man die Fensterfront abhängen? Mit einem Wahlzettel vielleicht? Dann findet sich in einer Ecke des Raums eine weitere Sichtblende aus Karton, sie wird zwischen Fenster und Heizung geklemmt, und schon läuft die Wahl wieder so unmittelbar, frei, gleich und vor allem geheim ab, wie es das Grundgesetz verlangt. Dass die Demokratie mit einem Stück Pappe zu retten ist, kommt auch nicht alle Tage vor.
Während in Frankfurt-Griesheim das Volk schon früh auf den Beinen ist, herrscht im Bad Sodener Paulinenschlösschen noch gähnende Leere. Stand halb zehn sind erst 22 Wähler in dem kleinen Bürgeramt am Alten Kurpark gewesen. Die meisten kämen erst gegen Mittag, sagt Schriftführerin Cornelia Räuber. In Bad Soden arbeiten die Wahlhelfer in zwei Schichten, vier von acht bis eins, dann ist Wechsel. Alle acht zählen dann abends gemeinsam die Stimmen aus. Eine lange Schicht von acht bis abends wie in Griesheim möchte man sich hier nicht zumuten. „Das ist ja mehr, als unter der Woche das Arbeitsschutzgesetz hergibt“, sagt Räuber.

Die Schriftführerin behält recht, ein weiterer Besuch zwei Stunden später ergibt ein ganz anderes Bild. „Sie brauchen gar nicht rein, es ist knallvoll“, sagt eine ältere Dame schon auf der Treppe. Eine Familie schiebt sich dennoch in den Vorraum und nutzt gleich die Gelegenheit, gelbe Müllsäcke mitzunehmen. Auch das Ehepaar Hansen samt Enkel Paul steht in der Schlange. „Der hat den ganzen Morgen Wahl-O-Mat gespielt“, sagt Klaus Hansen. Und? Was kam raus? „Wahlgeheimnis“, sagt Hansen.
Auch im Main-Taunus-Kreis darf kumuliert und panaschiert werden, aber so groß wie in Frankfurt ist der Wahlzettel hier nicht, sondern „fast putzig“, wie Cornelia Räuber sagt. Der größte Zettel ist für das größte Gremium, nämlich den Kreistag des Main-Taunus-Kreises, der hat 81 Sitze, entsprechend hat man 81 Stimmen. Einem älteren Herren habe der Zettel am frühen Morgen ziemliche Schwierigkeiten bereitet, berichtet Räuber. Der Mann hatte seine Brille vergessen. „Er musste dann doch Liste wählen.“

Die meisten, die hier in der Schlange stehen, winken ab, wenn man sie nach den Möglichkeiten und Feinheiten der Stimmverteilung fragt. Er finde die Möglichkeit zum Kumulieren und Panaschieren eigentlich sehr gut, sagt Klaus Hansen, aber es überfordere wohl den Normalwähler. „Ich behaupte mal: Für achtzig Prozent ist das nicht relevant.“ Eine Kritik solle das aber nicht sein, das Wahlsystem solle so bleiben, wie es ist. Dann geht die Tür auf, Menschen schieben sich heraus, andere herein, und die Beisitzerin kann für den Wahlbezirk 2 in der Sodener Stadtmitte schon den 94. Strich in die Liste setzen.
Demokratie ist Handarbeit. Man hantiert mit Papier und Bleistift, die Datenerfassung erfolgt mit Kugelschreiber auf Karoblock. Im Schwalbacher Bürgerhaus wird sogar stündlich die Wahlbeteiligung in Prozent errechnet, momentan stehen 16,94 Prozent auf dem Zettel. Hier werden sogar vier Wahlen durchgeführt, nämlich zur Stadtverordnetenversammlung, zum Kreistag, zum Ausländerbeirat und zum Bürgermeister. Die vier Zettel sind unterschiedlich gefärbt, weiß, rot, blau und gelb, und müssen in vier verschiedenen Urnen landen.
Um die Sache endgültig zu verkomplizieren, wählt der Wahlbezirk 5 in Raum 7 und der Bezirk 4 in Raum 6. „Ich schicke schon den ganzen Tag Leute in die richtigen Räume“, sagt Wahlleiterin Charlotte Ludwig-Dinkel. Sie hat während der Pandemie angefangen, sich als Wahlhelferin zu engagieren, als man jüngere Leute für die Aufgabe suchte. Zunächst zählte sie Briefe aus, für sich allein in einem Raum und mit Musik. „Da hab ich mehr Briefe geöffnet als vorher in meinem Leben“, sagt sie.
Jetzt ist sie an vorderster Front, kümmert sich darum, dass jeder dort wählt, wo er hingehört, das System versteht und den Wahlbrief wieder mitnimmt, für den Fall, dass es bei der Bürgermeisterwahl zu einer Stichwahl kommt. Dann ist es 13 Uhr: Schichtwechsel. Ludwig-Dinkel steigt auf ihr E-Bike. Fünf Stunden kann sie zu Hause durchatmen, dann wird ausgezählt. Zuerst die Bürgermeisterstimmen, dann die Listenstimmen, die Einzelstimmen werden ins Rathaus weitergereicht und erst am nächsten Tag ausgewertet. Wie lange der Abend dauert, vermag sie nicht zu sagen. „Das hatte ich so noch nie.“
