
Nur wenige Vereine hatten in den vergangenen Jahren ein offensichtlicheres Beuteschema als die Frankfurter Eintracht. Wenn irgendwo in Europa ein junger, französischer Stürmer bei seinem Klub unglücklich schien, aber schon gezeigt hatte, was in ihm steckt, dann war er nur 90 traurige Minuten auf der Bank entfernt von einem Anruf mit der Vorwahl +49 (0)69.
Das funktionierte wunderbar bei Hugo Ekitiké. Und es scheint nun auch zu klappen bei Arnaud Kalimuendo, den die Eintracht im Winter überzeugte, die regnerischen East Midlands zu verlassen und zumindest zeitweise bei ihr zu spielen. Oder auch länger. Aber dazu später mehr.
Denn das Schema mit den Franzosen, es schien zuletzt nicht mehr zu greifen. Im Winter 2025 hatte die Eintracht für 26 Millionen Euro Elye Wahi aus Marseille verpflichtet. Wahi aber fand sich nie zurecht in Frankfurt, ein Jahr später verlieh ihn der Klub nach Nizza. Es hieß: Das ist der erste Fehlgriff von Sportvorstand Markus Krösche.
Zuletzt sprach Krösche häufiger vom „Faktor Mensch“, was zwar eine etwas formelhafte Beschreibung für die Probleme eines 23-Jährigen ist, den Kern aber trifft: Nur weil ein Stürmer an einem Ort nicht trifft, heißt das nicht, dass er woanders nicht der Alte ist. So wie Wahi in Nizza, so wie Kalimuendo in Frankfurt.
Beide schossen am Wochenende zwei der schönsten Tore in den europäischen Topligen. Wahi kam beim Stand von 0:0 gegen Angers aufs Feld, er bereitete einen Treffer vor und lupfte dann den Ball zum 2:0 über den Torhüter, aus 30 Metern Entfernung. Vor vier Wochen hatte sich der Stürmer am Knöchel verletzt und sollte zwei Monate ausfallen, nun ist er früher zurückgekehrt. In sieben Spielen in der Ligue 1 hat er viermal getroffen, dazu einen Treffer vorbereitet. Zur Erinnerung: In Deutschland war ihm in der Liga kein einziges Tor gelungen.

Das liege daran, dass der Trainer und die Mannschaft ihm vertrauten, heißt es aus dem Umfeld des Spielers. Wahi könnte nach F.A.Z.-Informationen aus Frankreich bald für die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste auflaufen. Er würde dann an der Weltmeisterschaft teilnehmen und gegen Deutschland spielen. Für die französische U21 hat Wahi 13 Mal gespielt, auch in fast allen anderen Jugend-Nationalteams kam er zum Einsatz.
Eine WM-Nominierung wäre für die Eintracht genauso förderlich wie seine Tore in der Ligue 1. Schließlich hatte sie Wahi einst in der Hoffnung gekauft, ihn eines Tages noch teurer zu verkaufen. Mittlerweile scheint es zumindest nicht mehr illusorisch, dass die Frankfurter den Verlust reduzieren.
Wahis Nachfolger in Frankfurt hieß Kalimuendo. Ihn wollte die Eintracht schon verpflichten, als Omar Marmoush den Klub ein Jahr zuvor verlassen hatte. Kalimuendo aber wechselte zu Nottingham Forest nach England. Dort saß er im Kampf gegen den Abstieg auf der Bank. Wieder also erreichten ihn Anrufe mit der Frankfurter Vorwahl, diesmal sagte er zu. Und was Nizza für Wahi ist, ist Frankfurt für Kalimuendo.
Wird Kalimuendo der Frankfurter Rekordeinkauf?
Seine Mitspieler schwärmen von ihm. Nnamdi Collins sagte nach dem 1:0 gegen Heidenheim: „Er ist ein brutaler Spieler. Er kann quasi jeden Ball verarbeiten. Er kann auch in ekligen Situationen einfach mal seinen Körper reinstellen, rauskommen und das Spiel beruhigen.“ Das hatte der Angreifer zuvor schon gezeigt. Elfmal hat er mittlerweile für die Eintracht gespielt, viermal getroffen.
Sein bestes Spiel zeigte Kalimuendo in München, als er nach 60 Minuten aufs Feld kam und auf eine müde Bayern-Abwehr traf. Dort war zu sehen, wieso die Eintracht im Sommer sehr viel Geld für ihn bezahlen könnte: Kalimuendo dribbelte sich durch die Münchner Reihen, er war der beste Frankfurter Spieler auf dem Platz. Und er war genau der Spieler, der der Eintracht in den Wochen zuvor gefehlt hatte.
Als Krösche ihn verpflichtete, war gerade Sturmkollege Jonathan Burkardt ausgefallen, auch Spielmacher Can Uzun. Kurz später verletzte sich Younes Ebnoutalib. „Wir hatten in der Winterpause beziehungsweise davor sehr viele Offensiv-Verletzte“, sagte Krösche am Samstag nach dem Heidenheim-Spiel. Es sei wichtig gewesen, einen torgefährlichen Spieler zu verpflichten. „Kalimuendo bringt jetzt natürlich Torgefahr“, lobte der Manager.
Nicht nur das, der Angreifer spielt mit einem Flair, das man auch von Ekitiké oder Sebastian Haller kannte. Gegen Heidenheim hätte er auch versuchen können, den Ball zu köpfen oder erst einmal anzunehmen. Aber er legte sich lieber in die Luft und schoss den Ball volley zum Siegtreffer ins Eck.
27 Millionen Euro, so viel Geld gab die Eintracht noch nie für einen Spieler aus. Vieles spricht dafür, dass sie es für Kalimuendo tut – denn wenn er eine gesamte Saison so spielt wie zurzeit, dürfte auf seinem Handy schnell wieder eine Nummer mit der Vorwahl +44 erscheinen, der Vorwahl aus England. Bei der Eintracht ist ein Vertrag bis Mitte 2031 bereits ausgehandelt.
Zuletzt hieß es, die Frankfurter müssten erst einmal zwei Spieler verkaufen, bis sie in Nottingham anrufen könnten, um die Kaufoption zu ziehen. Von Collins und Linksverteidiger Nathaniel Brown war die Rede. Aber wer weiß, vielleicht ruft auch jemand an, um sich nach dem Spieler zu erkundigen, den viele in Frankfurt schon vergessen haben: Elye Wahi.
