ORF strahlt Natascha-Kampusch-Doku vorerst nicht aus

Der österreichische Sender ORF strahlt seine Doku über Natascha Kampusch vorerst nicht aus. Grund seien „unterschiedliche Auffassungen betreffend die Persönlichkeitsrechte von Natascha Kampusch“, teilte ein ORF-Sprecher am Samstagabend mit. Man wolle sich „Zeit für eine entsprechende finale Abklärung“ geben, hieß es weiter. Weitere Informationen gab es zunächst nicht. Die Sendung „Thema Spezial: Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ sollte am Montag um 20.15 Uhr im ORF 2 gezeigt werden.

Am Donnerstag hatte der Sender die Doku mit der Überschrift „Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung“ angekündigt. Demnach hat die inzwischen Achtunddreißigjährige einen Zusammenbruch erlitten. Ihre Schwester Claudia Nestelberger, die sich um Kampusch kümmert, wird mit den Worten zitiert: „Jeder weiß, wie Natascha früher vor der Kamera gesprochen hat. Das gibt es jetzt überhaupt nicht mehr. Sie ist meist in einer eigenen Welt. Sie ist wieder in einer Art Gefangenschaft. Es ist herzzerreißend und wir fühlen uns hilflos.“

Jahrelang als Lügnerin dargestellt

Ziel der Doku war es laut dem ORF, zu ergründen, wie es zu Kampuschs Zusammenbruch kommen konnte. Die Familie wolle unreflektierten Schlagzeilen zuvorkommen. Christoph Feurstein, der 2006 wenige Tage nach ihrer Selbstbefreiung als erster Journalist mit Kampusch ein weltweit beachtetes Interview führte, hat für die „Thema Spezial“-Sendung mit verschiedenen Personen gesprochen. „Bewegt vom heutigen Zustand von Natascha Kampusch, nehmen erstmals Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen schonungslos Stellung“, heißt es in der Ankündigung.

Feurstein zeige auf, wie überfordert selbst die Medizin mit Kampuschs Situation sei. Die Doku widme sich auch den Anschuldigungen und Anfeindungen, mit denen Kampusch immer wieder bedacht worden sei; wie etwa hohe Staatsvertreter sie jahrelang als Lügnerin darstellten. „Der Ruf des Entführungsopfers bleibt schwer beschädigt.“

Der arbeitslose Nachrichtentechniker Wolfgang Přiklopil hatte die zehnjährige Kampusch am 2. März 1998 auf ihrem Weg zur Schule entführt. Fast achteinhalb Jahre überlebte sie in seiner Gefangenschaft, den Großteil war sie in einem Kellerverlies eingesperrt. Im Sommer 2006 gelang es ihr, sich selbst zu befreien, Přiklopil beging daraufhin Suizid. Kampuschs Geschichte erlangte weltweite Aufmerksamkeit. Sie trat nach ihrer Selbstbefreiung immer wieder in der Öffentlichkeit auf, hatte eine eigene Talkshow und verfasste mehrere Bücher.