Im Training unter der Woche hatte Kevin Stöger Freistöße geübt. Freistöße gelten beim Fußball als probates Mittel, einen Ball auch mal ohne allzu große gegnerische Interaktion im Tor unterzubringen. Stögers Mannschaft Borussia Mönchengladbach hatte von diesem Mittel in dieser Saison bislang noch überhaupt keinen Gebrauch gemacht. Gladbach war tatsächlich die einzige Mannschaft der Bundesliga gewesen, die in dieser Saison noch kein einziges Tor von außerhalb des Strafraums erzielt hatte. Bis Freitagabend.
Dabei hatten Stögers Freistöße im Training gar nicht mal so große Hoffnung vermittelt. „Die waren bodenlos, eine Katastrophe“, berichtete Stöger am späten Freitagabend trocken, nachdem seine Borussia kurz zuvor auch deshalb mit 2:0 (1:0) gegen den FC St. Pauli gewonnen hatte, weil Stöger in der 14. Minute einen Freistoß aus 25 Metern links oben in den Winkel des St.-Pauli-Gehäuses gehämmert hatte. Das war nicht bodenlos. Das war keine Katastrophe. Das war ein Traumtor.

:Der Mann, der da ist, wenn man ihn braucht
Nach einer persönlich schweren Zeit und 537 Tagen steht Sven Ulreich wieder im Tor des FC Bayern. Die ewige Nummer zwei hat sich neu erfunden: als Nummer drei und Stimmungsbeauftragter im Torwartteam.
Hinterher ordnete der Gladbacher Sportchef Rouven Schröder die Bedeutung dieses Standardtreffers im mauen spielerischen Gesamtkontext so ein: „Wir sind zwar gut ins Spiel gekommen, hatten allerdings nicht die ganz großen Chancen, haben ein bisschen nachgelassen – und dann haut der Stögi da so einen raus.“
Der „Stögi“ absolvierte am Freitagabend sein 200. Bundesliga-Spiel und schoss darin sein 21. Bundesliga-Tor. Es war ein besonders wichtiges für Gladbach, weil der Klub durch den Sieg seinen Vorsprung auf die Abstiegsplätze ein bisschen vergrößern konnte. Ein vergleichbar wichtiges Tor hatte der Österreicher am 27. Mai 2024 für den VfL Bochum erzielt, als der Revierklub im Relegationsrückspiel bei Fortuna Düsseldorf den Bundesliga-Klassenerhalt sichern konnte. Wenn es gegen den Abstieg geht, schlägt Stöger gerne zu.
Mehr als fünf Jahre lang hatte Borussia Mönchengladbach keinen Freistoß mehr direkt verwandelt. Der letzte Gladbacher, dem das gelungen war, hieß Lars Stindl. Am 15. Dezember 2020 bei einem 3:3 im Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt brachte der damalige Kapitän die Borussia mit 1:0 in Führung.
Zuletzt hatte Lars Stindl ein Gladbacher Freistoßtor erzielt – lang her
Der Franzose Franck Honorat machte am Freitagabend gegen St. Pauli mit seinem Treffer zum 2:0 in der 62. Minute den Sieg klar. Mancher Beobachter wertete den Erfolg als riesige Erleichterung im Abstiegskampf. Nicht so der Sportchef Schröder. „Befreiungsschlag? Weiß ich jetzt nicht ganz“, sagte der 50 Jahre alte Sauerländer hinterher stirnrunzelnd im Sportschau-Interview und schilderte zur Begründung seiner Zweifel eine große Dichte und Spannung in der unteren Tabellenhälfte der Bundesliga. „Man darf sich da nicht zu sicher sein“, schloss Schröder.
Nächsten Samstag spielen die weiterhin abstiegsbedrohten Gladbacher beim abstiegsbedrohten 1. FC Köln, zwei Wochen später daheim gegen den abstiegsbedrohten 1. FC Heidenheim, wieder zwei Wochen darauf gegen den abstiegsbedrohten 1. FSV Mainz 05 und anschließend beim abstiegsbedrohten VfL Wolfsburg. Jede dieser Chancen auf einen Befreiungsschlag beinhaltet zugleich die Gefahr eines Rückschlags.
Dass der Sieg gegen St. Pauli ein Befreiungsschlag für den Trainer Eugen Polanski war, musste Schröder nicht mal dementieren, hatte er doch schon vor dem Spiel prophylaktisch betont, dass es bei Gladbach „kein Trainer-Thema“ gebe.
Der 39 Jahre alte Polanski thematisiert in seinen Ausführungen oft den Zusammenhalt mit den Fans. Und sagte auch diesmal, „wie schön es ist, den Fans ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und in der 86. Minute in ihrem Gesang zu hören, wie sehr sie sich aufs Derby in Köln nächste Woche freuen“. Man wolle den Schwung nun mitnehmen. Auch schon mit Blick aufs Derby sei der Sieg gegen St. Pauli „brutal wichtig“ gewesen.
Direkt nach dem Spiel kam es übrigens zu einem Gespräch zwischen Schröder und Polanski. Der Trainer wurde in der Pressekonferenz gefragt, worum es da gegangen sei und antwortete: „Wir sprechen uns immer ab, was wir sagen, aber diesmal war relativ klar, was wir sagen.“ Und so sagte Polanski schließlich über die gegenwärtige Lage bei der Borussia: „Am Ende wird es bis zum letzten Spieltag gehen, und meine Aufgabe ist es, alles in der Balance zu halten – wohlwissend, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben.“
