Thriller „Der Tod wird kommen“: Sie mischt die machtverliebten Typen auf

Klar, das Spiel mit Traditionen, mit Zitaten und dem Aufgreifen bekannter Topoi gehört beim Genrekino dazu. Das weiß so jemand wie Christoph Hochhäusler, der der heute stark abgeebbten Welle der „Berliner Schule“ zugerechnet wird, zu gut – und er betreibt es bis heute mit künstlerischem Stilwillen. Anstatt auf dröge Variationen baut er auf selbstreflexive Transition.

Ganz buchstäblich in seinem Großstadtthriller „Bis ans Ende der Nacht“, in dem er zuletzt von einer trans Frau und einem schwulen verdeckten Ermittler erzählte und das deutsche Genrekino in Sachen Sexualität und Genderfragen ins 21. Jahrhundert holte.

Auch in „La mort viendra“, der in Locarno Premiere feierte und nun in Deutschland unter dem Titel „Der Tod wird kommen“ startet, erzählt Hochhäusler, inspiriert von Jean-Pierre Melvilles Klassiker „Der eiskalte Engel“, von einer im Übergang begriffenen Schattenwelt. Nach einem gemeinsam mit seinem Stammkoautor Ulrich Peltzer geschriebenen Drehbuch ist der Film seine Interpretation des Polar, des französischen Kriminalfilms zwischen Genre- und Autorenkino. Und es ist sein erster französischsprachiger Film, gedreht wurde in Belgien.

Der Film

„Der Tod wird kommen“. Regie: Christoph Hochhäusler. Mit Sophie Verbeeck, Louis-Do de Lencquesaing u.a. Deutschland/Luxemburg/Belgien 2024, 101 Min.

Tradition und Gegenwart prallen gleich zu Beginn von „Der Tod wird kommen“ aufeinander. Da sitzt Gaunerlegende Charles Mahr (Louis-Do de Lencquesaing) – schon der Name: der Nachtalb! – mit VR-Brille vor einer Sexpuppe und massiert deren Brüste. Die Haut sei vorgewärmt, erklärt sein Rivale De Boer (Marc Limpach) stolz, für den die Zukunft der Prostitution ein VR-Erotikzentrum ist. Kein Zoff mehr mit dem Gesundheitsamt, mit den „Mädels“ oder den Freiern!

Frau mit wachen Augen

Wenig später kommen die Ereignisse in Gang, nachdem ein Kurier von Mahr erschossen wird. Wer steckt dahinter? De Boer? Um das herauszufinden, engagiert Mahr die Auftragskillerin Tez (toll: Sophie Verbeeck). „Man sagt, dass Sie gut sind“, meint Mahr überzeugt beim Briefing und schickt die Frau mit den wachen Augen auf Ermittlungsmission zwischen die Fronten, um genau dies unter Beweis zu stellen.

Zwischen die Fronten heißt: zwischen die Gangsterlager in diesem gesichtslosen Brüssel, das mal heruntergekommen und düster erscheint, mal glasfassadig-steril, wie jenes Frankfurt in Hochhäuslers Finanzthriller „Unter dir die Stadt“. Es heißt aber auch: in eine Schattenwelt, die im Wandel begriffen ist. Da sind einerseits augenzwinkernd-derbe Genre-Archetypen wie Mahr, der Pelzmantel tragende Schmierlappen De Boer oder eine blinde Bordellbesitzerin, deren grau verschleierte Augen dennoch von Durchblick zeugen.

Zugleich fördert der Film teils herrlich Absurditäten unserer Gegenwart zutage, etwa in jener Szene mit der Sexpuppe. Oder sie zeigt sich in Kleinigkeiten, wenn der leidenschaftliche Raucher Mahr, dessen Gesundheit eine Rolle spielen wird, an seiner E-Zigarette nuckelt, eine Smartwatch prominent vorkommt oder Tez lieber Digital- anstatt Papierfotos möchte.

Mit ihr etabliert Hochhäusler eine Heldin, die den bewaffneten Haufen selbst- und machtverliebter Typen aufmischt. Tez ist undurchschaubar und will lieber die laute Beretta anstatt des Modells mit dem Schalldämpfer. In einer Bar soll sie, um im Gegenzug Informationen zu bekommen, die Frauen an der Theke für die blinde Bordellbesitzerin beschreiben – eine tolle Szene, die in einem Zahnlücken- und Messerflirt mit der Barkeeperin und einem Kommentar zum Film selbst endet. Man könne viel damit tun, meint Tez über ihr Messer. „Man kann die Zeit zerschneiden. In ein Davor und in ein Danach.“

Unterfüttert von stimmungsvollen Synthesizerteppichen von Nigji Sanges und eingefangen in dynamisch gleitenden Bildern von Reinhold Vorschneider, spinnt Hochhäusler ein doppelbödiges Intrigen- und Verwirrspiel. „Der Tod wird kommen“ erzählt zwischen vibrierender Ruhe und kurzen Gewalteruptionen – herausragend ein Kampf in engen, weißgefliesten Badräumen – von Veränderungen, aus denen Neues wächst.