Die mit Ben Affleck, Burgern und einem digitalen Albtraum

Welcher Schauspieler lässt die Film Community gerade aufhorchen?

Ben Affleck. Er verkauft sein 2022 gegründetes KI-Startup InterPositive an Netflix. Das Team wechselt zu Netflix, Affleck wird Senior Advisor, finanzielle Details bleiben natürlich geheim. Im Gespräch mit Chief Content Officer Bela Bajaria und Chief Technology Officer Elizabeth Stone rahmen Netflix und Affleck das Projekt sehr bewusst als Werkzeug für Filmschaffende, und eben nicht als Ersatz für diese. KI soll Storyteller stärken, nicht verdrängen. Sie soll bei mühseligen, teuren und technisch heiklen Problemen helfen, nicht menschliches Urteil, Geschmack oder Performance ersetzen. Ein kluges Framing der neuen Partner, die es ganz gut schaffen, bei allem Getöse den Ball demutsvoll flach zu halten.


Ganz neu ist diese Haltung bei Affleck indes nicht. Schon 2024 argumentierte er öffentlich, KI könne vor allem die arbeitsintensiven und weniger kreativen Teile des Filmemachens erleichtern, während Filme selbst zu den letzten Dingen gehörten, die sinnvoll von Maschinen ersetzt würden. Der Netflix-Deal wirkt daher wie die konsequente Fortsetzung dieser Linie. Trotzdem ist die Skepsis in der Film-Community nachvollziehbar. Denn „Kreativität wird nicht ersetzt“ heißt noch lange nicht, dass Jobs ungefährdet sind. Gerade in VFX, Postproduktion oder anderen technischen Gewerken kann dieselbe Technologie, die offiziell nur assistieren soll, sehr wohl Effizienzdruck erzeugen. Hinzu kommt, über InterPositive selbst ist erstaunlich wenig bekannt. Es gibt kaum öffentlich greifbare Demos, kaum belastbare Produktdetails und keine sichtbare Kundenhistorie. Vieles, was man derzeit über die Firma weiß, stammt vor allem aus Netflix’ eigener Erzählung über sie. Ein Blick auf Patente lohnt. Im US-Patentregister ist ein gewisser Benjamin Geza Affleck-Boldt tatsächlich als Erfinder geführt. Das direkt InterPositive, LLC zugeordnete Patent beschreibt ein Verfahren, mit dem ein Modell filmische Elemente wie Kamerabewegung, Framing oder Brennweite in Videomaterial erkennen und beschreiben lernt, also keine beliebige Bildgenerierung.

Ein weiteres Patent aus Afflecks Umfeld zielt bereits stärker auf KI-gestützte Videoerzeugung in vorgegebenen Stilen. Afflecks Patentspur verrät damit womöglich etwas mehr über die technologische Ambition hinter InterPositive, als es die politisch sehr vorsichtige PR zum Netflix-Deal zunächst erkennen lässt. Die Sorgen über Jobs und Machtverschiebungen sind berechtigt. Aber wer glaubt, man könne die Weiterentwicklung von Filmtechnologie grundsätzlich aufhalten, verkennt die Geschichte dieses Mediums. Vom Schnittsystem bis CGI, von Digital bis Virtual Production galt immer dasselbe Muster. Die Werkzeuge werden weiterziehen. Die eigentliche Frage ist nicht, ob sie kommen. Sondern wem sie am Ende wie nützen.


Was glänzt in der Bilanz und wirkt an der Börse trotzdem wie ein Warnsignal?

Canal+ am Tag seiner Jahreszahlen. Auf dem Papier wirkt das stark. Im ersten vollen Jahr nach dem London-Listing meldet der Konzern, seine Ziele erreicht oder übertroffen zu haben, kommt inklusive MultiChoice auf 42,3 Millionen Abonnenten, ist in mehr als 70 Ländern aktiv und weist 8,665 Milliarden Euro kombinierte Umsätze aus. Selbst die erwarteten Synergien aus dem MultiChoice-Deal für 2026 wurden bereits von 150 auf 250 Millionen Euro erhöht. Und trotzdem reagierte die Börse kühl. Laut Reuters fiel die Aktie am Ergebnistag zeitweise um rund 17 Prozent. Der Markt zweifelt also nicht primär an den präsentierten 2025er-Zahlen, sondern an den Risiken der nächsten Etappe. Vor allem an MultiChoice. MultiWas? MultiChoice ist der führende Pay-TV- und Videoanbieter in weiten Teilen Subsahara-Afrikas, mit Marken wie DStv, GOtv und SuperSport. Für Canal+ ist der Zukauf strategisch zentral. Das Unternehmen war in frankophonen Märkten Afrikas bereits stark, mit MultiChoice will es nun auch in den englisch- und portugiesischsprachigen Teilen des Kontinents groß werden. Denn Afrika gilt aus Sicht vieler Medienkonzerne als einer der wenigen großen Märkte mit echter struktureller Wachstumsfantasie. Dank Demografie, zunehmender Digitalisierung und wachsender Mediennachfrage.

Aber: Reuters verweist auf rückläufige MultiChoice-Abonnentenzahlen, einen 100-Millionen-Euro-Turnaround-Plan, zusätzliche Vertriebsinvestitionen und die Schließung von Showmax. Deshalb liest der Kapitalmarkt die Story derzeit weniger als glasklares Wachstumsversprechen, sondern eher als große Afrika-Wette mit erheblichem Ausführungsrisiko. Ein starkes Zeugnis, aber keine risikolose Aktie. Die Glaubwürdigkeit der nächsten Jahre hängt bei Canal+ nun an der Frage, ob MultiChoice wirklich zum Wachstumsmotor wird. Zugleich zeigt der Fall, wie schwierig es ist, ein afrikanisches Wachstumsgeschäft aus Europa heraus zu steuern. Zwar führt CANAL+ die Gruppe zentral über ein Management Board in Europa und will Content-Einkauf, Tech, Procurement und Supportfunktionen global bündeln, musste bei MultiChoice zuletzt aber ausdrücklich von einer stärker zentralisierten zu einer lokaleren operativen Aufstellung umschalten und dafür mehr als 1.000 zusätzliche Vertriebskräfte in 16 afrikanischen Märkten ankündigen. Ein Kontinent mit sehr unterschiedlichen Sprachen, Kaufkraftniveaus, Regulierung, Distributionswegen und Nutzungsgewohnheiten ist eben kein homogener Markt. Wer Afrika nur aus Paris oder London optimiert riskiert, dass strategische Logik schnell an lokaler Realität zerschellt. Ich stelle mir das wirklich sehr schwer vor und wünsche wie immer gutes Gelingen.


Und welche Aktie sendet gerade ein anderes Signal aus?

Die der RTL Group. Die 2025er-Zahlen waren zwar alles andere als glamourös, aber an der Börse zählt oft nicht Schönheit, sondern die richtige Richtung. Der Umsatz der RTL Group lag 2025 bei rund sechs Milliarden Euro, das Adjusted EBITA fiel im Jahresvergleich um acht Prozent auf 661 Millionen Euro. Das ist kein Jubelwert, aber eben doch leicht besser als der vom Unternehmen selbst erhobene Analystenkonsens von 652 Millionen Euro. Genau diese kleine positive Abweichung war wichtig, weil RTL nach der gesenkten Prognose im Herbst erst einmal beweisen musste, dass die Talsohle nicht tiefer liegt als befürchtet. Die eigentliche Botschaft steckt jedoch im Streaming. RTL erwartet, dass das Streaming-Geschäft 2026 operativ profitabel wird, konkret mit einem operativen Gewinn von 25 bis 50 Millionen Euro (das ist einmal eine Guidance!). Im vierten Quartal 2025 habe man den Break-even bereits fast erreicht.

Für ein europäisches Medienhaus, das jahrelang gegen die Logik vermeintlich nicht enden wollender Anlaufverluste anstreamen musste, ist das der Moment, in dem aus einer Zukunftserzählung erstmals ein belastbarer Kapitalmarkt-Case werden kann. Entsprechend positiv fiel die erste Marktreaktion aus. Am Donnerstag lag die Aktie bei Börsenschluss vier Prozent im Plus. Das ist noch kein Rausch, aber ein klares Zeichen dafür, dass der Kapitalmarkt auf diese Story anspringt. Nicht lineares TV rettet hier die Fantasie, sondern die Aussicht, dass Streaming in Europa eben doch nicht zwangsläufig ein ewiges Verlustgeschäft bleiben muss. Und es einen Platz neben der internationalen Streamingkonkurrenz gibt.

Thomas Rabe gönnte sich jedenfalls zum CEO-Abschied den kleinen Luxus einer süffisanten Spitze gegen MFE: „Was MFE versucht aufzubauen ist das, was es bei der RTL Group seit 30 Jahren gibt: Einen europäischen Senderverbund“, sagte er laut DWDL. Soll heißen, wer heute noch vor allem auf paneuropäische Sender-Synergien setzt, kämpft womöglich den falschen Krieg. RTL hingegen versucht, sich nicht als nostalgischer Fernsehverwalter zu verkaufen, sondern als lokaler Gegenpol zu Netflix, Amazon und Co. Und mit der erwarteten Übernahme von Sky Deutschland bekäme diese Story noch einmal deutlich mehr Wucht. Die RTL-Zahlen für 2025 waren in Anbetracht der Gesamtsituation ok. Und sie könnten sich im Rückblick als der Moment erweisen, in dem der Markt begann RTL nicht mehr nur als schrumpfenden TV-Konzern zu lesen, sondern als seltenen europäischen Streaming-Fall mit glaubwürdiger Profitperspektive. Gelingt das, dann hätte RTL tatsächlich die Chance, nationales Streaming zur erfolgreichen Equity-Story zu machen. Nicht als Netflix-Kopie, sondern als lokaler, profitabler Gegenentwurf.


Welcher Social-Media-Fail war am Ende vielleicht doch keiner?

Möglicherweise der von McDonald’s-CEO Chris Kempczinski zum Start des „Big Arch.“ Ja, sein Video war ein Geschenk für das Internet. Der viel zu kleine Biss, die etwas hölzerne Körpersprache, das berüchtigte „product“ statt Burger-Lust. Alles daran wirkte eher wie Vorstandsbüro als als Heißhunger. Alles, nur nicht authentisch. Und genau deshalb wurde es verspottet, parodiert und von Burger King und Wendy’s dankbar weiterverarbeitet. Nur, ein peinlicher CEO-Moment ist noch lange kein peinlicher Produktlaunch. Denn während das Netz über den Auftritt lachte, bekam der Big Arch genau das, was sich Marken heute mit viel Geld erkaufen wollen: maximale Aufmerksamkeit. McDonald’s hat den Spott nicht hektisch bekämpft, sondern ausgesessen und den Launch normal weiterlaufen lassen. Das spricht dafür, dass man den Fall intern eher als Social-Media-Verlegenheit denn als echte Krise eingeordnet hat. Dazu kommt, der Big Arch kam nicht aus dem Nichts. In anderen Märkten hatte der Burger bereits offenbar genug Zugkraft entwickelt, um Vertrauen in einen größeren Rollout zu rechtfertigen. In Großbritannien und Irland wurde er sogar dauerhaft ins Menü übernommen. Und aus den USA kamen früh zumindest Signale, dass die Verkäufe besser anliefen als erwartet.

Mit anderen Worten, das Video war cringe, das Produkt aber nicht. In der Logik sozialer Medien wird heute schnell verwechselt, was verspottet wird und was scheitert. Verspottet wurde Kempczinski. Gescheitert ist deshalb der Big Arch noch lange nicht. Am Ende könnte dieser Fall als Lehrstück in Erinnerung bleiben, dass ein Kommunikations-Fail manchmal einfach nur die lauteste Form von Reichweite ist. Womöglich half McDonald’s am Ende sogar, dass die Konkurrenz den Moment sofort ironisch aufgriff. So kippte die Debatte weniger in echten Backlash als in spielerische Burger-War-Aufmerksamkeit. Während das Netz brannte und lachte, bekam McDonald’s vor allem eines gratis, enorme Earned Media. Eines bleibt dennoch festzuhalten. Heute gehört zur CEO-Rolle fast automatisch auch die des Corporate Influencers. Wer an der Spitze steht, repräsentiert nicht mehr nur Strategie und Zahlen, sondern auch Tonalität, Haltung und kulturelle Anschlussfähigkeit einer Marke. Menschen folgen nun einmal eher Menschen als Logos, weil Gesichter Vertrauen, Identifikation oder auch Reibung erzeugen. Genau deshalb ist CEO-Kommunikation auf Social Media so wertvoll, aber eben auch riskant. Wenn die Person glaubwürdig wirkt, gewinnt die Marke Nähe. Wenn nicht, wird aus Reichweite in Sekunden ein Reputationsstresstest. Es ist nun mal kein leichter Job.


Und welche Recherche liest sich wie ein Black-Mirror-Drehbuch?

Die der schwedischen Zeitungen Svenska Dagbladet und Göteborgs-Posten über Metas KI-Brillen. Denn was dort beschrieben wird, ist der Albtraum des digitalen Zeitalters in Reinform. Menschen tragen smarte Brillen im Gesicht, sagen „Hey Meta“, halten auf ihr Leben drauf. Und irgendwo in Nairobi sitzen Datenannotator*innen eines unbekannten Dienstleisters und schauen sich im Zweifel genau jene Momente an, die nie für fremde Augen bestimmt waren. Laut der Recherche geht es um Nacktheit, Toilettengänge, Bankdaten und andere intime Szenen. Meta räumt grundsätzlich ein, dass bei mit Meta AI geteilten Inhalten teils auch menschliche Reviewer eingesetzt werden, um Systeme zu verbessern. Die schönste KI-Oberfläche der Welt bleibt eben eine Datenmaschine. Und Datenmaschinen wollen lernen und fressen. Je natürlicher, beiläufiger und alltagsnäher die Nutzung wird, desto größer die Gefahr, dass am Ende nicht nur der Nutzer selbst, sondern sein gesamtes Umfeld mit erfasst, hochgeladen, geprüft und kategorisiert wird. Die Recherche legt genau diesen Widerspruch offen. Wearable Convenience als Weiterentwicklung auf der einen Seite, industrielle Sichtung intimster Alltagsreste auf der anderen.


Um fair zu bleiben: Öffentlich belegt ist vor allem, dass es laut der schwedischen Recherche solche Sichtungen durch Contractors gab und dass Meta menschliche Reviews im Zusammenhang mit KI-Features grundsätzlich bestätigt. Weniger klar ist bislang die Größenordnung (Fact: EssilorLuxottica, der Brillenriese hinter Ray-Ban und Industriepartner, der Metas KI in ein massenmarkttaugliches Lifestyle-Produkt auf die Nase der Nutzer bringt, jubelte zuletzt über mehr als sieben Millionen verkaufte KI-Brillen im Jahr 2025). Aber schon der belegte Kern reicht, um zu zeigen, wie dünn die Trennlinie zwischen „praktischer Assistenz“ und „Privatsphären-Horror“ inzwischen geworden ist. Übrigens: Meta sieht sich inzwischen in den USA mit einer vorgeschlagenen Sammelklage konfrontiert, die dem Konzern irreführende Datenschutzversprechen rund um seine Smart Glasses vorwirft. Die Kläger argumentieren, Meta hätte den Eindruck erweckt, die Brillen seien „für Privatsphäre gemacht“, ohne offenzulegen, dass im Zusammenhang mit KI-Funktionen auch menschliche Reviewer sensibles Material zu Gesicht bekommen konnten. Ich befürchte, die Klage ist für Meta wahrscheinlich nur ein üblicherweise bereits eingepreistes Big Tech-Risiko, das man billigend in Kauf nimmt.