Alles beginnt mit einem Verriss. Er geht mit Skillshot von null auf hundert: „Nina Chuba ist eine sehr sympathische Person, und ihr neues Album ist grässlich“, schickte die Autorin Juliane Liebert der furiosen Rezension des Albums „Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“ voraus; ihre in der Zeit erschienene Kritik verharrt gar nicht ehrfürchtig vor dem musikalischen Material und bleibt zugleich respektvoll der Künstlerin gegenüber.
Über die jeder Ambivalenz zugrundeliegende Gratwanderung hatte der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch einst apostrophiert, dass zur Bitterkeit „süßer Nachgeschmack“ gehört. Liebert reagierte angemessen wütend auf das austauschbar Herzlose von Chubas Schlagerrap und Charli xcx’ Epigoninnentum und blieb dennoch charmant, wenn sie schreibt, dass sie gleich „den Supermarkt niederbrennen möchte, in dem man den ganzen Mist zwangshören muss“.
Das las sich wohltuend, vor allem wie die Autorin damit von der feuilletonistischen Generallinie abgewichen war, Erzeugnisse aus dem Mainstream grundsätzlich durchzuwinken wie Diplomaten bei der Passkontrolle am Flughafen. Der Verriss von Juliane Liebert erinnerte an eine versunkene Ära, als sich noch intensive Debatten über den Gehalt von musikjournalistischen Texten entspannten. Anders als heute, wo durch das Internet der Diskurs viel stärker fragmentiert ist und durch Algorithmen-Tricksereien mehr Mainstream regiert denn je zuvor, während beim Scrollen im tiefen Tal des Long Tails vieles Interessante verloren geht.
Neues vom Erz-Langweiler
Aktuell lässt sich das wieder am burlesken Gestammel über das neue Album des britischen Erz-Langweilers Harry Styles zu beobachten. Auch 40 Jahre nach Rave und 60 Jahre nach Punk wird im deutschen Feuilleton nach der Regel „je kommerzieller, desto gesellschaftlich bedeutsamer“ vorgegangen.
Widerworte sind kaum geduldet. Höchstens als bornierter hochkultureller Abwehrreflex, wie nach der Pausenperformance von Bad Bunny im Super-Bowl-Finale, als die FAZ in einer psychedelischen Glosse vor dem kommerziellen Charakter des Mega-Events in die Knie ging und Operette am Werk sah: FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube war in seinem Kulturpessimismus offenbar der Kontext entgangen, in dem der nuyoricanische Rapper in seiner Chance, 15-Minuten-World-Fame abzugreifen, zahlreiche subversive Anspielungen setzte, die in einem besonders xenophoben Moment der US-Geschichte von Millionen Menschen verstanden wurden.
Oder wird doch ein bisschen zu viel hineingelesen in die Popmusik? Gegen die todbringende Fremdenpolizei ICE hilft kein Protestsong. Momentan wirkt Pop eher wie Antidepressiva, ein Mittel, nicht den Verstand zu verlieren, gerade weil es so schlimm bestellt ist um die Welt. Kopf einschalten mit Popmusik, das macht die Hamburger Künstlerin Sophia Kennedy mit ihrem Torchsong „Musik ist kein Krieg“, B-Seite ihrer großartigen neuen Single. „Musik ist kein Krieg / Sie schreibt keine Zahlen / Sie ist anders als wir / Schon immer da / Ihr sind Verlierer und Gewinner egal“, singt Kennedy und bringt einen Zustand auf den Punkt, den sie so gespenstisch gothic-chansonesk klingen lässt wie Scott Walker in seinen düstersten Momenten. Vielleicht ist in Vergessenheit geraten, dass Popmusik unterhalten soll.
Auch der Verriss von Juliane Liebert war einprägsam wie ein guter Song. Sehr zum Missfallen von Rezo: Der Youtuber mit dem Galaxy-Haar nahm Lieberts Text zum Anlass, um seine Kundschaft zum Shitstorm gegen die Autorin anzustacheln. Woraufhin die Social-Media-Kanäle von Juliane Liebert von Hater-Kommentaren geflutet wurden. Man muss dazu wissen, dass Rezo alias René Zobel, neben seiner Onlinepräsenz seit Längerem eine Marketingfirma namens Nindo mitbetreibt, die Influencer berät. Nina Chuba hat mit ihm zusammen bereits Musik gemacht. Ihre Vermarktung wird flächendeckend vorangetrieben.
So ist Chuba die erste deutsche Künstlerin, der eine eigene Insel im Videospiel „Fortnite“ gewidmet ist. Nach Absolvieren bestimmter Level gibt sie als Belohnung ein virtuelles Konzert im Spiel. Ihr Song „Wildberry Lillet“ ist als „Jam Track“ verfügbar, der von Fortnite-Playern zur eigenen Erkennungsmelodie oder als Standard-Jubeljingle ausgewählt werden kann. So gebrandet ist Popmusik auf einer Stufe mit Weihnachtskeksen, die zu Ostern in der Grabbelkiste an der Kasse verkloppt werden. An Domestic-Pop, das zeigt Nina Chuba, ist alles perfekt – bis auf die Musik. Das erinnert ein bisschen an die Conehead-Helme der deutschen Rodler:Innen bei der Winterolympiade von Innsbruck 1976, die derart Avantgarde waren, dass die sportliche Performance nicht hinterherkam.
Rezo, einst als pfiffiger Medienschaffender neuen Typs hochgejazzt, der es in seinen im Jugendzimmer am Schreibtisch sitzend aufgenommenen Online-Rants allen mal so richtig zeigt, ist vom CDU-„Zerleger“ innerhalb weniger Jahre zum Ein-Mann-Shoppingkanal devolutioniert. Interaktive Jugendkultur-Echtzeitreaction gibt es hier mit KI-Tool-Product-Placement und Lockrabatten bei Essenslieferdiensten. Der Erfolg gibt ihm recht, aber warum eigentlich?
Geldbringende Aufmerksamkeit
An dieser Stelle schrieb vor einigen Wochen der Autor Jonathan Guggenberger und nahm den Verriss von Juliane Liebert und das Nachspiel von Rezo als Zeichen einer Zeit wahr, in der generell „Kulturkritik in der Krise“ stecke. Anders als junge konformistische Feuilletonist:Innen, die zu wenig Verrisse schrieben, behauptete Guggenberger, beherrschen Youtuber wie Rezo und „kleinbürgerliche Maulhelden“ von weiter rechts außen das Spiel „um politischen Einfluss und geldbringende Aufmerksamkeit“.
Dann setzte er einen Nothammer an seine Schläfe und meißelte den Namen Frank Schirrmacher heraus. Der verstorbene FAZ-Feuilleton-Leiter hatte vor circa 20 Jahren gefordert, Journalisten müssten intellektuelle Marktschreier sein, um im Netz gehört zu werden. Die Idee verwarf Guggenberger im nächsten Absatz wieder. Bevor er zum Finale noch einen Text von Maxim Biller als leuchtendes Gegenspiel zur angeblich grassierenden feuilletonistischen Larmoyanz feierte. Leider verschwieg Guggenberger, dass Biller sein Schwiegervater in spe ist.
Bizarr an seinem Text war zudem, wie darin eine tiefe Selbstunzufriedenheit zur Sprache kam, wegen befreundeten Journalistenschule-AbsolventInnen, die trotz Beziehungen und Ausbildung keine Jobs mehr bekämen. All das hatte rein gar nichts mit dem Verriss von Juliane Liebert zu tun, sondern war Ausdruck für das ungebremste Selbstverständnis einer privilegierten Klasse, die sich in der deutschen Leistungsgesellschaft immer durchgesetzt hat. Die damit verbundenen Klassenkämpfe kennt sie gar nicht. Popmusik war immer ein Ort, an dem Außenseiter und Nichtbegüterte mit Leuten zusammenkamen, denen die Sonne per se aus dem Arsch scheint. Trotzdem waren Klassenunterschiede – zumindest zeitweilig – unwichtig.
Ungepflegtes Subjekt
Anschaulich erklärt dies die US-Autorin Cynthia Cruz in ihrem Buch „The Melancholia of Class“. Anhand von Filmen wie „Wanda“ von Barbara Loden und der Musik des US-Indiekünstlers Jason Molina, beides Freaks. Cruz kommt selbst aus einfachen Verhältnissen und schildert, wie ihr der Sprung an die Universität gelang, sie sich in der akademischen Welt zurechtfinden musste und zugleich brutal ausgrenzt wurde, sobald ihr Background bekannt war. Working Class komme in den Träumen der Bourgeoisie höchstens als „Monstrosität, Gespenst, oder ungepflegtes Subjekt“ vor, schreibt Cruz. Dass sie gar nicht proletarisch aussehen würde, hat die Autorin oft zu hören bekommen.
„Wie jede Form von Ideologie wird Meritokratie stillschweigend geduldet. Seit den 1980ern parallel zur Entwicklung des Neoliberalismus hat sie Kategorien wie soziale Klasse eingeebnet und so die Gesellschaft verändert“, bilanziert Cruz.
Genau wie Juliane Liebert, die vor Kurzem den Gedichtband „Mörderballaden“ veröffentlichte, hat auch Cynthia Cruz neben ihrer Arbeit als Anglistin Gedichte publiziert. Wie Cruz schreibt auch die in Halle aufgewachsene Liebert mit einem eigenen, sofort erkennbaren Sound, der sich eben nicht so konfektioniert liest wie die wasserdichte Ware von der Journalistenschule.
Das apokalyptische Gerede von einer Kulturkritik in der Krise ist falsch. Denn dazu müsste man außerhalb der Kritik stehen oder ihr Ende kennen. Wir kennen es aber gar nicht. Weitermachen ist die einzige Option: antizyklisch denken und den unabhängigen Popdiskurs wieder auf Papier stattfinden lassen. Aus Köln kommt die frohe Kunde, dass das Netzmagazin „für Insolvenz und Pop“ Kaput im Mai den Schritt zur gedruckten Ausgabe wagt.
Damit verbunden die Hoffnung der beiden Herausgeber Linus Volkmann und Thomas Venker, mit dem Printmagazin „einen Ort zu erschaffen, in dem die Vielseitigkeit und … Widersprüchlichkeit der (Pop-)Welt kontrovers diskutiert werden kann, aber eben immer mit der versöhnlichen Intention, dass wir uns aufeinander zubewegen wollen, über den Austausch Konflikte entschärfen und gemeinsame Pfade finden können“.
„Back to the Source“, um es mit einem Tracktitel des jungen kalifornischen Houseproduzenten Space Ghost zu sagen, dessen kosmisch-upliftendes Album „Dance Planet“ im Mai nochmals veröffentlicht wird, weil es während seiner Erstveröffentlichung 2021 in der Corona-Epidemie kaum Aufmerksamkeit bekam. Das Gute an Gespenstern ist, sie spuken einfach weiter.
