Literatur – Alles wird immer schlecht ausgehen – Kultur

Warschau soll zwei Millionen Einwohner haben, vielleicht sind es drei Millionen. Wahrscheinlich ist nicht jeder Student in der polnischen Hauptstadt gemeldet, außerdem franst die Stadt aus, wie alle anderen Großstädte auch. Hochhäuser aus Glas und Stahl erzeugen im Zentrum den Eindruck einer Weltstadt. Polen gehört seit Kurzem zu den G 20 der wirtschaftsstärksten Länder der Welt, besonders die Hauptstadtregion boomt.

Zugleich scheinen in der Metropole die Gesetze einer gut beaufsichtigten Kleinstadt zu gelten. Niemand bettelt in der U-Bahn, keiner klaut (macht man nicht), Abfall landet im Eimer (gehört sich so). Keiner drängelt, keiner rempelt (es ist dafür auch nie voll genug, selbst zur Rushhour), man ist rücksichtsvoll und in öffentlichen Verkehrsmitteln spricht man leise.

Hinter Blumen und Wirtschaftswunder nichts als Verdruss und Kokain?

In diesem Warschau, in dem nun der Frühling einzieht und die Parks und Grünflächen, von denen ständig noch mehr angelegt werden, bunt werden, spielen die meisten Geschichten von Dorota Masłowska. So auch ihr neues Buch „Im Paradies“. Nur ist von dieser gut organisierten, angenehmen Stadt bei ihr nichts zu sehen. Wenn man hier lebt, fragt man sich beim Lesen: Ach, wirklich? Hinter Blumen und Wirtschaftswunder nichts als Verdruss und Kokain?

Die 42-Jährige, geboren und aufgewachsen in Wejherowo nahe der Ostsee, wurde mit ihrem Debüt „Schneeweißchen und Russenrot“ im Alter von 19 Jahren zum polnischen Literatur-Superstar. Und konnte sich diesen Status bis heute erhalten. Masłowska ist zudem Musikerin, hat mehrere Alben veröffentlicht. Zwei ihrer Bücher wurden verfilmt, in einem Film spielt sie selbst mit, sie schreibt Dramen, zudem gibt es Theater-Adaptionen ihrer Bücher. Allein in Warschau werden zurzeit drei davon gespielt. Darunter eine Dramatisierung ihres in Polen 2024 erschienen jüngsten Werks.

Offensichtlich trifft derzeit niemand in Polen so gut den Zeitgeist wie Dorota Masłowska. Und anscheinend wird sie genau für die Idee geliebt, dass bei ihr der Erfolg Polens nur eine brüchige Fassade ist, hinter der sich eine völlig kaputte Gesellschaft verbirgt.

Ein Roman, wie der Einband verspricht, ist „Im Paradies“ allerdings nicht. Eher eine Sammlung von Geschichten loser oder gar nicht miteinander verbundener Figuren. Ein polnischer Kritiker erklärte die Einordnung damit, dass man schon so lange den einen großen Roman über alles, was auf 1990 folgte, erwarte – von irgendwem, aber gern von ihr. Aber Masłowska braucht keinen Roman zu schreiben, um, wie schon in früheren Werken, wirklich alle großen Themen der polnischen Gegenwart anzusprechen. Wer Masłowska liest, bekommt eine gute Ahnung von der polnischen Seele.

In die zehn Geschichten – oder, wenn man unbedingt will, Kapitel – haben sämtliche polnische Obsessionen und Traumata Eingang gefunden: Es gibt eine Marienerscheinung in einer von kommunistischen Großeltern geerbten Wohnung, es gibt die Abgehängten des Turbokapitalismus, die sich an ihren Lottoschein klammern, Reste eines Konzentrationslagers kommen unter wertvollem Baugrund zum Vorschein, Familienangehörige gehen irgendwo in der Emigration verloren, ein Mädchen schließt sich dem gesamtpolnischen feministischen Frauenstreik an. Und schließlich gibt es noch die „Magische Wunde“, wie das Buch im polnischen Original heißt. Dieses Stigma zeigt sich am Unterarm einer jungen Mitarbeiterin in einem heruntergekommenen Copyshop. „Das in ihr gebannte Leid erneuert sich in einem fort“, erklärt sie.

Alle Welt schaute 1990 auf die Berliner Mauer, und für Polen gab es Autodiebe-Witze

Es ist, als würde sie das polnische Wesen in einen Satz fassen. Dieses Gefühl, wir kämpfen und kämpfen, immer mit vollem Einsatz, und am Ende verlieren wir auf ganzer Linie. Das 20. Jahrhundert ist dabei der verheerendste Teil in diesem langen historischen Leiden voller Teilungen und Besatzungen und zurückgedrängter Großmacht. Erst von den Deutschen überfallen, die das Land verwüsteten, danach erneut von den Westmächten im Stich gelassen, die zuließen, dass das Land verkleinert, verschoben und dem sowjetischen Einflussbereich zugeschlagen wurde. Und was erwartete Polen 1990, nachdem es doch den politischen Umbruch in Europa wesentlich angeschoben hatte? Alle Welt schaute auf die Berliner Mauer, und für Polen gab es Autodiebe-Witze.

Masłowska durchmisst diesen Gefühlsraum von Unterlegenheit, Minderwertigkeitsgefühl und exzessivem Selbsthass, den man mit übermäßigem Ehrgeiz lindert und der wiederum gelegentlich in Größenwahn oder Nationalismus umschlägt. Das ist oft genauso verwirrend und anstrengend wie die polnische Politik, nur sehr viel unterhaltsamer. Immer gibt es Abschweifungen, eher Ausschweifungen, die Drogentrips ähneln oder Albträumen oder einfach explodierenden Gefühlen.

Dorota Masłowska: Im Paradies. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, Berlin 2026. 160 Seiten, 24 Euro.
Dorota Masłowska: Im Paradies. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, Berlin 2026. 160 Seiten, 24 Euro. rowohlt

Möglicherweise fühlen sich die Polen von Masłowska gerade deshalb so verstanden, weil der Fatalismus bei ihr nur eine Überzeugung kennt: Alles wird immer schlecht ausgehen. Für ihre Helden gibt es keine Erlösung. Alles ist endlich und vergänglich. Der mühsam aufgebaute Besitz, Auto, Designerwohnung – alles Materielle erscheint erstrebenswert, doch man weiß, man wird es verlieren. Noch viel ungewisser ist das Immaterielle. Auch die Liebe. Vor allem die Liebe. Masłowska gestaltet sie als trübe Mischung aus Begierde, Unterwerfung, Selbstbestätigung und Belanglosigkeit. Liebe oder „etwas in diesem Stil“ findet nur in einem Abrisshotel statt, kurzlebig, einseitig. Der Begriff Liebe – „entwertet und kompromittiert“ – umreißt ein Gefühl, nach dem man sich nicht einmal mehr sehnen möchte.

Alle fühlen sich kaputt, aber die einen haben Kokain, die anderen nur strähniges Haar

Irgendjemand aber muss für das polnische Wirtschaftswunder verantwortlich sein. Polen zählt zu den EU-Ländern mit den statistisch meisten Wochenarbeitsstunden. Konsequenterweise gibt es bei Masłowska nur Menschen, die dauernd schuften. Nur eben mit unterschiedlichem Erfolg. Wie etwa die beiden Frauen in der Geschichte „In Behandlung bei Frau Doktor Pokerface“. Die eine ackert vor sich hin, kann aber nicht mal ihre Zahnlücke füllen. Ihre Vorgesetzte, an Liebeskummer und vorsichtigen Falten leidend, leistet sich eine Hipster-Bäckerei nach selbst getestetem New Yorker Vorbild, in der sie ihr Miso-Brot als Selbstverwirklichung verkauft. Arbeit ist alles, alle fühlen sich kaputt, aber die einen haben Kokain, die anderen nur strähniges Haar.

Die Angestellte beschreibt ihre Vorgesetzte, die „bisschen wie aus Meerschaum“ ist, in ihren „Tränensäcken vermutlich Kinkerlitzchen“ aufhebt und auch noch „extravegan angezogen“ ist, als „Gebäckverfallene“. Später wird die Zahnlücken-Angestellte durch eine „gewisse Ruslanka“ ersetzt, die „bescheiden über ihren Zopf streicht wie über ihre Privatboa“. Ins Deutsche übertragen hat das wie schon frühere Werke Masłowskas Olaf Kühl. Ein Wunderwerk angesichts der ohnehin schon komplexen polnischen Sprache, die von Masłowska unentwegt weiter ausgeschmückt und neu geformt wird.

Bei Masłowska ist die Gesellschaft im Dauerkampfmodus. So wie die polnische Politik, die immer wieder durchscheint. Auch in ihren früheren Büchern wimmelt es von reichen Koksern und armen Schluckern, alle traumatisiert und ständig daran scheiternd ein neues, angesehenes Polen aufzubauen – von null, ohne Vorbild. Wonach streben? Wem folgen? Wie soll sie aussehen, diese neue polnische Gesellschaft? Welche Werte hat die Mittelschicht, gibt es eine Oberschicht, und, wenn ja, wie benimmt sich die? Und kommen nicht eigentlich alle aus derselben verarmten sozialistisch-postsozialistischen Gosse? Man bespiegelt sich gegenseitig, unfähig, errungene Erfolge anzuerkennen, auch nur wahrzunehmen.

Müll, Eiter, Pups, Erbrochenes und Menschen, die aussehen wie „gevögelte Teekannen“

Es kommt der Moment, in dem man sich nach etwas Entwicklung sehnt. Irgendwie treten alle auf der Stelle. Ist dieser ganze Fatalismus, die ewige Wiederholung des immer unfertigen, zum Scheitern verurteilten Wilden Ostens nicht nur noch eine Pose? So wild ist es doch gar nicht mehr. War es vielleicht auch nie. Auf Borschtsch und artiges BittedankegutenTag kann man sich in der immer noch recht homogenen Gesellschaft doch bestens einigen. Aber bei Masłowska gibt es so viel Müll und Eiter und Pups und Erbrochenes und Menschen, die aussehen wie „gevögelte Teekannen“, dass man beim Lesen erst schwermütig wird, dann zunehmend ratlos, bis man etwas erschlagen unter einem Haufen so kreativer wie zielloser Flüche liegt.

Diese Sehnsucht, selbst im Scheitern noch am besten sein zu wollen, kann sich leicht ins Lächerliche kehren. Wenn man den Figuren aus „Im Paradies“ auf der Warschauer Theaterbühne beim Weinen, Koksen und Sich-selbst-Belügen zuschaut, fragt man sich im ausverkauften Saal mit all den „extraveganen“ Großstadtmenschen mitten in der gut funktionierenden Erfolgsmetropole irgendwann: Warum quält ihr euch so?

Das titelgebende Paradies erreicht nur eine Figur, und die überlebt es nicht. Es soll übrigens die Schweiz sein. Könnte aber – vor allem aus Sicht der Protagonistin, die anscheinend aus einem südosteuropäischen Land außerhalb der EU stammt – auch Polen sein, da gibt es auch Berge und gewissenhafte Mülltrennung. Masłowskas Radikalität lässt keinen Ausweg zu. Zum Beispiel ein ganz klein wenig Nachsicht mit sich selbst. Doch bevor Masłowskas  polnische Gesellschaft das lernt, müssten erst mal alle anderen ihr Leid anerkennen. Und wann wird das passieren? Richtig: nie.