

Als Katherina Reiche (CDU) im Mai vergangenen Jahres im Bundeswirtschaftsministerium die Amtsgeschäfte übernahm, machte sie keinen Hehl daraus, dass sie viele Entscheidungen ihres Vorgängers Robert Habeck (Grüne) für falsch hielt. In einem Punkt aber zollte Reiche Habeck Respekt: Wie er die Energiekrise nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine gemeistert habe, sei eine „fast übermenschliche Leistung“ gewesen. Zu diesem Zeitpunkt konnte Reiche nicht ahnen, dass sie nicht ganz ein Jahr später nun selbst eine Energiekrise managen muss, diesmal in Folge des Krieges gegen Iran.
Mit den Energiemärkten kennt sich die 52 Jahre alte Reiche aus. Bevor Friedrich Merz sie ins Kabinett holte, war sie Vorstandsvorsitzende des Unternehmens Westenergie, einer Tochtergesellschaft des E.on-Konzerns. Davor führte Reiche den Verband kommunaler Unternehmen (VKU), dem viele Stadtwerke angehören. Für diese Position hatte die Chemikerin 2015 die Politik verlassen. Ursprünglich sollte dieses Jahr die Reform der Energiepolitik im Mittelpunkt von Reiches Arbeit stehen. Die Ministerin möchte, dass sich der Ausbau der Erneuerbaren stärker an den Kapazitäten der Stromnetze orientiert. Nun aber sieht sie sich mit in die Höhe schnellenden Gas- und Ölpreisen konfrontiert. Und den Erwartungen von Unternehmen und Verbrauchern, dass sie als Wirtschaftsministerin für Entlastung sorgen muss.
Guter Ruf in der Energiebranche
Ähnlich wie Merz steht Reiche für einen ordnungspolitischen Ansatz in Wirtschaftspolitik. Demnach mischt sich die Politik möglichst wenig in die Wirtschaft ein, sondern lässt die Kräfte des Marktes walten. Es entspricht nicht Reiches Prinzipien, dass Regierungen nach gerade einmal zwei Wochen Irankrieg schon einen Teil ihrer Ölreserven freigeben und in die Preisbildung an den Tankstellen eingreifen. Dennoch kündigte sie am Mittwoch ein solches Maßnahmenpaket an. Zu groß war der Druck aus anderen Ländern, etwas zu tun – und auch aus der aus den Reihen der schwarz-roten Koalition.
In der Energiebranche genießt Reiche einen guten Ruf, anders als bei den Grünen, die sie als „Gas-Kathi“ verhöhnen. In der Koalition eckt Reiche immer wieder an, nicht nur in der SPD, sondern auch in ihrer eigenen Partei, etwa mit der Forderung nach einer längeren Lebensarbeitszeit. Während ihr Vorgänger Robert Habeck keine Gelegenheit ausließ, seine Politik vor Journalisten, in Talkshows oder Videos auf Instagram zu erklären, beschränkte Reiche ihre Öffentlichkeitsarbeit bislang auf ein Minimum. Der Krieg und seine wirtschaftlichen Folgen könnten die Ministerin zwingen, häufiger in Erscheinung zu treten. Dies ist jetzt nicht mehr Habecks Krise, sondern ihre.
