Liza Minnelli wird 80: Die Unbeugsame – Kultur

Wahre Entertainer haben die Fähigkeit, auf der Bühne über sich hinauszuwachsen und dabei ein Übermaß an erneuerbarer Energie zu erzeugen; Energie, die im Idealfall vom Künstler zum Publikum und dann wieder zurück zum Künstler fließt. Auch deshalb sind so viele Ausnahmefiguren süchtig nach dem Rampenlicht: Sie brauchen das Publikum als Vitalquelle, sie brauchen die Wärme, die Reibung, das Adrenalin wie die Luft zum Atmen – aber wehe, der Applaus bleibt aus.

Ein solches menschliches Kraftwerk, das sich immer wieder selbst befeuert, ist ohne Zweifel Liza Minnelli, die an diesem Donnerstag ihren 80. Geburtstag feiert. Kein Wunder, könnte man jetzt sagen, schließlich fließt in ihren Adern das Blut zweier Hollywood-Größen. Judy Garland, die schon mit 17 im Film „Der Zauberer von Oz“ zum Star wurde, aber unter Depressionen litt, war ihre Mutter; der Hollywood-Regisseur Vincente Minnelli ihr Vater. Keine ganz leichte Konstellation, wenn man selbst künstlerische Ambitionen hat. Und das hatte die junge Liza, die schon früh in der „Judy Garland Show“ im Fernsehen auftrat und dann als 16-Jährige wiederum an der Seite ihrer Mutter im Londoner Palladium ein sensationelles Debüt auf der ganz großen Bühne gab.

Liza Minnelli (links) mit ihrer Mutter Judy Garland bei der Probe für eine Episode der „Judy Garland Show“ in den Sechzigerjahren.
Liza Minnelli (links) mit ihrer Mutter Judy Garland bei der Probe für eine Episode der „Judy Garland Show“ in den Sechzigerjahren. Courtesy Everett Collection/imago images

Wenn man sich die Bilder aus dem Palladium noch einmal ansieht, kann man nur staunen über diese explosive Kraft: Liza Minnelli startet sanft im Einklang mit dem Orchester, steigert sich dann beim Song „The Gypsy in My Soul“ in einen Rausch hinein und erobert das Fernsehpublikum im Sturm. Selten hat eine Karriere so fulminant begonnen, was in dieser speziellen Mutter-Tochter-Beziehung bald zu Spannungen führen sollte, weil seit diesem Novembertag 1964 klar war, wem die Zukunft gehört.

Liza with a Z“, das war ihr Signature-Song, gesungen in atemberaubendem Tempo

Wie macht man weiter, nach einem solchen Raketenstart? Am besten, man geht einfach nie mehr runter von der Bühne. Und das hat Liza Minnelli, die Frau mit der Pixie-Frisur, auch versucht, die ganzen Sechziger-, Siebziger-, Achtziger-, Neunzigerjahre war sie unterwegs in Musicaltheatern und Konzerthäusern, am Broadway und in Hollywood, immer mit dem Great American Songbook und ihren eigenen Stücken, hin- und hergerissen zwischen Jazz, Pop, Swing und Revue – Höhepunkt dieser rastlosen Phase war zweifellos ihre Konzertreihe in der New Yorker Carnegie Hall 1987 mit 17 aufeinanderfolgenden Vorstellungen. „Liza with a Z“, das war ihr Signature-Song, gesungen in atemberaubendem Tempo, mit Selbstironie und Angriffslust: Ich bin Liza Minnelli, eine One-Woman-Big-Band, und wer das nicht kapiert, kann mich mal!

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Weltberühmt aber wurde sie mit einem Musical, das im Berlin der frühen Dreißigerjahre spielt, in der anarchischen, fragilen Zeit kurz vor der Machtergreifung der Nazis. Ihr Alter Ego, die Sängerin Sally Bowles, setzt sich über alle Regeln und Genregrenzen hinweg: „Cabaret“, der auf dem gleichnamigen Broadway-Musical beruhende Film von Bob Fosse, war 1972 ein Welterfolg, weil Liza Minnelli eben Liza Minnelli ist. Selten war ein Oscar für die beste Hauptrolle mehr verdient.

Was sie in „Cabaret“ mit ihrer Stimme anstellt, wie sie verführerisch und witzig, rau und raffiniert zugleich klingt, ist noch immer ein Ereignis. Aus jedem Song macht Minnelli ein Drama, mit weit aufgerissenen Augen und einer Körpersprache, die an den klassischen Stummfilm erinnert. Kein Wunder, dass Lady Gaga, Beyoncé oder Kylie Minogue immer wieder versichern, welch großen Einfluss die Tänzerin und Performerin Liza Minnelli auf sie gehabt habe. Die Hits aus „Cabaret“ („Money, Money“, „Maybe This Time“, „Mein Herr“) wurden zum lebenslangen Kapital einer Künstlerin, die fortan in der Liga von Frank Sinatra, Charles Aznavour und Barbra Streisand spielte. Nur dass sie die Theatralischste von allen war, belächelt von manchen, geliebt von vielen, vor allem von der LGBTQ-Community.

Das Leben hat es nicht immer gut mit ihr gemeint. Liza Minnelli hat etliche Abstürze erlebt, vier Scheidungen überstanden und unzählige Comebacks inszeniert; sie hat gegen ihre Alkoholsucht gekämpft, mit wechselhaftem Erfolg. Eine virale Enzephalitis zwang sie zeitweise in die Knie, doch trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit tourte sie weiter. Ihre Fans danken es ihr bis heute.

Liza Minnelli in „Cabaret“ (1972).
Liza Minnelli in „Cabaret“ (1972). IMAGO/CAP/MFS/Capital Pictures

Gerade erst hat sie noch einmal Bilanz gezogen. Für ihre Autobiografie „Liza –Kids, Wait Till You Hear This“ stand ihr ein treuer Freund, der Pianist Michael Feinstein, zur Seite. Auf 500 Seiten bleibt sich die Minnelli absolut treu: Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, sie giftet gegen ihre Neider, aber erzählt auch mit Wehmut von ihrer Kindheit in einer dysfunktionalen Familie, von ihrer berühmten, alkoholkranken und tablettensüchtigen Mutter Judy Garland – und von ihrer einzigen Überlebenschance: der Flucht auf die Bühne.

Liza Minnelli ist eine Gigantin des Showbusiness. Manchmal vermisst sie allerdings den Respekt. 2022 absolvierte sie einen Auftritt bei der Oscar-Show neben Lady Gaga, im Rollstuhl sitzend, weil sie nicht mehr so gut stehen kann. Für sie war es eine Schmach, weil sie in dieser Inszenierung nicht ihren speziell designten Regiestuhl benutzen durfte. Dass sie vor den Augen der Welt buchstäblich erniedrigt wurde, nimmt sie bis heute auch Lady Gaga persönlich übel.

Große Konzerte gibt sie nicht mehr, aber Liza Minnelli lässt sich gerne feiern, bei jeder Gelegenheit: The show must go on, das ist ihr Lebensmotto. Und noch immer passiert ein Wunder, wenn die freiheitsliebende Liza auf die Bühne kommt, in welchem Gefährt auch immer. Sie scheint dann ein Stück weit zu wachsen, das Publikum gibt ihr Kraft: Das ist dann ihre wahre Größe.