Tottenhams Torwart Kinsky: Sechzehn Minuten und 39 Sekunden des Horrors – Sport

Torhüter laufen stets Gefahr, der Einsamkeit anheimzufallen. Nur: Hat es je einen Torwart gegeben, der so einsam war wie Antonin Kinsky, tschechischer Schlussmann von Tottenham Hotspur, am Dienstagabend im Estadio Metropolitano von Madrid? Er war Hauptdarsteller einer Groteske, die so unwahrscheinlich anmutete, dass die spanische Zeitung El País am Mittwoch schrieb, es gebe „nicht einmal in manipulierten Spielen so viele Zugeständnisse“ an Gegner wie beim 5:2-Sieg Atléticos gegen Tottenham im Achtelfinalhinspiel der Champions League. Kinsky erlebte dabei 16 Minuten und 39 Sekunden des Horrors – und wurde dann von Igor Tudor ausgewechselt.

Tudor, der erst vor wenigen Wochen das Traineramt vom Dänen Thomas Frank übernommen hatte, nahm nach der Partie die Verantwortung zwar in Gänze auf sich, „es war natürlich meine Entscheidung“. Doch womöglich hatte sich Cristian „Cuti“ Romero in die Rolle des Politkommissars begeben und Kinsky denunziert: Die argentinische Abwehrkraft wurde beim Stand von 0:3 bei Tudor vorstellig und legte ihm wohl nahe, den Torwart vom Platz zu nehmen. In einem Akt totaler Erbarmungslosigkeit.

Diese zeigte sich darin, dass der kroatische Coach den Champions-League-Debütanten keines Blickes würdigte, als er den Platz verließ:  Es gab kein Abklatschen, keine Umarmung, keine Geste der Aufmunterung. Mitleid bekam Kinsky von zwei Tottenham-Angestellten und vom Atlético-Publikum, sie applaudierten ihm voller Mitgefühl. Dafür erhielt er Solidaritätsadressen, unter anderem vom früheren spanischen Nationaltorwart David De Gea.

Beim 0:1 rutschte Kinsky wie auf einer Bananenschale aus

Nur wer Torwart gewesen sei, könne wissen, wie schwer es ist, auf dieser Position zu spielen, schrieb De Gea: „Du wirst wiederkommen.“ Zwei frühere englische Nationaltorhüter, Joe Hart und Paul Robinson, gingen mit Tudor ins Gericht. Er sei „zutiefst erschüttert, was mit dem Jungen passiert ist“, sagte Hart, der als Experte für den englischen TV-Sender TNT Sports im Metropolitano saß: „Wenn das Personalführung sein soll, bin ich sprachlos.“ Robinson nannte Tudor rücksichtslos. Der einstige dänische Weltklassetorwart Peter Schmeichel äußerte sich ähnlich: „Er hätte ihn mindestens zur Halbzeit behalten müssen. Er hat seine Karriere einfach gekillt.“

Dass die Leistung des tschechischen Nationaltorwarts ausgesucht unglücklich war, diskutierten die emeritierten Torhüter nicht weg. Kinsky, der 2015 für 16 Millionen Euro von Slavia Prag gekommen war, hatte gespielt, als hieße er nicht Kinsky, sondern Keaton, Laurel oder Hardy. Beim 0:1 von Marcos Llorente rutschte er wie auf einer Bananenschale aus. Beim 0:2 durch Antoine Griezmann war er machtlos, denn da war der Niederländer Micky van de Ven ausgerutscht. Das 0:3 ging wieder auf Kinskys Konto: Er versuchte sich an einem atemberaubenden Pass, der Ball rutschte über den Spann, Julián Álvarez nutzte das Malheur. Wie der Argentinier einschoss, schaute sich Kinsky nicht mehr an: Er vergrub das Gesicht im Rasen und versuchte offenkundig (und vergeblich), vom Erdboden verschluckt zu werden. Dann also nahm ihn Tudor vom Platz; es kam Stammtorwart Guglielmo Vicario. Tudor hatte den Italiener für den Abstiegskampf schonen wollen.

Da ist sein Arbeitstag bereits beendet: Antonin Kinsky (rechts) verlässt den Platz, Stammtorwart Guglielmo Vicario betritt für ihn den Rasen.
Da ist sein Arbeitstag bereits beendet: Antonin Kinsky (rechts) verlässt den Platz, Stammtorwart Guglielmo Vicario betritt für ihn den Rasen. Javier Soriano/AFP

„Im Nachhinein“ sei diese Entscheidung, den zweiten Torwart spielen zu lassen, ein Fehler gewesen, gestand Tudor ein. Er habe eine solch frühe Auswechslung eines Keepers in seiner Trainerkarriere „nie“ vorgenommen, aber er habe „den Kerl und die Mannschaft schützen müssen“. Sie kassierte dennoch das 0:4, weil Vicario es nach einer Freistoßflanke schaffte, ein Eigentor von Pape Sarr zu verhindern, den Nachschuss von Robin Le Normand aber erst hinter der Linie erwischte (22. Minute).

Tottenham kam durch Pedro Porro (26.) noch vor der Pause zum 1:4, doch schon in der 55. Minute nutzte Álvarez einen Konter zum 5:1. Dass Dominic Solanke ein weiteres Mal für die Spurs verkürzen konnte, lag daran, dass Atléticos Torwart Oblak Klassensolidarität zeigte: Er spielte Porro den Ball in die Füße, sodass der Spanier den dänischen Einwechselspieler bedienen konnte. Nicht einmal das war das Ende der Schwänke im Metropolitano: In der Nachspielzeit rasselten der frühere Bayern-Profi João Palhinha und Romero mit den Köpfen zusammen. Palhinha konnte nicht weitermachen, Romero beendete die Partie zusammengekauert, weil ihm der Schädel brummte.

Das waren freilich nur Randaspekte, alles kreiste nach dem „Autounfall-Spiel“ (Daily Telegraph) um den Torwart und seinen Trainer. Kinsky habe das Team um Entschuldigung gebeten, erklärte Tudor. „Das Team steht zu ihm, ich auch“, sagte er. Doch er wusste, dass er nun nach vier Niederlagen aus vier Spielen mit dem Rücken zur Wand steht. Eine solch desaströse Startbilanz hatte ein neuer Tottenham-Coach noch nie. „No comment“, sagte Tudor, als er gefragt wurde, ob er um seinen Job fürchte. Darauf wetten, dass er am Wochenende gegen Liverpool auf der Bank sitzt, sollte man womöglich nicht.