Das Spiel mit der Scham, es gehört zum Markenkern des Performance-Kollektivs „She She Pop“. Sie haben damit den männlichen Blick auf den weiblichen Körper und die weibliche Selbstermächtigung ausgelotet, die Klassenverhältnisse zwischen Besitzenden und Ärmeren, und das Schweigen der Erbenden gegenüber den sich prekär über Wasser Haltenden.
Weil sie oft ihre eigenen Biografien ebenso wie die Diskurse der Zeit miteinbezogen, konnte man seit gut dreißig Jahren mit diesen Künstler:innen langsam älter werden und sich immer wieder neu getroffen fühlen in den wunden Punkten, wo das Sein dem Wollen und den Ansprüchen hinterherhinkt. Nur milder sind sie geworden im Umgang mit den Schwächen, die ihre und unsere sind.
Ihr jüngstes Stück „Wait to be seated“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Sandbox Collective aus Bangalore in Indien und hatte dort auch im November Premiere. Jetzt begann im Berliner HAU 2 (Theater am Halleschen Ufer) eine Tournee, die sie bald auch nach Düsseldorf, Dresden, Basel, Hamburg und weitere Städte führen wird. Wie begegnen sich zwei feministische Kollektive?
Die Inszenierung spielt mit den Codes der Höflichkeit und der Gastfreundschaft, mit Dresscodes und den Regeln des diplomatischen Umschiffens von Konfliktzonen. Aber auch viel mit dem, was man zu wissen glaubt, mit den Imaginationen über das andere Land, die einem schon beim Aussprechen nicht mehr ganz geheuer vorkommen.
Mit glitzerndem Humor
Die Inszenierung ist bunt und lustig. Der Glitzer von Bollywood liegt über dem Bühnenbild. „Dress for success“ heißt eine Strecke des Warmlaufens, je eine Performerin aus Indien und Deutschland graben sich durch Kleiderberge, während die anderen vom Rand her kommentieren. Zeige Originalität, aber benutze keine Codes, die du nicht kennst. Zeige dein feministisches Engagement, aber die Schamhaarperücke über dem Rock ist dann doch übertrieben. Jedes Detail ist entscheidend, aber welches Teil die Performerinnen auch ausprobieren, etwas ist immer schief.
Bald heißt eine Aufgabe „attempt open diplomacy“. Vier Performerinnen sind als Blumendekor getarnt, die diesmal mit einer hinter allen lesbaren Schrift die Gedanken hinter den ausgetauschten Floskeln tippen. Ein alterndes feministisches Kollektiv mit verstaubten Botschaften ist dort als vermuteter Gedanke der indischen Kolleginnen über die deutsche Seite zu lesen, während laut Sätze über die gemeinsame Suche nach neue Ideen ausgetauscht werden.
Selbstironie ist da auf beiden Seiten inklusive. Wenn dann Bilder beschrieben werden, die ihnen jeweils typisch für die andere Kultur erscheinen, geht es schon tiefer hinein in Sehnsüchte und im Bewundern von etwas, was der eigenen Kultur zu fehlen scheint. Zwei alte Männer, Politiker, die sich küssen, gesehen in der East Side Gallery: Da liegt für eine indische Performerin ein Hauch von Utopie drin, wenn das öffentlich ohne Skandal gezeigt werden kann. Für die deutsche Performerin ist es das Bild einer Kuh, mitten im Straßenverkehr, die alle umfahren, umschiffen, umgehen und ihr ihren Platz lassen.
Auch die Kontroverse fehlt nicht
Es gibt auch Momente der Uneinigkeit. Wenn Ilia Papatheodorou sich selbst als Geschenk verpackt hat und nun ausgepackt werden will, um mit ihrer indischen Kollegin gemeinsam nackt sich vom male gaze zu befreien, empfindet die das als einen unangemessen missionarischen Akt. Immer mehr Fettnäpfchen kommen auf den Tisch, es geht um körperliche Nähe, schlecht erzählte Witze, die Scham, nicht gut genug Englisch zu sprechen, und Gespenster der deutschen Vergangenheit.
Die Performance folgt einem Set von Kapiteln und Spielen nach verabredeten Regeln. Nicht jeden Abend sind die gleichen Künstler:innen aus den Kollektiven am Start, Geschichten können sich noch verändern. Mehrmals werden Sätze Wort für Wort zusammengebaut und je länger der Satz wird, umso komplizierter scheint es, ihn ohne Affront zu Ende zu bringen. Es ist eine Übung auf einem schmalen Grat.
She She Pop werfen sich mit Freude in lächerliche Bilder.
In einem Prolog haben die Protagonistinnen in die Kamera gesprochen, Erwartungen an ihre Begegnungen. Dabei war auch von den unterschiedlichen Erfahrungen mit Faschismus in Vergangenheit und Gegenwart die Rede. Ein Thema, das am ersten Abend dann aber nicht mehr auftauchte. Aber es werden ja nicht alle Abende gleich sein.
Wie man Deutschland repräsentiert? She She Pop werfen sich dabei mit Freude in lächerliche Bilder. Sie performen auf Blockflöten einen Song, den sie alle gern als Teenager hörten. Wie das Lächeln des Wohlwollens allmählich kaum noch zu halten ist auf den Gesichtern der indischen Gäste, kann sich jeder vorstellen.
