

Ratlosigkeit und Verzweiflung führen die Menschen im Fußball auf ihrer Suche nach Erklärungen oft in abseitige Gefilde. Nicht Fehler oder die Qualität von Spielern werden dann als Ursache für Niederlagen benannt, sondern Schiedsrichter, der Rasen, der Spielplan, das Wetter oder eben gleich: höhere Mächte.
Und so gab der Kölner Trainer Lukas Kwasniok zumindest eine Teilschuld an der 1:2-Niederlage gegen Borussia Dortmund dem „da oben“ und sagte: „Irgendwann meint es der liebe Gott auch gut mit uns.“ Zumindest, wenn der Schöpfer den Kölnern verzeiht, dass sie demnächst erstmals seit der Eröffnung im 14. Jahrhundert Eintritt für ihren Dom verlangen wollen. Aber so weit bewegte sich Kwasniok dann noch nicht weg vom Spiel, das weder im Himmel noch in den Kellern der Stadt entschieden worden war. Obgleich Kwasniok auch im Untergrund böse Mächte wähnte.
Die Videoassistenten im Kölner Keller hatten seine Mannschaft nämlich dezimiert, nachdem in Folge ihres Hinweises kurz vor der Pause der Verteidiger Jahmai Simpson-Pusey vom Platz geflogen war. Und sie hatten dem FC in der sechsten Minute der Nachspielzeit einen Elfmeter verwehrt, den sogar Niko Kovac für berechtigt hielt: „Ja, so wurde uns das beigebracht. Ich weiß nicht, warum das heute keiner war“, sagte der Dortmunder Trainer.
Und weil die Kölner sich nicht nur zu elft, sondern später auch noch zu zehnt angestrengt hatten, weil sie sogar beinahe noch ein 2:2 erkämpft hätten, konnte Sportchef Thomas Kessler später sagen: „Ich glaube, dass heute viele Leute enttäuscht, aber stolz nach Hause gehen.“
Die Kölner haben sich ganz gut eingerichtet in einer Welt, in der die Ursachen für das Fußballunglück irgendwo außerhalb der eigenen Verantwortung liegen. „Die Jungs opfern sich auf“, sagte Kwansiok. Gerade zu Beginn der Partie sei sein Team „griffig“ gewesen, hatte „gute Stafetten“ mit dem Ball. Dass der BVB ein sehr lebloser Gegner gewesen war, dass an diesem Tag ein kostbarer Sieg gegen eine Mannschaft aus dem oberen Tabellensegment alles andere als ein Wunder gewesen wäre, mochte niemand mehr diskutieren, vielmehr sagte Kessler: Was Tabellen- und Punktestand betrifft, sei die Mannschaft „immer noch im Soll“.
Diese Art des Krisenmanagements ist einerseits nachvollziehbar in einer zur Hysterie neigenden Umgebung, in der der Trainer ohnehin schon angeschlagen ist. Aber Einsatzbereitschaft und ordentliche Leistungen reichen eben nicht aus, wenn eine Mannschaft dort scheitert, wo Spiele entschieden werden: in den Momenten.
Ein Bild, das stark nach Abstieg aussieht
Der Ecke, die zum 0:1 führte, ging ein klarer Fehler des Mittelfeldspielers Isak Johannesson voraus. Als Serhou Guirassy traf, war der Innenverteidiger Rav van den Berg unaufmerksam. Simpson-Pusey Platzverweis resultierte aus einer zu riskanten Zweikampfführung, und vor dem 0:2 rutschte Tom Krauß aus. Setzt man diese Momente des Unglücks zusammen, ergibt sich ein Bild, das stark nach Abstieg aussieht. Aber offenbar möchte das niemand so recht wahrhaben.
Die Saisonerzählung beim FC klingt nämlich seit dem Spätsommer ganz anders: Sportchef Kessler galt als König des Transfermarktes und wurde im Herbst vom Fachmagazin „Kicker“ sogar offiziell zum besten Kaderplaner der Liga erklärt. Daraus ergibt sich die Annahme, dass Misserfolge am Trainer liegen müssen, der die gute Substanz nicht in Siege umwandelt. Dass dieser Kader womöglich doch nicht so gut ist, kann niemand öffentlich sagen, und so beruft Kwasniok sich nicht nur auf den lieben Gott, sondern auch auf Analogien zum Tennis.
„Wir haben jetzt den ersten Satz in dieser Saison 7:5 gewonnen“, sagte er, um die gute Phase im Spätsommer zu beschreiben, als in Köln vom Europapokal geträumt wurde. „Den zweiten Satz haben wir 1:6 verloren“, fuhr der Trainer fort, womit er die schwierigen Wintermonate meinte. „Und heute haben wir das erste Spiel des dritten Satzes verloren.“ Es handle sich zwar um ein Break, weil der FC diese Niederlage vor eigenem Publikum erlitten hat, aber in den kommenden Partien beim Hamburger SV und gegen Mönchengladbach sei jederzeit ein Re-Break möglich. Vielleicht sogar ganz ohne Hilfe von oben.
