Anna-Lena Forster bei den Paralympics: Gold im Springen und Landen – Sport

In einer leichten Rechtskurve, ungefähr zur Hälfte des Abfahrtsrennens von Cortina d’Ampezzo, zeigte sich exemplarisch, warum all der Aufwand nötig war. Die tausend Übungsstunden in den Bergen, das ganzjährige Kraft- und Koordinationstraining, aber auch die Tüftelei an ihrem Hightech-Monoskibob. Die deutsche Monoskifahrerin Anna-Lena Forster, 30, war auf der Tofana-Piste bei einem Sprung zu weit nach rechts getragen worden. Da sah es so aus, als müsse sie sich schon verabschieden von ihrem Traum von paralympischem Abfahrtsgold. Was dann folgte, war eine spektakuläre Kurskorrektur bei voller Fahrt.

Über Forsters Hightech-Gefährt hatten kürzlich die Experten des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) eine stolze Mitteilung versendet: „Die exakt anliegende Carbon-Sitzschale überträgt Forsters Steuerimpulse direkt auf das Sportgerät. In Zusammenarbeit mit Spezialisten (…) konnte das FES einen Rennsport-Dämpfer integrieren, dessen Zug- und Druckstufen je nach Disziplin, Piste und Wetter optimal abgestimmt werden können. (…) Das Ergebnis: maximaler Kraftschluss und optimierte Kontrolle.“ Schaden konnten all diese Spezialfeatures in dieser Szene sicher nicht. Vor allem aber führte Anna-Lena Forster nun vor, was für eine überragende Skifahrerin sie ist.

Freude über Gold: Anna-Lena Forster.
Freude über Gold: Anna-Lena Forster. Philipp von Ditfurth/dpa

Wenn zwischen Körper und Ski eine Feder verbaut ist, sind Sprünge auf der Piste besonders riskant. Auf einen großen Hüpfer folgt nach der Landung noch ein zweiter, ehe sich das System wieder einschaukelt. Forster kam also auf, hob wieder ab, stellte noch in der Luft mit einer Hüftbewegung den Ski schräg – und fing die nächste Landung mit einem kontrollierten Linksschwung ab. Dann fuhr sie doch noch auf der richtigen Seite des nächsten Tores vorbei. Und die restliche Piste hinunter zu Gold.

Einer ihrer Konkurrentinnen in der Kategorie „Sitzend“ war das nicht gelungen: Die Niederländerin Barbara van Bergen, gleich als Erste gestartet, hob nach der vierten Kurve zu einem Sprung ab, landete zu schräg, überschlug sich in ihrem Sportgerät, flog in den Fangzaun. „Ich weiß, wenn Barbara vor mit startet, kann das passieren, weil sie leider so eine Sturzpilotin ist“, sagte Forster später. Alpin-Bundestrainer Justus Wolf schickte dann einen kurzen Funkspruch nach oben: Forster solle sich trotz der Verzögerung weiter auf sich konzentrieren! „Wir haben ihr auch vermittelt, dass sie es genießen soll“, sagte Wolf.

Das mit dem Genießen war zuletzt gar nicht so einfach gewesen. Denn auf Forsters Schultern hatte der deutsche Behindertensport einen Großteil der Medaillenerwartungen abgelegt. Sie war als viermalige Paralympics-Siegerin angereist; in fünf Rennen, hieß es, jage sie fünfmal Gold. Das muss man erst mal ausblenden. Zumal ein einziger vermasselter Sprung schnell alles verändern kann.

Anna-Lena Forster jubelt auf dem Podium.
Anna-Lena Forster jubelt auf dem Podium. Stoyan Nenov/Reuters

Eigentlich ist Anna-Lena Forster – die mit nur einem, stark verkürzten Bein auf die Welt kam – im Slalom am stärksten. Abfahrtsgold fehlte ihr noch. „Ich wusste, es kann heute passieren, aber ich wusste auch, wie stark die anderen sind“, sagte sie hinterher. Bei der letzten Zwischenzeit lag noch die Spanierin Audrey Pascual Seco um drei Hundertstelsekunden vorn. Da hatte Forster das Gold „schon abgehakt, zumal ich ein paar Ausritte hatte, wo ich dachte: Oh Gott, dass darfst du dir eigentlich nicht leisten“.

Im Ziel waren es dann allerdings fünf Hundertstel Vorsprung. Was umso bemerkenswerter ist, als die Chinesin Sitong Liu mit 5,48 Sekunden Abstand Bronze gewann. „Geil, wenn unsere Rennen so knapp sind“, sagte Forster. „Und umso wertvoller ist die Medaille, weil ich sie mir so hart erkämpft habe.“