Lufthansa-Chef Carsten Spohr stand an seinem Rednerpult im neuen Veranstaltungszentrum „Hangar One“ und war gerade dabei, die gerade sehr komplizierte Lage für den Luftverkehr zu erläutern. In diesem Moment erreichte ihn eine Textnachricht folgenden Inhaltes: Der eigentlich nach Riad, Saudi-Arabien, geplante Rückführungsflug wird schon in Kairo landen. Riad, so haben es der Kapitän und die Sicherheitsabteilung der Lufthansa entschieden, wäre zu riskant gewesen. Das Flugzeug sollte später dennoch den saudischen Flughafen ansteuern, um danach mit mehr als 200 Passagieren an Bord zurück nach München zu fliegen.
So ist die Lage an Tag sieben des Iran-Krieges für eine Fluglinie, die relativ weit weg vom Geschehen operiert und nicht allzu viele Flüge in die Region hat. Vor Ort selbst ist aus den gleichen Gründen immer noch nur ein sehr eingeschränkter Luftverkehr möglich. In Bahrain und Katar bewegt sich praktisch gar nichts, der Luftraum ist geschlossen. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben eng begrenzte Korridore definiert, durch die sie den Verkehr zu den drei Flughäfen in Abu Dhabi und Dubai schleusen. Der Irak, Syrien und Libanon sind zu, Iran sowieso. Und an der Grenze der Emirate nach Oman stauen sich die Busse auf dem Weg zum Flughafen Maskat.
„Eine geopolitische Achillesferse“
„Wir wissen nicht, ob das eine Zäsur ist“, so Spohr. Für eine solche Schlussfolgerung sei es noch zu früh. Aber der Iran-Krieg „verdeutlicht, wie exponiert der Luftverkehr bei geopolitischen Konflikten ist“. Die massive Bündelung von Verkehrsströmen für Passagiere und Fracht an den Drehkreuzen am Persischen Golf, die der Lufthansa schon lange ein Dorn im Auge ist und ihr viel Geschäft kostet, sei eine „geopolitische Achillesferse“ für Exportländer wie Deutschland. Darüber werde es eine „nachhaltige Diskussion geben“. Und Spohr prognostiziert, dass der Umsteigeverkehr in Dubai, Abu Dhabi und Doha von Emirates, Etihad und Qatar Airways „nicht mehr die gleiche Dynamik haben wird“.
Ob da der Wunsch Vater des Gedankens ist, wird sich allerdings noch zeigen müssen. Denn die Golf-Airlines, derzeit vor allem Emirates, tun alles dafür, unter schwierigsten Bedingungen ein Mindestmaß an Luftverkehr aufrechtzuerhalten. Und wenn es die Sicherheitslage wieder zulässt, werden sie wohl schnell die alten Flugpläne wiederherstellen. Nach der Akutphase der Corona-Pandemie waren die Golf-Airlines unter den ersten, die Flüge wieder aufgenommen haben, Qatar Airways hat einen Großteil des Flugplanes damals sowieso durchgezogen. Die einzige Frage ist, wie schnell die Kunden vergessen, dass sogar in Dubai am Flughafen eine iranische Drohne für Schäden gesorgt hat. Die Erfahrung aus ähnlichen Krisen sagt: ziemlich schnell.
Für den Moment allerdings profitiert die Lufthansa. Spohr berichtet davon, dass die Nachfrage nach Asien-Flügen seit Beginn des Krieges „enorm gestiegen“ sei. „Die Buchungen laufen über“, so Spohr. „Es gibt eine Verschiebung von Reiseströmen.“ Klar – alle, die bislang Emirates oder Qatar Airways geflogen sind, weichen nun auf Alternativen aus. Lufthansa will deswegen zeitweise zusätzliche Flüge zu etlichen Zielen in Asien und Afrika einrichten – darunter nach Singapur, Shanghai, Delhi, Bangkok, Riad und Kapstadt. Überhaupt sei der Luftverkehr resilienter geworden. Früher sei die Nachfrage bei Krisen eingebrochen, heute passiere zumindest im Falle der Lufthansa das Gegenteil.
Flugzeuge für die zusätzlichen Einsätze hat sie übrig, denn derzeit werden zehn Ziele im Mittleren Osten nicht angeflogen, außerdem ist die Flotte im saisonal schwächeren Winterhalbjahr sowieso nicht voll ausgelastet.
Spohr nutzt die Situation auch für politische Forderungen. „Wir müssen uns selbst mit den Märkten der Welt verbinden können“, so der Lufthansa-Chef. Sprich: Die Politik müsse regulatorische Nachteile ausräumen und schon gar nicht weitere schaffen, etwa bei den Verkehrsrechten. Damit wies er auf den Wunsch von Emirates hin, Berlin und Stuttgart in den Flugplan aufnehmen zu dürfen. Bislang fliegt die Airline aus Dubai nach Frankfurt, München, Düsseldorf und Hamburg.
Je nachdem, wie lange der Krieg gegen Iran dauert, könnten die Folgen für die Branche aber auch jenseits der unmittelbar betroffenen Länder enorm sein. Der Ölpreis ist – Autofahrer haben es zuletzt an jeder Tankstelle gesehen – in den vergangenen Tagen stark gestiegen, obwohl es keine Versorgungsengpässe gibt und nur Risiken eingepreist worden sind. Für die Airlines sind Schwankungen beim Treibstoff eine entscheidende Größe dafür, ob sie in einem Jahr schwarze Zahlen schreiben können oder nicht. Bei den meisten sind die Margen gering, dauerhaft höhere Preise dürften viele dazu zwingen, Kapazität aus dem Markt zu nehmen.
Unter anderem erwarten dies einige Analysten für amerikanische Billig-Airlines, denen es im Moment sowieso schon wirtschaftlich nicht gut geht. Ein dauerhaft hoher Ölpreis, von dem allerdings bislang noch wenige ausgehen, könnte dazu führen, dass die Airlines endlich ihre ältesten und unwirtschaftlichsten Flugzeuge ausmustern, die sie in den vergangenen Jahren angesichts von ständigen Lieferverspätungen notgedrungen weitergeflogen haben.
Bei Lufthansa selbst kommt in dieser Hinsicht nun endlich Schwung in den Laden. Insgesamt 45 neue Flugzeuge, darunter 27 für die Langstrecke, werden im Jahr 2026 ausgeliefert, damit kann die Fluglinie veraltete Modelle wie die Boeing 747-400 oder den Airbus A340 endlich ausmustern. Für die Kernmarke Lufthansa Airlines ist die Flottenerneuerung mit der wichtigste Hebel für höhere Gewinne. 2025 hat der Konzernbereich nur einen Mini-Gewinn von 148 Millionen Euro ausgewiesen bei einem Umsatz von über 17 Milliarden Euro. Das Ergebnis soll in den nächsten Jahren deutlich steigen, auch weil die Airline wieder deutlich produktiver fliegen will.
Insgesamt hat der Konzern bei einem Umsatz von knapp 40 Milliarden Euro einen operativen Gewinn von knapp zwei Milliarden ausgewiesen, 350 Millionen mehr als im Vorjahr. Das Geld verdient haben vor allem die Töchter Swiss, Lufthansa Cargo und Lufthansa Technik. Trotz der politischen Weltlage rechnet der Konzern für 2026 mit einem weiter verbesserten Ergebnis.
