Eine gut gelaunte Brooke Shields betritt an diesem Morgen das Foyer des UNESCO-Gebäudes, winkt freudig der Menge zu und posiert vor den Fotografen. Sie dreht sich nach links und nach rechts und wirft die Arme in die Höhe. Als ihr jemand zuruft, wie gut sie aussehe, sagt sie selbstironisch: „Dafür haben heute Morgen sechs Leute hart gearbeitet!“
Die amerikanische Schauspielerin ist 60 Jahre alt und zum ersten Mal bei der Modewoche in Paris als Gast der Marke Chloé. Nach der Schau wird man sie backstage sehen, in echt und auf den Fotos des Moodboards von Kreativdirektorin Chemena Kamali. Die junge Brooke Shields trägt darauf Karohemden und schneidet Grimassen wie ein Mädchen. Die Karos von damals haben es in die Kollektion geschafft. Und die lebende Muse von heute, die mit 14 Jahren zum Filmstar wurde, antwortet auf die Frage, was ihr an Mode nicht gefällt: „Vermutlich alles, was ich in den Achtzigern getragen habe.“
Der Blick zurück findet sich in diesen Tagen überall bei der Modewoche, die noch bis Dienstag läuft und Entwürfe für Herbst und Winter zeigt. Als Julian Klausner, der Kreativdirektor von Dries Van Noten, im vergangenen Sommer das Gebäude des 1869 gegründeten Lycée Carnot am Boulevard Malesherbes besichtigte, erinnerte er sich an die Zeit als Teenager, an „Verletzlichkeit und Selbstvertrauen, Verwirrung und Klarheit“, wie es im Pressetext zu lesen ist. Elemente von Schuluniformen sind nun in seiner Kollektion zu sehen, die er in der großen Schulhalle präsentiert, deren Konstruktion einst von Gustave Eiffel entworfen wurde und in der zu Beginn der Nullerjahre schon einmal Firmengründer Dries Van Noten auftrat, mit dem gleichen spektakulären Setting, das auch jetzt Klausner bauen ließ, bei dem ein riesiger Spiegel hinter dem Laufsteg das Defilee reflektiert.
Dubai zeigt, wie schnell die Werbekulisse zusammenbricht
Der Blick zurück in seinen unterschiedlichen Formen könnte auch ein Stück Sehnsucht sein, nach einer Zeit, als noch alles gut war. Oder zumindest nicht alles Schlimme auf einmal stattfand: Kriege, Handelskonflikte, Inflationen und die kaum berechenbaren Konsequenzen der KI-Revolution. Wie sehr die Mode von der Geopolitik abhängig ist, zeigt sich nicht nur an den zurückgehenden Umsatzzahlen. Dubai ist ein Beispiel dafür, wie schnell die Werbekulisse der Influencer aus Sonne, Strand und Luxus wie ein Kartenhaus zusammenbrechen kann, seit Hotels durch iranische Raketen in Flammen stehen und verzweifelte Touristen versuchen auszureisen. Geplante Events und Shootings von Luxusmarken, die den Dubai-Effekt bislang nutzten, sind gestrichen, zu unsicher ist die Lage und zu unpassend die Vorstellung, im Angesicht des Krieges Handtaschen und Schmuck zu bewerben.

Nur: Wie begegnet man dieser Dauerkrise in der Mode? Viele Marken versuchen es mit der Flucht nach vorn, denn es hilft ja nichts, man muss Begehrlichkeiten schaffen, damit die Kundinnen trotz allem teure Mode kaufen. Da braucht es vor allem Hingucker, wie den goldenen Absatz in Form einer Sphinx bei Schiaparelli, die abnehmbaren Mantelkragen aus Fell von Calvin Klein, die aufwendig gewebten Seeigel von ArdAzAei, einer jungen Marke aus Stockholm, die sich gerade in Paris etabliert, und den Rock von Dries Van Noten, bei dem erst beim Gehen die Drucke sichtbar werden, die sich hinter den Kellerfalten verbergen.
Rüschenkleider für die Weiblichkeit
Couture-Elemente werten das Prêt-à-porter auf. Wie das geht, zeigt meisterhaft Daniel Roseberry bei Schiaparelli. Der Texaner, seit 2019 Kreativdirektor des Modehauses, bricht Couture so herunter, dass sie tragbar wird. Dazu gehören die sparsam eingesetzten surrealen Elemente wie die geschwungenen Kragen und eine schlichtere Version des schwarzen Bustierkleids aus der Couture-Kollektion, mit dem Demi Moore in der vergangenen Woche bei den Critics’ Choice Awards für Furore sorgte.

Handwerk und Tradition, sagt Chemena Kamali nach ihrer gelungenen Schau für Chloé, bedeuteten für sie Hingabe, denn es seien Fertigkeiten, die Aufwand und Zeit bräuchten. Für ihre Kollektion hat sie sich mit dem Thema „folk“ beschäftigt, das im Deutschen mit Folklore unzureichend übersetzt ist, weil das etwas abschätzig klingt. Auf einem Moodboard sind neben den Fotos von Brooke Shields Trachten zu sehen. In der Kollektion findet sich das Thema bei den handgewebten Blumenmotiven und den zahlreichen Rüschenkleidern wieder, die die mühelose Weiblichkeit von Chloé transportieren.
Die Stärke der Marke: Ihre Kollektionen werden seit Jahrzehnten von gestandenen Frauen entworfen, von Stella McCartney über Phoebe Philo bis zu Clare Waight Keller und jetzt von der aus Dortmund stammenden Kamali, die unter Philo und Waight Keller gearbeitet hatte, bevor sie zu Saint Laurent ging und 2023 Kreativdirektorin von Chloé wurde.

Ähnlich erfolgreich ist das von einer Frau geführte Designerlabel Isabel Marant, deren Spirit seit der letzten Saison die Belgierin Kim Bekker weiterführt: tragbare Entwürfe mit Glamrock-Elementen. Oder Marie-Christine Statz, die für die Präsentation ihrer Marke Gauchere an der Rue de Rivoli eine Wohnung auswählte, in der Frauen aus ihrem Umfeld mit ganz normalen Berufen die Kollektion zeigen, eine Kombination aus Tailoring und fließenden Elementen, modern und tragbar zugleich.
Paris schlägt sich tapfer in diesen Tagen. Die meisten Marken gehören zu großen Luxuskonzernen wie LVMH und Kering, die Durststrecken eine Zeit lang abfedern können und die sich gleichzeitig um den Nachwuchs kümmern, denn das System muss am Laufen gehalten werden. Zu den Finalisten des LVMH-Preises für junge Designer gehörte 2019 der Japaner Kunihiko Morinaga. Mit seiner Marke Anrealage sorgt er in dieser Modewoche für eine der spektakulärsten Schauen. Seine Entwürfe sind mit 10.000 einzeln steuerbaren LEDs ausgestattet, die auf die Umgebung reagieren und das Muster des Hintergrunds übernehmen können, wie das weiße Kleid, das auf Knopfdruck mit der pulsierenden Stadtlandschaft verschwimmt, die auf der Leinwand hinter ihr zu sehen ist.

Zudem entwickelte Morinaga mit einem japanischen LED-Unternehmen Stoffe, auf denen man beliebig viele Leuchtmotive mit einer Fernbedienung per Hand steuern kann. Bald sollen sie kommerziell produziert werden. Seine Kollektion zeigt, dass es in der Mode nicht nur Vergangenheit, sondern auch Zukunft gibt.
