Kae Tempest: Schmerz als Energiequelle in Ein Leben lang gesucht – Kultur

Es gibt diesen Moment im neuen Roman von Kae Tempest, da hört Rothko eine der alten Platten aus dem Regal der Mutter und fühlt plötzlich, wie sehr diese Musik ein Produkt von Schmerz ist. In diesem Moment kann Rothko das eigene Leben ein bisschen besser aushalten. Als wäre es irgendwie okay, dass alles so furchtbar wehtut: „Weil manche Menschen auf der Welt ihren Schmerz nahmen und in etwas verflucht Magisches verwandelten.“

Es klingt wie das alte Pop-Phänomen: Die traurigsten Künstler schreiben die besten Songs. Kae Tempest scheint überzeugt, dass da etwas dran ist. Denn Schmerzen hat er in seinem Leben genügend gelitten. Beim Videogespräch wenige Tage vor Erscheinen seines zweiten Romans sitzt Kae Tempest auf einem Sofa, im Hintergrund ein großer Fernseher. Oft geht der Blick flackernd in die Ferne, dann holt er aus, etwa um mit leuchtenden blauen Augen von seiner Begeisterung für Tolstois „Krieg und Frieden“ zu erzählen.

Kae Tempest ist Rapper, Lyriker, Romanautor. 2014 erschien sein Debütalbum „Everybody Down“, von der Kritik gefeiert. Damals war Kae noch Kate, als Mädchen geboren und aufgewachsen im Süden Londons, in Brockley, einer „shitty“ Gegend, jüngstes Kind in einer jüdischstämmigen Patchworkfamilie. Heute ist Tempest 40 Jahre alt, mit Preisen gekrönt und geprägt durch die Ereignisse der vergangenen Jahre. Im August 2020 ging Tempest auf Facebook an die Öffentlichkeit: Aus Kate wurde Kae, mit den Pronomen they/them, sodass keine Geschlechtsidentität mehr abgeleitet werden konnte.

Dem Coming-out sei eine sehr schwierige Zeit vorausgegangen, Panikattacken und die absurde Angst, alles zu verlieren, wenn er sich die langen rotblonden Locken abschneiden würde. „Ich habe versucht zu sein, was andere von mir erwartet haben“, stand in dem Facebook-Post. Die Corona-Pandemie hatte kurz zuvor die Stopptaste gedrückt in Tempests Leben aus Adrenalin auf der Bühne und zu viel Alkohol nach den Auftritten. Die Haare kamen ab. Die Transition sei eine Reise, deren Ziel man nicht kennt, sagt er. Inzwischen benutzt er die Pronomen he/him, die Stimme ist deutlich tiefer geworden. „Ich schreibe für die, die nicht wirklich reinpassen.“ Einsamkeit und Zugehörigkeit sind die großen Motive in Tempests neuem Roman.

In „Ein Leben lang gesucht“ geht es auch ums Trans-Sein. Doch der neue Roman ist keine Autofiktion, keine Nabelschau und auch keine aktivistische Prosa. Kae Tempest ist es gelungen, einen universellen und trostreichen Roman über die Liebe zu schreiben. Rothko ist die Person im Zentrum von „Ein Leben lang gesucht“. Rothko stammt aus einer Südlondoner Familie, die man als dysfunktional beschreiben würde: die Eltern getrennt, der Vater bemüht, aber mitunter gewalttätig, die Mutter dem Alkohol und harten Drogen verfallen. Rothko selbst verbringt viele Jahre im Gefängnis, immerhin das: eine Zeit der Läuterung. Das eigentliche Gefängnis ist dieser Frauenkörper.

Kae Tempest: Ein Leben lang gesucht, Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp, Frankfurt 2026. 390 Seiten, 25 Euro.
Kae Tempest: Ein Leben lang gesucht, Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp, Frankfurt 2026. 390 Seiten, 25 Euro. Suhrkamp

Rothko ist non-binär, fühlt sich also weder als das Mädchen, das die Eltern in Rothko sehen, noch als der junge Mann, für den Rothko eine Frau hält, die auf der Damentoilette schimpft, was er hier zu suchen habe. Rothko, das ist: „Mittelscheitel, ausgefranster Curtain-Cut, strähnig und stumpf. (…) Toter Flaum im Nacken. Die Augen glitschig wie bemooste Steine nach Zurückweichen der Flut.“ Rothko ist im Buch mal 16 Jahre alt und mal 36. Dazwischen passiert viel. Oder auch nichts, wie dann, wenn Rothko Schule schwänzt: „Dey presste sich an das Geländer. Wartete darauf, dass etwas geschah. Nichts geschah.“

Der Roman ist über weite Strecken genderneutral geschrieben. Alternativlos, wenn es um eine Person geht, die sich als non-binär versteht. Für Rothko sind „Ladies. Und Gents“ erschreckende Begriffe. Schwergängig sind die Pronomen dey/demm/deren nur am Anfang, man gewöhnt sich als Leserin schnell an den Duktus. Wer sich darauf einlässt, erkennt: Sprache ist immer auch eine Einladung zur Empathie.

Scham ist das prägende Gefühl im Leben von Rothko

Rothko ist ein Spitzname. Er kommt daher, weil Rothko als Kind ständig rot wurde. „Bis jetzt hatte dey nie so richtig darüber nachgedacht, was es bedeutete, mit einem Namen zu leben, den dey nur bekommen hatte, weil man demm deren Beschämung ansah.“ Scham ist das prägende Gefühl im Leben von Rothko. Scham für den eigenen Körper, aber auch für Mutter Meg, „gebaut wie ein gespaltener Blitz“, „zerklüftet und dürr“, der Rücken „rund und bucklig nach all den Jahren, in denen sie auf harten Böden gehockt und sich über ihr Besteck gekrümmt hatte“. Meg, deren Umarmung sich für ihr Kind anfühlt, „wie von einem verängstigten Tier angesprungen zu werden“.

Es sind solche Sätze, typische Tempest-Sätze, Punchlines, die einen hart treffen und lange begleiten. Dahinter aber liegt Trost, er macht den Sound des Romans. „Ein Leben lang gesucht“ erzählt von der Liebe. Der Liebe zu den eigenen Eltern, zu fremden verwahrlosten Gesichtern auf der Straße, der schwierigen Liebe zu sich selbst. Und von der großen romantischen Liebe, die sich anfühlt, als wäre an einem selbst „gar nichts verkehrt“. Tempest gelingen hier einige der schönsten Sexszenen, die jemals geschrieben wurden. Der Schmerz, „jemanden zu mögen“, zerfließt in der Sehnsucht, „einfach berührt und gehalten“ zu werden „von jemandem, der weiß, wie man einem Körper wie meinem begegnet“.

„Schmerz ist eine entscheidende Energiequelle in meinem Leben“, sagt Tempest. Wenn man als Künstler Zugang zu jener „Alchemie“ habe, die Schmerz in ein Werk für jemand anderen verwandle, dann sei das ein Ausweg aus dem eigenen Trauma und Leid, es könne dem Ganzen Sinn geben. Es ist dieser Gedanke, den Rothko beim Hören von Megs alten Platten hatte.

„Ein Leben lang gesucht“ ist ein Roman, der tief berührt und hinausführt aus dem eigenen in das Leben der anderen. „Manchmal“, sagt Tempest, „brauchen wir einen Weg hinaus aus unseren eigenen Problemen, aus der Klaustrophobie unseres eigenen Kopfes.“ Literatur, Geschichten, Fiktion seien solche Auswege. „Sie haben unser Zusammenleben ermöglicht, seit den Anfängen der Menschheit.“ So wie Tempest schreibt, ist Literatur eine Erinnerung daran, wie viel die Menschen gemeinsam haben. Das zu lesen, tut gut.