Was Sie in der 8. Folge GNTM verpasst haben

Ein Leitsatz der Unterhaltungsbranche lautet: There’s no business like showbusiness. Das sagen zumindest Marilyn Monroe und der Produktplatzierungs-Beauftragte von ProSieben. Denn ein TV-Format wie „Germany’s Next Topmodel“ ist ein budgetintensives Ressourcenspektakel. Während andere Sender kostenschonend ein paar realitätsentrückte Hobbypazifisten in Talkshows setzen und Buzzwords zum Thema Verteidigungsfähigkeit aufsagen lassen, baut Heidi Klum ein Model-Loft von der Größe eines Baumarkt-Parkplatzes in eine leerstehende Büroetage am Potsdamer Platz. Und ein zweites in ein Hafengebäude in Friedrichshain gleich dazu. Denn um sexuell übertragbare Infektionen auszuschließen, werden männliche und die weibliche Modelnovizen zunächst strenger getrennt als meine Sehnsucht nach Weltreisen und die Liquiditätsrealität meines Girokontos.

Verständlich. Niemand möchte, dass GNTM durch hormonindizierte Drucksituationsverarbeitung zum Kopulationsformat verkommt. Und wer zusehen möchte, wie für TV-Wettkämpfe zusammengekommene Kandidaten eine Monatsration Präservative wegkohabitieren, kann ja immer noch „Temptation Island“ gucken. Oder die Olympischen Spiele.

Verbaler Magerquark

Zum Start der Folge werden zur Gegenfinanzierung also zunächst diverse Werbepartner-Verpflichtungen abgearbeitet. Folgerichtig sitzen handverlesene Vorzeige-Demnächstmodels um einen hübsch dekorierten Frühstückstisch und kippen sich gegenseitig Soja-Joghurt in ihre Müslischalen, als könne exzessiver Konsum von Milchersatzprodukten den Nahostkonflikt lösen.

In Brautmode von Kaviar Gauche: Bianca
In Brautmode von Kaviar Gauche: BiancaDaniel Graf/Pro Sieben

Beinahe spürt man beim minutenlangen Produktplatzierungsdesaster, wie überforderte Redakteure um jeden Preis Kontext zum Sendekonzept konstruiert und die Mädchen aufgefordert haben, mal authentisch über ihr neues Modelleben zu philosophieren. Also hockt die quietschfidele Aurélie neben der gottesfürchtig in ihrem Müsli rührenden Teilzeitnonne Nana und fragt die schon um 7.30 Uhr laufstegfähig durchgestylte Merret, wie sie es wohl fände, jetzt in den Top 20 zu sein. Merret findet das „geil“, na sowas, und dann ist die die morgendliche Schlacht um den schönsten verbalen Magerquark zum Glück vorüber.

Die große Castingwoche kann beginnen. „Gagen im fünfstelligen Bereich“ warten, wie Heidi Klum stolz verkündet. Da lacht auch das Querfinanzierungsherz der ProSieben-Chefetage. Denn wer mal einen GNTM-Kandidatenvertrag gesehen hat, ahnt: Fünfstellig für die Teilnehmerinnen: Ja, aber nur hinter dem Komma. Den Rest kassiert der nebenbei als Agentur fungierende Heimatsender.

Vom Hochzeitskleid zur Leggings

Das tut der Komplettbegeisterung im Modelkader keinen Abbruch. Fünf Castings warten auf die jobhungrige Abschlussklasse der Influencer-Festspiele. Das erste führt sie in die Hochzeitswelt von Kaviar Gauche. Was klingt, wie ein Restaurant für kostspielige Meeresfrüchte in Saint Tropez, ist ein Brautmoden-Designerduo, dem bereits glückliche Neuehefrauen wie Supermodel Kim Riekenberg, GNTM-Liebling Trixi Giese oder Moderatorin Johanna Klum ihre Brautkleidversorgung anvertrauten. Und jetzt Daphne. Jedenfalls für die Kameras, denn sie holt die Pole Position zum Casting-Auftakt.

Eher weniger Berührungspunkte mit Hochzeiten hat der zweite Kunde des Abends: Füchse Berlin. Kurz denkt man: Cool, das ist mal ein innovativer Name für ein junges Fashion-Konsortium. Tatsächlich finden sich die Modelazubis dann aber in einer Sporthalle wieder. Statt Haute-Couture gibt es Leggings-Style. Egal, Job ist Job – und den schnappt sich Handballikone Anna.

Wollen den Job: Daphne und Lola
Wollen den Job: Daphne und LolaDaniel Graf/Pro Sieben

Da aller guten Dinge drei sind, zieht die Modelkarawane direkt weiter zu Designer Dawid Tomaszewski. Der hatte zuvor bereits Male-Kandidat Luis ausgewählt und sucht nun zwei Begleitmädchen. Die sollten, da ist man sich im Team Tomaszewski einig: „zu Luis passen“. Potzblitz. Die Fashionbranche ist wirklich immer für eine Überraschung gut. Nach mehreren Fitting-Testrunden stellt Dawid Tomaszewski Luis letztendlich Marlene und Julia zur Seite.

Der zweite Casting-Tag beginnt im ehemaligen Haus des Reisens der DDR am Alexanderplatz. Dort residiert „Sleek“. Das ist „ein Magazin mit so edgy Looks“, wie Fashionjournalismus-Expertin Daphne erläutert. Und auch Juna macht sich Hoffnungen: „Bei Sleek ist es so, wenn mal was nicht so perfekt ist, ist es auch cool!“ Bei Sleek ist die Casting-Entscheidung Chefsache. Herausgeber Christian Bracht erscheint zur Feier des Tages im Zweireiher mit Einstecktuch. Ein schöner Kontrast zum Turnhallenambiente am Vortag.

Sleek ist der Job, den ich am meisten will.“

Das beeindruckt vor allem Kim. Die gab gestern noch zu Protokoll, der Job bei Dawid Tomaszewski wäre die Krönung aller Castingträume, heute ist sie sicher: „Sleek ist der Job, den ich am meisten will.“ Aber no Shame, wie wir jungen Leute aus der Generation Yolo sagen. Wie formulierte schon die Heidi Klum des Fußballs, Sepp Herberger: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“. Den Job möchte allerdings auch Antonia, die mit ausreichend Eigenlorbeeren und einer Art Plan antritt: „Ich weiß, dass ich gut posen kann, also log in!“ Nun ist „Sleek“ leider keine Direktbank, also macht Marlene das Rennen. Jobs bei Tomaszewski und „Sleek“, da dürfte es selbst Heidi Klum schwerfallen, Marlene nicht mit nach Los Angeles zu nehmen.

Beim letzten Casting für „Sports Illustrated“ entstehen derweil logistische Probleme. Nachdem Kim den Modelkader selbstsicher zu einer völlig falschen Adresse navigiert, ist die eher nicht jobfördernde Verspätung kaum noch abzuwenden. Um die Wartezeit für den Kunden nicht überzustrapazieren, springen Lara, Julia und Bianca spontan in ein Taxi. Das kommt nicht bei allen Mitstreiterinnen gut an. Lola etwa diagnostiziert: „Das sind keine Teamplayer!“ Ein ziemlicher Skandal, wo doch für Models bei Castings sonst stets der Teamgedanke im Vordergrund steht.

Großes Hindernis auf dem Laufsteg: Heidi Klum im Rennwagen
Großes Hindernis auf dem Laufsteg: Heidi Klum im RennwagenDaniel Graf/Pro Sieben

Als dann irgendwann auch die S-Bahn-Crew die Castinglocation erreicht, gibt es einen amtlichen Rüffel und anschließend Einzelgespräche. Leider verpasst Lara die legendäre Chance, auf die Frage des Chefredakteurs „was hast du Besonderes?“ mit „ich weiß, was ein Taxi ist und war deswegen nicht zu spät“ zu antworten. Schade. Daphne möchte den Job dringender und weiß auch warum: „Ich liebe die Message von Sports Illustrated“. Welche Message das ist, verrät sie nicht. „Kauft Bikinis!“ vermutlich. Sie überzeugt dennoch, gemeinsam mit Aurélie holt sie den Job.

Als alle Jobs vergeben sind, schlüpfen die Models in die bizarre Glitzerwelt von Designer Kevin Germanier, bei dem jede Robe mehr Bling Bling vereint als alle Schmuckkollektionen der Swarovski-Kristallwelten zusammen. Authentizitätsweltmeisterin Klum kombiniert diese Funkel-Overdose mit Sturzhelmen, Catwalk-Drehscheibe und einem echten Formel-1-Boliden, der aus unerfindlichen Gründen auf dem Laufsteg parkt. Als auch noch Gastjuror Jeremy Scott hinzustößt, kann der Elemination Walk beginnen.

Nach einigen typisch skurrilen Runway-Momenten, in denen Models rückwärtslaufen, falsch abbiegen oder sich beim Absetzen des Helmes beinahe selbst strangulieren, wirft Klum als erstes Marie raus. Für mich unverzeihlich. Allein für ihren Vornamen sollte sie einen Wettbewerbsvorteil haben. Heidi Klum jedoch urteilt: „Nicht genug Giving!“ Da ist er endlich, der kleine Thomas Hayo in ihr. Auf der Heidi-Klum-Wortsalat-Bingokarte hatte jetzt nur noch ein akkurates Plusquamperfekt gefehlt gehabt. Dafür ist aber keine Zeit, denn auch Stella und Dilara müssen als letzte Amtshandlung der Woche noch schnell aussortiert werden.