Start der Paralympics: Der Behindertensport beklagt zu wenig Förderung – Sport

Jörg Wedde hat sich daran gewöhnt, dass er seinen Sport ausübt, wenn andere schlafen. Nicht, dass er es besonders sinnvoll findet, „das ist sportmedizinisch betrachtet Mumpitz“, sagt er. Aber es bleibt ihm seit Jahren nichts anderes übrig. Dienstags um 22.30 Uhr, das ist die Trainingszeit seines Teams, der Ice Lions Hannover, dem deutschen Meister im Para-Eishockey.

Wedde, 60, wird der älteste deutsche Teilnehmer bei den Paralympics in Mailand und Cortina sein, er ist immer noch ein unverzichtbares Mitglied der Nationalmannschaft. Wahrscheinlich gibt es wenige Menschen, die mit so viel eigener Erfahrung von einem Sport sprechen können, der in der Nische noch mal ein Nischendasein fristet. So erklärt sich auch das späte Training: Jenseits der Profiligen ist es in Deutschland schwer, Eiszeiten zu organisieren. Das war schon bei Olympia ein Thema, als es um den Alltag der deutschen Nationalspielerinnen ging. Und das gilt umso mehr für die paralympische Version des Eishockeys, bei der die Athleten in einem Schlitten sitzen und sich mit zwei kurzen Schlägern vom Eis abstoßen.

Dass in den Monaten vor den Paralympics über die schwierigen Bedingungen debattiert wurde, unter denen sich die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft auf die Paralympics vorbereitete, lag aber zunächst an der überraschenden Qualifikation des Teams: der ersten seit 20 Jahren, durch einen unerwarteten fünften Platz bei der Weltmeisterschaft im Mai 2025. Dadurch gehören nun 17 Eishockeyspieler zum insgesamt 40 Athletinnen und Athleten umfassenden Aufgebot der deutschen Delegation. Und so wurde ein Missverhältnis besonders deutlich, auf das der Deutsche Behindertensportverband (DBS) im vergangenen November in einer konfrontativen Mitteilung aufmerksam machte.

„Zu wenig Plätze: Keine gerechte Förderung für den Para-Sport“, schrieb der Verband damals auf seiner Webseite. Kern der Kritik: Während es für olympische Athletinnen und Athleten „rund 1700 Förderplätze gibt bei zuletzt knapp 620 Teilnehmenden“ an Sommer- und Winter-Olympia, stünden im Para-Sport bei rund 200 Athletinnen und Athleten nur 160 Förderplätze zur Verfügung. Gemeint waren dabei jene Plätze, für die die Stiftung Deutsche Sporthilfe Spitzensportlern die höchsten monatlichen Grundbeträge zukommen lässt – zwischen 700 und 800 Euro monatlich.

Zum Vergleich verwies der DBS auf die Situation im Ausland: In Australien entfalle ein Viertel des Leistungssportetats auf den paralympischen Sport, in der Athletenförderung in Frankreich profitiere dieser von 23 Prozent der Förderplätze. In Deutschland, so die Rechnung des Verbands, seien in vielen Bereichen nicht mal zehn Prozent der Ressourcen für den Para-Sport vorgesehen. Aktivensprecherin Mareike Miller folgerte: „Das kann weder Ziel noch Anspruch der durch den Bund und die Stiftung Deutsche Sporthilfe mit vielen Millionen Euro finanzierten Athletenförderung sein.“

Die Sporthilfe erklärt, dass sich das Fördervolumen für den Para-Sport „mehr als verdoppelt“ habe

Bei der Sporthilfe fühlten sie sich zu Unrecht in den Fokus gerückt. Die Stiftung orientiert sich bei der Verteilung ihrer Mittel daran, in welche Kader die Fachverbände der olympischen und paralympischen Sportarten ihre Athleten hierzulande eingruppieren. Grob gefasst unterscheiden die Verbände dabei zwischen Olympia-, Perspektiv- und Nachwuchskadern. Analog bietet die Sporthilfe drei Fördersäulen an: Top-Team (800 Euro monatlich), Potenzial-Team (700 Euro) und Talent-Team (75 Euro).

So ganz geht die Eingruppierung der Athleten in diese Teams aber nicht immer auf. Die Sporthilfe hat ein endliches Budget aus Mitteln von Sponsoren und vom Bund. Zugleich kommen in den Sportverbänden nicht selten neue Olympia- und vor allem Perspektivkaderathleten dazu – zum Beispiel, wenn neue Sportarten ins Wettkampfprogramm stoßen oder die Fachverbände ihre Strukturen ändern. Um der Nachfrage gerecht zu werden, deckelt die Sporthilfe die Top- und Potenzial-Förderplätze. Auch in den olympischen Verbänden erhalten etwa nicht alle Perspektivkaderathleten die Potenzial-Team-Förderung.

Im Fall der Para-Eishockeyspieler war es so, dass die Mannschaft vom DBS zu Jahresbeginn 2025 nicht für die Top-Team-Förderung nominiert war. Eine Aufnahme im laufenden Jahr ist nicht möglich, auch nach einer überraschenden Qualifikation für die Paralympics nicht. Dass es durch die geringe Anzahl an Förderplätzen keine Flexibilität bei der Nominierung gebe, ist der Hauptkritikpunkt des DBS.

Da waren sie plötzlich bei den Paralympics dabei: Die deutschen Spieler jubeln nach einem überraschenden Sieg gegen die Slowakei im Spiel um Platz fünf bei der WM 2025.
Da waren sie plötzlich bei den Paralympics dabei: Die deutschen Spieler jubeln nach einem überraschenden Sieg gegen die Slowakei im Spiel um Platz fünf bei der WM 2025. Micheline Veluvolu/IIHF/OH

Die Sporthilfe wies dagegen darauf hin, dass sich das Fördervolumen für den Para-Sport seit 2019 „mehr als verdoppelt“ habe. Und die Stiftung kam dem DBS mit ein paar weiteren höchsten Förderstellen entgegen, statt 160 sind es nun 168. Zum anderen versuche man „ständig, noch mehr Geld aus der Wirtschaft zu akquirieren“, sagt Sporthilfe-Vorstand Maximilian Hartung. Ohne Hilfe aus der Politik gehe es aber nicht, deshalb habe man unlängst um noch mehr staatliche Mittel schon für das Haushaltsjahr 2026 gebeten, um die monatlichen Fördersummen für Athleten zu erhöhen – ohne Erfolg.

Just vor den Paralympics forderten soeben knapp 200 deutsche Para-Sportler gemeinsam mit der Vertretung Athleten Deutschland, diese Fördersummen im Bundeshaushalt für 2027 zu berücksichtigen. So sollen „mindestens 200“ der höchstdotierten Förderplätze bei der Sporthilfe für Para-Athleten „mehrjährig“ gesichert werden.

Die Eishockeyspieler, die bis Dezember 2025 nur den Talent-Team-Betrag von 75 Euro im Monat bekamen, beziehen nun immerhin seit Jahresanfang 2026 700 Euro. Für die Spieler war das einerseits eine schöne Neuigkeit, „das hatten wir vorher noch nie“, sagt Wedde, der Routinier des Teams. Es hilft zum Beispiel, das Material für den Sport zu finanzieren: Etwa 1600 Euro teuer ist ein Schlitten, auch die Schläger kaufen die Spieler selbst, mit rund zweieinhalbtausend Euro Kosten rechnet Wedde pro Jahr.

Die gemeinsame Vorbereitung fand an einem halben Dutzend Wochenenden statt

Andererseits kam die Förderung im Januar für die Spieler zu spät, um mit ihren Arbeitgebern über eine Reduzierung der Arbeitsstunden sprechen zu können und das Pensum fürs Training zu erhöhen. Die gemeinsame Vorbereitung fand an einem halben Dutzend Wochenenden statt, viel mehr Zeit blieb dem neuen Trainer Peter Willmann nicht, um dem Team seine Ideen zu vermitteln.

2006, bei der bislang letzten Paralympics-Teilnahme des Teams, war das noch anders, sagt Wedde. Damals habe sich ein Sponsor gefunden, um ein Höhentrainingslager in Colorado zu finanzieren, wo sich das deutsche Team zeitweise gemeinsam mit der US-Nationalmannschaft vorbereitete. Bei den Spielen in Turin kam beinahe eine Medaille heraus, Deutschland wurde nach einer Niederlage gegen die USA im Spiel um Bronze Vierter.

Inzwischen sind die USA, zweiter Vorrundengegner der Deutschen in Mailand, um „zwei Klassen“ enteilt, wie Trainer Willmann sagt. Und auch China, der Auftaktgegner am Samstag (13.35 Uhr) und Weltmeisterschaftsvierter, müsse man wohl eine Klasse besser einschätzen. Dritter Gruppengegner ist Gastgeber Italien. Was diesmal besser sei als vor 20 Jahren? Zum Beispiel, dass es von allen Spielen Livestreams geben wird, sagt Wedde. Es geht schließlich nicht nur um Ergebnisse, sondern um Werbung für ihren Sport. Damit sich in Zukunft vielleicht mehr Eishallenbetreiber finden, die dem Para-Sport ihr Eis bereiten – oder sogar, aktuell noch die absolute Ausnahme, barrierefreie Bedingungen für die Sportler schaffen.

Ganze vier Eishallen in Deutschland kann Wedde aus dem Kopf aufzählen, in denen man barrierefrei von der Bank aufs Eis kommt und die Bande transparent ist. Nur dann können Auswechselspieler oder jene auf der Strafbank aufs Eis schauen. Die Regel ist eher, dass die Auswechselspieler das Eis nicht verlassen, sondern am Rand parken.

Werbung für den Sport, das bedeutet für die deutschen Para-Eishockey-Nationalspieler im Idealfall auch, dass sie ein paar mehr werden. Bei den aktuell fünf Vereinen der Deutschen Para-Eishockey-Liga würde „jeder genommen, der kommt“, um nach einem Unfall Sport zu treiben, sagt Wedde: „Manchmal denke ich, wir könnten allein schon deshalb Geld vom Staat bekommen, weil wir den Leuten wieder Lebensmut geben und einen Psychotherapeuten ersetzen.“

Wedde selbst hat im Alter von zwölf Jahren bei einem Bahnunfall seine Beine verloren. Lange, sagt er, habe er keinen Sport gefunden, der ihn interessierte. Bis er vom Para-Eishockey erfuhr. Seine Sportlerkarriere, die im Alter von 60 Jahren noch nicht vorbei ist, begann er mit 37.