Lightphone: Das Smartphone, Dein Feind und Helfer


Wenn eines Tages Aliens die Erde besuchen, Außerirdische aus einer fernen und intelligenteren Galaxie, dann würden sie wahrscheinlich vor allem eines wissen wollen: Wer kontrolliert all die Menschen? Schließlich trägt fast jeder diese kleinen Geräte mit sich herum, die die ganze Zeit mit irgendetwas oder irgendwem Verbindung aufnehmen. Mit einer höheren Macht vielleicht, die die ganze Menschheit im Griff hat?

Es ist ein netter Abschlussscherz einer halbstündigen Diskussion zum Thema Smartphonesucht – ausgerechnet von einem Mobiltelefonhersteller und ausgerechnet auf der wichtigsten Mobilfunkmesse der Welt, dem MWC in Barcelona. Die Diskutanten sind sorgfältig ausgewählt und keine Technologiefeinde. Das machen sie gleich zu Beginn klar. Sie stellen aber auch fest: So, wie es ist, sollte es nicht weitergehen.

Aaron Paul sitzt auf dem Podium in seiner Rolle als „Advokat für digitales Wohlbefinden“. Einem breiten Publikum ist er freilich aus einer ganz anderen Rolle bekannt. In der Erfolgsserie „Breaking Bad“ rund um den harmlosen Chemielehrer Walter White, der sich zum skrupellosen Drogenboss entwickelt, spielte er vor Jahren dessen sensiblen Helfer Jesse Pinkman. Paul gab die Filmfigur so überzeugend, dass er drei Emmys als bester Nebendarsteller in einer Dramaserie erhielt. In Barcelona versucht er das Pu­blikum – sämtlich Techprofis – zu überzeugen, dass weniger Smartphone mehr ist.

Pausetaste mit dem „Dummtelefon“?

Das ist auch das Mantra von Kaiwei Tang, einem der Gründer des Mobiltelefonherstellers Light. In Wirklichkeit ist sein Lightphone kein echtes Smartphone, sondern das, was auf Englisch „Dumb­phone“ heißt, also ein „Dummtelefon“ oder freundlicher formuliert: ein relativ einfaches Handy mit wenigen Grundfunktionen. Immerhin: Inzwischen ist die dritte Auflage des Gerätes auf dem Markt, es besitzt eine 50-Megapixel-Kamera und NFC-Funk, damit der Besitzer bezahlen kann.

Die Leiterin der Podiumsdiskussion, die frühere CNN-Nachrichtenmoderatorin Lai­la Harrak, gibt den Ton für die nächsten 30 Minuten vor: „Sie sind in jeden Teil unseres Lebens eingebettet. Sie lassen uns nie los. Wie können wir die Kontrolle zurückgewinnen?“ Und seien vielleicht die Zuhörer im Raum schon bereit dafür, „die Pausetaste zu drücken“?

Schauspieler und Produzent Paul hat sie bereits gedrückt. Als er seinen ersten Computer bekam, vor 15 oder 16 Jahren, sei der gestohlen worden. Nach diesem „niederschmetternden“ Erlebnis habe er sich nie wieder einen zugelegt. „Mir ist klar geworden, wie viel mehr Zeit ich jetzt zur Verfügung habe. Ich habe nie zurückgeschaut.“ Paul beschreibt sich dementsprechend als „analogen“ Menschen – und das sei wohl eher selten.

„Niemand achtet auf seine Umgebung“

Wie selten das ist, beklagt Handyproduzent Kaiwei Tang. „Wenn man mit der U-Bahn fährt – wir leben in New York –, sieht man, dass zehn von zehn Menschen auf ih­rem Smartphone herumtippen. Niemand achtet auf seine Umgebung.“ Aaron Paul berichtet aus dem Bekanntenbereich, was das Gerät dort angerichtet habe. In einer befreundeten Familie seien die Tochter und ihr jüngerer Bruder immer ein Herz und eine Seele gewesen. Bis die junge Dame mit zwölf ein Smartphone bekam. „Jetzt interessiert sie sich nicht mehr für ihren jüngeren Bruder, weil sie über ihr Gerät mit allen in Verbindung steht und einfach die Person vergessen hat, mit der sie zusammenlebt.“ Die Eltern seien deshalb der Meinung, dass der Tag, an dem sie das Gerät erhielt, der schlimmste Tag im Familienleben gewesen sei.

Immer wieder fällt in Barcelona das Wort von der Smartphonesucht. Die Geräte seien dazu gebaut, süchtig zu machen, findet Paul. „Ich bin nicht gegen Techno­logie, aber ich will nicht in ihr ertrinken“, schiebt er nach. „Technologie ist ein Werkzeug.“ Das ist das Stichwort für Fachmann Tang. Elektronik müsse sein wie ein Hammer oder Schraubendreher. Man nimmt ihn, erledigt die Arbeit, und legt ihn wieder zurück. Man beschäftige sich schließlich auch nicht fünf Stunden mit dem Hammer, auf dass der Hammerproduzent damit Geld machen kann. Freundliches Lachen im Publikum.

Tang hat auf diesem Podium leichtes Spiel. Werbung in eigener Sache ist nicht verboten, und er nutzt die Gelegenheit. Man setze auf ein eigenes Nutzer-Interface und ein eigenes Betriebssystem. Man designe und baue alle Tools eigenständig, stelle damit sicher, dass es keine Werbung und kein Datensammeln gebe, um damit Profit zu machen. Wenn jemand von A nach B wolle, dann zeige man ihm den Weg – fertig. Danach gebe es keine Hinweise auf den besten Coffeeshop oder Reklame für das nächste Restaurant. „Lightphones sind so konstruiert, dass man sie so wenig wie möglich benutzt.“

Bisher ist der Erfolg begrenzt

Ganz allein auf dem Markt ist Tang nicht mit dieser Philosophie. Vor einigen Jahren präsentierte der Hersteller Palm eine neues, sehr kleines Smartphone, dessen Bildschirm kleiner war als der des ersten iPhones. Es war konzipiert als leicht zugänglicher Begleiter, damit Kunden nicht immer ihr großes Gerät aus der Tasche ziehen mussten. Palm ist kein Unbekannter: Mit den Palm-Pilot-Modellen hatte die Marke um die Jahrtausendwende ei­nen Smartphonevorgänger präsentiert.

Die neue Idee dagegen kam nicht an. Palm-Phones waren schnell ein Fall für die Technikgeschichtsbücher. Heute suchen neben sogenannten Featurephone-Produzenten weitere Unternehmen wie der polnische Anbieter Mudita mit dem Versprechen der Einfachheit nach Kunden – mit mehr oder weniger großem Erfolg. Schon deshalb dürfte der Markt begrenzt sein, weil nur wenige auf die Annehmlichkeiten voll ausgestatteter Smartphones verzichten wollen. Und es sind weit mehr als nur Annehmlichkeiten. Wer etwa den Mobile World Congress in Barcelona besuchen will, schafft das nicht ohne: Die obligato­rische Voranmeldung läuft inzwischen nur noch über diese Geräte.

Die „Weniger Smartphone“-Werber Aaron Paul und Kaiwei Tang plädieren unterdessen für Sparsamkeit, nicht für einen völligen Verzicht. Vielleicht einfach mal das Gerät sonntags beiseitelegen, rät Aaron Paul. Und es natürlich auf keinen Fall mit ins Schlafzimmer nehmen, stattdessen im Bad aufladen. Tang sagt: Die Angst, nicht ohne Smartphone auskommen zu können – die sich zum Beispiel in einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom widerspiegelt, wonach 87 Prozent der Befragten angeben, nicht mehr ohne leben zu können –, sei eigentlich grundlos. Vieles lasse sich auch ohne erledigen. Aber selbst die eigenen Kunden hätten größte Bedenken, räumt Tag ein – Bedenken, etwas zu verpassen, Bedenken vor der Langweile ohne Smartphone. „Wir können keine fünf Sekunden Langeweile mehr ertragen. Aber es ist okay, einfach dazustehen und in der Schlange im Geschäft auf das Bezahlen zu warten.“ Langeweile sei vielmehr etwas Tolles, eine Inspiration.

Ob Paul und Tang mit ihren Argumenten durchdringen? In Deutschland zu­mindest nicht. Dem Bitkom zufolge kann von einem „Dumbphone“-Comeback bei Jüngeren keine Rede sein: Von jenen unter 30 Jahren nutzen nur zwei Prozent ein herkömmliches Handy. Entsprechend groß sei die Bedeutung von Smartphones im Alltag.

Allerdings, und das räumt selbst die Digitallobby ein, gebe es auch „Schattenseiten der ständigen Begleitung“. 60 Prozent werden demnach unruhig, wenn sie längere Zeit keinen Zugriff auf ihr Gerät haben. 57 Prozent erleben es nach eigenen Angaben zu oft, dass sie einen Moment nicht genießen, weil sie aufs Smartphone schauen. „Diese Zahlen sind alarmierend. Wir dürfen vor lauter Smartphone die Schönheit der echten Mo­mente nicht aus den Augen verlieren“, so der Bitkom. Ob die Appelle fruchten? In Barcelona ist man skeptisch: „Wir fühlen uns alle schrecklich und machen trotzdem weiter“, sagt Tang.