Der Münchner Nockherberg, das dort alljährlich stattfindende „Derblecken“, also Verspotten von Politikern durch einen sogenannten Fastenprediger, ist eine ernstzunehmende bayerische Angelegenheit. Deswegen war es auch ein Politikum, als die veranstaltende Paulaner-Brauerei im Sommer ankündigte, dass der bisherige Prediger Maxi Schafroth den im Saal versammelten Politikern künftig nicht mehr die Leviten werde lesen dürfen.
Die Vorbehalte gegen ihn waren mehrschichtig. Insbesondere die CSU fühlte sich ungerecht behandelt. Das konnte spüren, wer sich im vergangenen Jahr nach der Bühnenshow unter die gerade derbleckten Politiker mischte. Als Opfer wollten sich die Betroffenen natürlich nicht verstanden wissen, schon weil es zum bayerischen Selbstverständnis gehört, Nehmerqualitäten zu beweisen. Es hieß daher, Schafroth sei viel zu düster gewesen. Er, ein Linker und Allgäuer noch dazu, habe den bayerischen Humor nicht verstanden. Dieser ist in der Tat dafür bekannt, den Attackierten immer noch einen Ausweg zu lassen, und sei es den, zu glauben, es sei ja alles nicht so ernst gemeint gewesen.
Sein Nachfolger ist Stephan Zinner, Kabarettist wie Schafroth, aber zumindest ein Oberbayer und in Film- und Fernsehenrollen als Pfarrer und Metzger unterwegs. Zinner ist ein alter Bekannter auf dem Nockherberg, weil er dort im „Singspiel“, das traditionell auf das Derblecken folgt, jahrelang Markus Söder in dessen Sturm-und-Drang-Phase verkörpert hat. Er tat das in einer so lendenlockeren Weise, dass Söder in seinem sowieso schon ausgeprägten Glauben bestärkt wurde, dass er selbst größtes komödiantisches Potential habe.
Wer über sich lacht, zeigt Größe. Oder?
Gleich zu Beginn seiner Fastenpredigt zeigt Zinner, dass er sich dieses komplexen Kontexts bewusst ist. Er finde, dass vom Derblecken „ein positives Signal nach draußen in die Republik gehen kann“, sagt er, in starkem Dialekt. „Wir können zeigen, dass wir über uns selbst lachen können.“ Wird es heute also wieder lustiger? Lässt Zinner, bei aller satirischeNn Dekonstruktion, doch wenigstens durchschimmern, dass die Bayern einfach die Geilsten sind? Auch dafür liefert er gleich zu Beginn Anhaltspunkte: „Wer über sich selbst lacht, der tritt einen Schritt zurück und schaut von außen auf sich und das, was er tut, und der zeigt Größe.“ Das sei durchaus mal eine bayerische Stärke“ gewesen.“
Es lässt sich erst einmal lebenslustig an: In Anspielung auf den Berliner Bürgermeister und Tennisaficionado Kai Wegner (CDU) sagt Zinner, in der Hauptstadt mache man „während der Arbeitszeit gern einmal was anderes, da ist man zum Beispiel damit beschäftigt, dass der Slice besser übers Netz fliegt und nicht wie man die Leut‘ wieder schneller ans Netz kriegt.“ Da lacht auch Berlin-Spötter und Tennisspieler Söder – Spezialität Slice – herzhaft. Schließlich könnte der Witz auch von ihm stammen. Dito, wenn Zinner sagt, dass man Söder kaum vorwerfen könne, dass dieser eher selten im Landtag auftauche. „Als bayerischer Ministerpräsident hat man zu tun. Da muss man sich unter Umständen auch mal ein benachbartes Bundesland anschauen, das man annektieren möchte.“

Doch dann – au weia! – fängt Zinner an, den früheren CSU-Chef Erwin Huber offenbar ernsthaft zu loben, über den Söder sich immer wieder wegen dessen angeblicher Nähe zu grünem Gedankengut lustig gemacht hatte. Huber habe bei einem Besuch der grünen Landtagsfraktion im vergangenen Jahr doch „super Sachen“ gesagt, so Zinner: Etwa: „Meister am Stammtisch dürfe nicht derjenige mit den dümmsten Sprüchen sein!“
Zinner ist sich schon bewusst, was im Saal vor allem von ihm erwartet wird: „Wird gleich wieder lustig“, sagt er an einer Stelle. Er kriegt auch immer wieder die Kurve, etwa, als er von zwei Social-Media-Satelliten im Social-Media-Kosmos der CSU spricht, wobei „Doro Bär Two“ plötzlich höher schwebe als erwartet. „Nicht dass die Bodenstation in München noch nervös wird und sie mit einem Kompliment abschießt.“
Das perfekte Bayern wird regiert von Ilse Aigner im Suff
Und doch kommt Zinner immer wieder mit Nachdenklichkeiten um die Ecke. Er macht das nicht so bitter und scharf wie Schafroth, aber eben auch nicht so, dass es allzu viele Lacher gäbe, die im Hals steckenbleiben könnten. Am ehesten ist das noch der Fall, als er Ilse Aigner als Ministerpräsidentin eines idealen Bayerns imaginiert, im Suff. Da bleibt zumindest einem im Saal das Lachen im Halse stecken, schon weil der Rest allzu laut gelacht hat. In Bayern waren die Grenzen zwischen Politik und Humor schon immer fließend, mindestens seit Franz Josef Strauß. Aber keiner hat die Ununterscheidbarkeit mit so viel Inbrunst vorangetrieben wie Söder, zuletzt wieder beim politischen Aschermittwoch. Es würde nicht wundern, wenn er auch jetzt nach der Fastenpredigt Zinners gedacht hätte: Alles muss man selber machen.
Im Singspiel ist es dann ja auch wirklich so, dass die Politiker höchstselbst auf der Bühne stehen, interpretiert zwar von Schauspielerin, aber etwa im Fall der bayerischen Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (Judith Toth) vom Original nur mit dem Mikroskop zu unterscheiden. Einerseits handelt das Stück von der Heldenreise des Drachentöters Friedrich Merz (David Zimmerschied), der sich allerdings eher wie ein Ritter von der traurigen Gestalt ausnimmt. Andererseits geht es aber auch um das Wesen des Nockherbergs selbst.

Einer der Maßstäbe, nach denen in Bayern Politiker beurteilt werden: Ob sie im Singspiel eine Rolle, womöglich sogar ein Lied bekommen. Kaniber ist nun schon das dritte Jahr hintereinander dabei. Und zwar als lebenslustige Fleisch- und Wurstlobbyistin, immer besorgt, dass ihr geliebter Markus (Thomas Unger) nicht ins „Unterfett“ rutscht, was nebenbei zeigt, dass Söders Fleischfimmel sachpolitisch natürlich lächerlich ist, aber eben auch ganze Figuren und halbe Stücke trägt. Kaniber singt: „Bei mir weiß ich selber gar nicht,/warum ich grad hier oben bin/Liegt das nur an den faden Kollegen?/Oder an der tollen Schauspielerin?“ Ilse Aigner war die vergangenen Jahre jedenfalls nicht auf der Bühne.
Söder als Blödelbarde darf nicht nur singen, sondern sich selbst auch auf der Gitarre begleiten. „Ich sing nur zur Unterhaltung, Fakten passen da nicht recht/Denn am Schluss muss die Moral sein: Söder ist ein toller…“ Hier ergänzt Hubert Aiwanger (Stefan Murr): „Aal“. Von Neid auf den noch größeren Maulhelden zerfressen, erschafft der Freie-Wähler-Chef einen dämonischen Snack in Gestalt einer Leberkässemmel, der Söder natürlich nicht widerstehen kann. „Wer da hineinbeißt, der ist zur ewigen Ernsthaftigkeit verdammt“, so Aiwanger. Da werde Söder sich umschauen, „wenn er bei seinen Bierzeltreden nicht mehr so fidel daherreden kann“. Söder beißt hinein. Und sagt fortan lauter ernste Sachen wie: „Ist die schlechte Laune wirklich unser größtes Problem? Was hätt ich alles hinkriegen können? Wohnungen, Integration, Windräder, mehr Lehrer. Aber nein, ich hab leider meine Regierungszeit vertändelt. Mit leichtem Polit-Entertainment! Ab jetzt gehe ich den Weg einer neuen Ernsthaftigkeit.“
Von dem Moment an ist Söder auf der Bühne mehr oder weniger abgemeldet. Stattdessen kommt etwa der wieder eingeführte Alexander Dobrindt (Wowo Habdank) gut an; die Autoren und Regisseure des Singspiels, Stefan Betz und Richard Oehmann, haben ihm insbesondere den gefühlsneutralen Sprachduktus sehr genau abgeschaut. Es brillieren der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (Gerhard Wittmann) mit einem Lied, das seine ostentative Bocklosigkeit am Lenken der Geschicke schön zum Ausdruck bringt („des gschissene Glockenspiel“). Und natürlich Kaniber und die Grüne Katharina Schulze (Sina Reiß), die sich in einem Duett darum streiten, was eher vom Aussterben bedroht ist: Tierarten in der Freien Wildbahn (Schulze) – oder Tierarten auf der Speisekarte (Kaniber). Dass eine Windmaschine die Haare der Landwirtschaftsministerin verweht, als sie das Aussterben des sauren Lüngerls beweint, ist nicht der einzige gute Regieeinfall an diesem Abend.
Am Ende finden die wackeren Recken um Merz doch noch einen Drachen, der es lohnt, erlegt zu werden. Es ist der Drache der schlechten Laune, der sich anhand seiner defätistisch-derben Ausdrucksweise zwanglos mit bekannten bayerischen AfD-Politikern in Deckung bringen lässt. Dass Merz, Reiter, Kaniber, Bärbel Bas (Nikola Norgauer) und Co. ihn mit vereinten Kräften und rechts wie links guter Laune besiegen, zeigt, dass Ernst und Spaß an der Sache doch zusammengehen können. Und dass eine blutverschmierte Kaniber nicht einmal davor zurückschreckt, Würste aus dem Drachen zu machen, lässt sogar daran glauben, dass sich der Schutz der bayerischen Heimat und die Diversität auf der Speisekarte durchaus zusammendenken lassen.
