

Das Letzte, was Zahra Mohseni von ihrem Heimatland Iran sieht, bevor sie am Montagabend die Grenze zur Türkei überquert, ist ein Zettel mit der Mahnung: „Sprechen Sie nicht mit den Feindmedien.“ Der Zettel hängt am Ausgang der iranischen Passkontrolle. Unmittelbar hinter der Grenze sieht sie dann die Kamerateams der „Feindmedien“ aus aller Welt: Der Exilsender Iran International ist da, der persischsprachige Kanal der BBC auch.
Mohseni, die in Wirklichkeit anders heißt, ist am Montag um vier Uhr morgens mit dem Taxi in Teheran losgefahren. Zwölf Stunden später erreicht sie den Grenzübergang Razi nahe der osttürkischen Stadt Van und meldet sich per Telefon. Der Taxifahrer sei bestens gelaunt gewesen, erzählt sie. „Er ist so glücklich, dass Khamenei tot ist, und glaubt, dass das Regime bis zum Neujahrsfest (am 21. März) weg ist.“ Mohseni glaubt das nicht. „Aber wer weiß das schon.“
Als die Nachricht vom Tod des Obersten Führers im Fernsehen verkündet wurde, habe ihr ganzes Viertel vor Freude laut geschrien. Aber niemand habe sich auf die Straße getraut, wegen der Regimekräfte. „Khamenei hat unser Leben zerstört“, sagt sie. Es sei „ein bizarres Glücksgefühl“ gewesen, inmitten des Bombenhagels.
Auch die Preise machen den Menschen zu schaffen
Die junge Frau gehört zur Teheraner Mittelschicht und ist ausgereist, um in Italien zu studieren. Normalerweise wäre sie geflogen. Doch der Luftraum ist gesperrt. Am Grenzübergang seien nur wenige Iraner gewesen, sagt sie. Einige hätten stundenlang warten müssen, weil das Computernetzwerk der iranischen Grenzbehörde ausgefallen sei. Von einer Fluchtwelle ist Mohseni zufolge bisher nichts zu sehen. Jedenfalls nicht aus dem Land heraus.
Mohsenis Schwester wohnt in der Nähe der angegriffenen Regierungsgebäude. Die Druckwelle habe sie zu Boden geworfen, alle Fensterscheiben seien zerborsten. Die Schwester habe minutenlang nicht sprechen können, sagt Mohseni. In der Folge ist die Familie noch am Samstag aus Teheran in den Norden des Landes geflohen. Am Kaspischen Meer, wo sie jetzt sind, seien die Lebensmittel teurer als in Teheran. Das mache ihrer Familie zu schaffen. „Und wir gehören zur Mittelschicht. Stell dir vor, was das erst für andere bedeutet.“ Alle fünf Personen, mit denen die F.A.Z. für diese Geschichte kommuniziert hat, sprechen neben dem Krieg auch über die hohen Preise, die ihnen zu schaffen machen.
Ein Mitarbeiter einer staatlichen Petrochemiefirma meldet sich schriftlich über den Messengerdienst Telegram. Er sei mit Frau und Kleinkind aus Teheran geflohen, obwohl sein Unternehmen Präsenzpflicht angeordnet habe. „Der Direktor wollte uns zwingen zu bleiben. Er hat verkündet, dass wir (trotz der nationalen Trauertage wegen Khameneis Tod) nicht schließen, weil wir hinter dem Regime stehen müssen.“ Das technische Personal arbeite weiter im Schichtdienst. Der Mann macht sich große Sorgen über die Zukunft. „Selbst wenn es einen Regimewechsel gibt, wird es Jahre dauern, bis eine neue Führung die Lage in den Griff bekommt.“ Er fürchtet bürgerkriegsähnliche Zustände wie nach der Revolution von 1979. Um seinen Job macht er sich keine Sorgen, auch wenn er davon ausgeht, dass im Fall eines Regimewechsels viele staatliche Stellen neu besetzt würden. „Ich arbeite in einem Spezialgebiet. Es wird schwer sein, Leute wie mich auszutauschen.“
Viele fragen sich, was vom Land übrig bleibe
Ein Fotograf aus Teheran berichtet über Telegram, es sei ihm schwergefallen, die Hauptstadt zu verlassen. „Ich hätte gern die historischen Momente mit meiner Kamera aufgenommen.“ Wegen seiner Eltern sei er trotzdem geflohen. Das Haus der Familie liege in der Nähe eines Militärgeländes. „Es war klar, dass wir dort nicht bleiben können.“ Sie quartierten sich im Haus des Großvaters im Westen des Landes ein. „Hier gibt es keine Angriffe, aber wir sehen von Zeit zu Zeit Raketen am Himmel.“ Auch seine Tante hat mit ihrer Familie Zuflucht in dem Haus gesucht. „Für mich bedeutet das jeden Tag politische Diskussionen mit Leuten, die keine Ahnung haben und noch nie ein Buch gelesen haben“, sagt er. Die Tante ist Monarchistin und unterstützt eine Machtübernahme durch den früheren Kronprinzen Reza Pahlavi.
Der Fotograf ist ein Linker und hofft auf eine Republik. Die amerikanisch-israelische Militäroperation lehnt er ab. „Natürlich bin ich froh, dass Khamenei tot ist, aber ich gehe davon aus, dass die Islamische Republik mit kleinen Änderungen überleben wird.“ Aber niemand wisse, was vom Land noch übrig sein werde, wenn der Krieg vorbei sei. Verwandte, die sich noch am ersten Kriegstag über seine Ängste lustig gemacht hätten, fragten inzwischen selbst besorgt, wie lange der Krieg noch dauern werde. „Ich habe Angst, dass mein Haus nicht mehr steht, wenn ich zurückkomme.“
Ein anderer Mitarbeiter aus der privaten Ölindustrie erzählt, wie er erst seinen Wellensittich bei einem Nachbarn unterbringen musste, bevor er die Stadt verlassen hat. Er sei bei einem Freund untergekommen und mache sich Sorgen, dass er diesem zur Last falle. Wenn der Krieg noch lange weitergehe, wolle er nach Teheran zurückkehren, weil er fürchte, seinen Job zu verlieren. „Unter diesen Bedingungen werden die Umsätze einbrechen, und sie werden Mitarbeiter entlassen.“
Der Mann ist beunruhigt über Äußerungen des amerikanischen Verteidigungsministers. Pete Hegseth habe gesagt, Amerika strebe keinen Regimewechsel an. „Wenn das Land schon bombardiert wird, sollte wenigstens das Wort ‚Islam‘ aus der Staatsbezeichnung Irans gestrichen werden.“ Stattdessen fürchtet der Mann, „dass nicht nur das Land ruiniert ist, sondern wir von noch extremeren Leuten regiert werden“. Als einen Hinweis auf eine Verhärtung bezeichnen viele die Ernennung des verhassten früheren Innenministers Ahmad Vahidi zum neuen Befehlshaber der Revolutionsgarde. Optimistischere Stimmen hoffen darauf, dass der frühere Präsident Hassan Rohani eine Annäherung an den Westen erreichen kann. Aber er hat derzeit keine offizielle Funktion.
Die Leute informieren sich über das Satellitenfernsehen
Eine Familie in Teheran verbringt die meiste Zeit des Tages im Erdgeschoss ihres Hauses unter der Treppe. Dort, wo sie sonst ihre Schuhe lagern, sitzen sie jetzt zu siebt mit zwei Katzen auf wenigen Quadratmetern. Sie haben ein Foto geschickt. Auf dem Boden haben sie ein Tuch ausgebreitet, darauf liegen Fladenbrot, Butter, Käse und Honig fürs Frühstück. Neben den eigentlichen Bewohnern ist noch eine Freundin mit ihrem Ehemann dabei. Die beiden sind gekommen, weil ihr eigenes Haus in der Nähe militärischer Einrichtungen liegt. Sie alle schlafen jetzt nicht mehr in ihren Betten, sondern zusammen auf dem Boden in einem Raum neben der Tür. Sie wollen sichergehen, dass keiner abhandenkommt, falls das Haus getroffen wird und Chaos ausbricht.
Das Zusammensein hilft auch gegen die Angst, sagen sie. Weil es keinen Luftalarm in Iran gibt, warnen sich die Leute gegenseitig per Telefon, wenn sie Raketen am Himmel sehen. Den Leuten in Teheran hilft es, wenn sie Anrufe aus weit entfernten Städten bekommen, die ihnen rechtzeitig vor dem Einschlag Bescheid geben.
Wenn sie Verwandte im Ausland anrufen, versuchen sie zuversichtlich zu klingen. „Mach dir keine Sorgen“, sagen sie. „Wir hoffen, dass es bald vorbei sein wird.“ In Wirklichkeit nagt die Unsicherheit an ihnen. Anrufe ins Ausland sind möglich. Das Internet ist dagegen nur mit spezieller Software zugänglich und auch dann nicht stabil. Ihre Informationen bekommen die Leute über das Satellitenfernsehen. Untereinander erinnern sie sich jetzt daran, dass sie mit Warnungen vor einem Angriff der Vereinigten Staaten aufgewachsen sind. So oft haben sie es gehört, dass sie schon nicht mehr glaubten, dass es je passieren würde.
