Erster immersiver Lernraum in Deutschland: So lernen Schüler in 3D in Hanau

Erst streifen die Viertklässler, drei Mädchen, drei Jungs, durch die Straßenschluchten einer virtuellen Großstadt, dann lösen sie ein Quiz im Kahoot-Stil zu sozialen Medien. Gerade versuchen sie, echte Bilder von Fakes zu unterscheiden. Die Hanauer Robinson-Schüler sind mit Feuereifer bei der Sache: „Macht Spaß“, sagt ein Mädchen, das zuvor gerade gelernt hat, dass man im Netz seinen Namen besser für sich behält, und deswegen wird er hier auch nicht genannt.

Die sechs erleben eine Premiere: „Kathinkas virtuelle Welt“, so heißt der Hightech-Würfel im Kulturforum Hanau, ist der erste sogenannte immersive Lernraum in Deutschland: „Eine 3D-Brille zum Reingehen“, sagt Marco Schmitt von den Vereinigten Spezialmöbelfabriken“ (VS), die viel mehr herstellen als Stühle für Klassenzimmer. Die Illusion funktioniert. Wer Notizen machen will, während um ihn herum die virtuelle Welt rotiert, ringt um seine Standfestigkeit.

Auch Google gibt Geld

Immersion bezeichnet in der Welt der Informatik das Eintauchen in eine virtuelle Welt, und die entsteht im zweiten Stock des Kulturforums Hanau durch 270-Projektionen, Lautsprecher, berührungsempfindliche Leinwände und einen Rechner zur Steuerung des Systems. Die Bedienung ist ziemlich selbsterklärend. Tatsächlich soll der Lernraum autonom, ohne Anleitung benutzt werden können – und das funktioniert bei den sechs Schülern auch so, wie es soll. Noch mehr digitale Medien in der Schulbildung? Man befinde sich in einem neuen Computerzeitalter, sagt Sarah Henkelmann-Hillebrand, mit dessen Technik man in die Lerninhalte eintauchen könne, „gemeinsam, nicht jeder vor seinem eigenen Bildschirm“.

Durch die Installation des Lernraums besteht hier in Hanau fortan die Möglichkeit, sich mitten ins Sonnensystem beamen zu lassen und so mehr über den Weltraum und die Planeten zu erfahren. Oder nachzuverfolgen, wie eine Plastiktüte überhaupt ins Meer gelangt. Somit wird gezielt und fächerübergreifend das selbständige und eigenmotivierende Lernen in den Fokus gerückt.

Lernraum: Kathinkas virtuelle Welt steht in der Stadtbibliothek.
Lernraum: Kathinkas virtuelle Welt steht in der Stadtbibliothek.Lando Hass

Die Technik ist das eine, der „Content“ ist das andere. Neben schon bestehenden Inhalten wie zum Beispiel zu sozialen Medien werden für Hanau auch eigene Themen aufbereitet. Möglich wird das durch eine Software, in der die Filme mit Rundumsicht entwickelt werden können. Zusammen mit dem Umweltzentrum ist schon die Lernreise mit der Robbe Kari entstanden.

Von Hanauer Themen bis ins Sonnensystem

Bei der geht es zum Beispiel darum, was Mikroplastik in der Nordsee mit einer Tüte in der Kinzig, die bei Hanau in den Main mündet, zu tun hat. „Wir wollen Hanau-spezifischen Content“, sagt Ralf Schlosser von der Stiftung. Daher stehe man zum Beispiel in Gesprächen mit der Jüdischen Gemeinde. Thema soll die zerstörte ehemalige Synagoge werden, an die seit Kurzem ein Denkmal an der ehemaligen Judengasse, der heutigen Nordstraße, erinnert.

Langfristig angelegt ist eine Kooperation mit den Museen. Anhand von alten Plänen aus dem 19. Jahrhundert soll das Hanau dieser Zeit virtuell wiederentstehen, nachdem die alte Stadt im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs untergegangen ist. Aber neben den lokalen Themen kann man sich im Lernraum auch in weite Fernen versetzen lassen. Zum Beispiel in das Sonnensystem oder mit Kari eben in die Ozeane. Ein niedrigschwelliger Zugang auch zu komplexen Themen werde möglich, heißt es von der Stiftung. Die Informationen sollen „emotional, spielerisch und interaktiv“ vermittelt werden.

Mit den ersten Angeboten zielt die Stiftung auf Schüler, aber grundsätzlich  gibt es keine Altersgrenze, und laut Henkelmann-Hillebrand auch Möglichkeiten jenseits der Bildung. In Finnland zum Beispiel werde die Technik auch für Well-Being-Räume verwendet. Ihr Hinweis auf die Nordeuropäer zeigt, dass Kathinkas virtuelle Welt zwar ein Novum für Deutschland ist, aber durchaus seine Vorbilder hat. So wird als Beispiel Italien genannt, dort gebe es schon Hunderte dieser Hightech-Lernräume. In Deutschland, sagt Henkelmann-Hillebrand, dauere es eben ein wenig länger.