Iran-Krieg: Warum China Teheran nicht hilft


Ali Khameneis letzte Auslandsreise führte ihn nach China, 1989 war das, kurz bevor er Irans Oberster Führer wurde. Jahrzehntelang haben das Mullah-Regime und die Volksrepublik enge Beziehungen aufgebaut. Nun wurde Khamenei getötet. Außenminister Wang Yi beklagt eine „eklatante Ermordung eines Staatsoberhaupts“. Am Montag sagte er in einem Telefonat mit dem iranischen Außenminister Abbas Araghchi, er wünsche Iran alles Gute dafür, mit den Angriffen fertig zu werden. China, größter Abnehmer iranischen Öls, schenkt Teheran warme Worte. Selbst aktiv aber wird es nicht.

Vielmehr arrangiert man sich mit der Situation. „Die Ermordung Khameneis bietet Iran, das dringend einen Wandel benötigt, objektiv betrachtet eine Chance“, sagt Fan Hongda, Direktor der Nahostabteilung an der chinesischen Shaoxing-Universität, der F.A.Z. Die Proteste in Iran im vergangenen Dezember und Anfang des Jahres hatte Peking noch als vermeintlich extern provoziert kritisiert, eine Diskussion darüber war in den chinesischen sozialen Medien zensiert. China fürchtet so etwas selbst. Die Tötung Khameneis dagegen darf bislang breit diskutiert und sogar begrüßt werden.

Die wiederkehrende Frage, warum Peking nichts tut, um Iran zu helfen, verkennt die transaktionsorientierte und opportunistische Strategie Pekings im Nahen Osten. Iran ist für Peking nicht existenziell. Ein Zusammenbruch des Regimes dürfte Pekings Stellung im Nahen Osten nicht entscheidend schwächen. Schließlich ist China enger Handelspartner der meisten Staaten im Nahen Osten – selbst von Israel, aller propalästinensischen und antiisraelischen Rhetorik aus Peking zum Trotz. „China strebt gute Beziehungen zu allen wichtigen Regionalmächten an und verlässt sich nicht auf eine einzige“, sagt Fan. Verbündete hat China nicht.

Peking will die Beziehung zu Trump nicht gefährden

Das zeigen auch die Zahlen. So importiert China vom iranischen Erzgegner Saudi-Arabien deutlich mehr Öl als aus Iran. Die Bedeutung Irans für China hat im regionalen Vergleich ohnehin abgenommen. In Riad, Qatar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten fällt Beobachtern die große Zahl von Chinesen auf den Messen auf. Seit Langem beklagt Teheran, dass von dem 2021 mit China geschlossenen Kooperationsabkommen bisher kaum etwas angekommen ist. Versprochen waren 400 Milliarden Dollar chinesische Investitionen über 25 Jahre. Und während Chinas Handel mit arabischen Golfstaaten steigt, nimmt der Handel mit Iran abseits der Ölausfuhren seit Jahren stetig ab.

Strategisch kam es Peking zwar entgegen, dass das antiamerikanische und antisemitische Teheraner Regime eine begrenzte Machtbalance zu den USA und Israel im Nahen Osten darstellte. Peking lieferte Teheran Überwachungstechnik, Luftverteidigungssysteme, Antischiffraketen und nach israelischen Angaben auch Grundstoffe für ballistische Raketen. Aber seine Iran-Beziehung ist es Peking nicht wert, die derzeit stabilen Beziehungen zum US-Präsidenten Donald Trump zu gefährden. Oder sich gar militärisch selbst in einem Nahostkrieg zu verzetteln. Dazu wäre Peking auch nicht in der Lage, das in der Region nur eine kleine Marinebasis im entfernten Dschibuti unterhält.

Zuletzt hatte China rund zwölf Prozent seiner Ölimporte zu verbilligten Preisen aus Iran bezogen. Für Iran war das essenziell, achtzig Prozent seiner Ölausfuhren gingen zu verbilligten Preisen in die Volksrepublik. Für China dagegen gilt ein Ausfall als verkraftbar, schließlich bezieht es mehr als doppelt so viel Öl aus arabischen Staaten über die Straße von Hormus.

Doch diese Ausfuhr ist durch eine Blockade der Meerenge gefährdet. In Chinas sozialen Medien kursieren Funksprüche der Revolutionsgarde an Matrosen eines chinesischen Schiffs, dass die Passage durch Hormus allen Schiffen verboten sei. Am Dienstag hieß es, Peking übe Druck auf iranische Vertreter aus, die Straße von Hormus offen zu halten.

China hat große Ölvorräte und wenig Gasspeicher

Beim Öl hat China vorgesorgt. Schon seit mehreren Jahren baut Peking seine strategische Ölreserve aus, die nach Angaben des Analysehauses Oxford Energy für 110 bis 140 Tage reicht. Die genaue Zahl hält die Volksrepublik geheim. Seit vergangenem Jahr verpflichtet ein Gesetz in China Öl- und Gasfirmen zum Lageraufbau.

Beim Gas hat China weit weniger Speicherkapazität. Diese deckt laut dem Analysehaus S&P Global nur sechs Prozent des jährlichen Verbrauchs ab. Wang Dan von der Denkfabrik Eurasia geht von etwas mehr aus, doch von weniger als den 15 bis 20 Prozent Speicherkapazitäten in Europa und den USA. China ist der weltweit größte Importeur von Flüssigerdgas – und ein Drittel davon bezieht es aus dem Nahen Osten.

Chinesische Fachleute äußern sich bereits besorgt. „Größere Umwälzungen in Iran hätten negative Auswirkungen auf Chinas Energiesicherheit und würden die Energiepreise weiter in die Höhe treiben“, sagte der Nahostwissenschaftler Wen Shaobiao von der Shanghaier Universität für Internationale Studien. „Sollte eine proamerikanische Regierung an die Macht kommen, würden die USA Irans Öl kontrollieren und könnten die Energiekooperation zwischen China und Iran beeinträchtigen.“ Diese Entwicklung „würde Chinas diplomatischen Einfluss in der Region weiter schwächen“.

Der allerdings war ohnehin begrenzt. So stand China vor allem rhetorisch an der Seite des „Widerstands“ gegen Israel und die USA. Diese Positionierung richtet sich dabei primär an den sogenannten Globalen Süden, wo vielerorts antiisraelische Stimmen dominieren und China sich ausbreitet. Als Riad und Teheran 2023 ihre Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen ausgerechnet in Peking unterzeichneten, schien es kurz, als werde Chinas Anspruch Wirklichkeit, eine Gestaltungs- und Ordnungsmacht zu sein. Schnell aber wurde klar, dass Riad und Teheran schon fertig verhandelt hatten und Peking nicht mehr als eine Bühne bot.

Irankrieg könnte China auch Vorteile bringen

In diesem Zusammenhang sehen westliche Beobachter durchaus Vorteile, die China aus dem Krieg gegen Iran ziehen kann. Zum einen war auch Peking stets dagegen gewesen, dass Iran Atomwaffen entwickelt. Zum anderen ist China jede militärische Verstrickung der USA in Kriegsschauplätzen außerhalb Asiens recht. Offen ausgesprochen hatte das Außenminister Wang Yi vergangenes Jahr in Brüssel, als er sich gegen ein Ende des russischen Krieges gegen die Ukraine aussprach, weil sich die USA sonst vollends China zuwenden würden.

Ein westlicher Beobachter berichtete über chinesisches Entzücken, als die USA im Zwölftagekrieg vergangenes Jahr Rüstungsgüter aus Südkorea in den Nahen Osten verlegten. Und auch jetzt mehren sich wieder Berichte, dass die USA weitere Raketenabwehrsysteme hinüberziehen.

Der Nahostfachmann Fan Hongda glaubt, dass sich die Beziehungen Irans zu den USA nach dem Krieg zwar verbessern dürften. „Doch bin ich auch überzeugt, dass Iran weiterhin freundschaftliche Beziehungen zu China pflegen muss“, sagt Fan, der im Februar selbst in Iran war. Es geht um Wiederaufbau, und auch ein nächstes Regime muss wieder Öl verkaufen. „Sollten die USA ihre eigene Stärke durch einen Krieg schwächen, der gegen internationales Recht oder sogar gegen ihr eigenes nationales Recht verstößt, glaube ich nicht, dass China dies bedauern würde.“