Steigt jetzt die Inflation? | FAZ

Die Inflation im Euroraum belief sich im Februar auf 1,9 Prozent. Das hat das europäische Statistikamt Eurostat in Luxemburg am Dienstag aufgrund einer ersten Schätzung mitgeteilt. Im Januar hatte die Inflationsrate 1,7 Prozent betragen, nach 2,0 Prozent im Dezember.

Derzeit richtet sich das Augenmerk unter anderem darauf, wie der Irankrieg die Teuerung beeinflussen könnte. Schon Ende Februar hatten die Anzeichen für drohende Spannungen in der Region die Preise für Öl und Benzin steigen lassen. Das hat sich aber in dieser Woche noch einmal deutlich verschärft, wie Verbraucher an der Tankstelle merkten. Es gab einen regelrechten Energiepreissprung.

Höhere Inflationserwartungen an den Märkten

An den Finanzmärkten stiegen die Inflationserwartungen, das bewegte die Anleiherenditen. Sowohl amerikanische als auch europäische Staatsanleihen gerieten unter Druck.

„Grund dafür waren die durch die steigenden Energiepreise deutlich gestiegenen Inflationsrisiken, die sofort in den Mittelpunkt der Märkte rückten“, schreiben die Analysten des Bankhauses Metzler. „Angeführt wurde der Ausverkauf vom kurzen Ende, wo auch die Möglichkeit einer EZB-Zinssenkung fast vollständig wieder ausgepreist wurde.“

EZB-Chefvolkswirt warnt vor höherer Inflation

EZB-Chefvolkswirt Philip Lane sagte der Zeitung „Financial Times“ in einem am Dienstag veröffentlichten Interview,  ein längerer Krieg würde zu einem „deutlichen Anstieg“ der energiepreisbedingten Inflation und einem „starken Rückgang“ der Wirtschaftsleistung führen, sollte es zu einem dauerhaften Rückgang ⁠der Energielieferungen aus der Region kommen. Eine separate Analyse der EZB vom Dezember deute darauf hin, dass ein dauerhafter Ölpreisanstieg in dieser Größenordnung die Inflation um 0,5 Prozentpunkte anheben und das Wachstum um 0,1 Prozentpunkte dämpfen könnte.

Wenn der Preis für einige Zeit auf mehr als 100 Dollar je Barrel steigen sollte, so schätzt die Commerzbank, könnte das die Inflation um mehr als einen Prozentpunkt in Richtung drei Prozent treiben.

Je nach Euroland ging die Entwicklung der Teuerung im Februar noch in unterschiedliche Richtungen. In Deutschland war die Inflationsrate gegenüber Januar gesunken. Nach dem Harmonisierten Verbraucherpreis-Index (HVPI), der für Vergleiche mit anderen Euroländern verwendet wird, belief sie sich auf 2,0 Prozent, nach 2,1 Prozent im Januar.

In Frankreich dagegen, das zuvor eine ungewöhnlich niedrige Inflation auswies, hat sich die Rate mehr als verdoppelt, von 0,4 auf 1,1 Prozent.  Als ein Grund wurden in Paris teurere frische Lebensmittel genannt. Auch in Spanien, das zuletzt schon eine überdurchschnittliche Inflation hatte, ist die Rate im Februar weiter angestiegen, von 2,4 auf 2,5 Prozent.

Paprika teurer, Brot und Butter billiger

Wenn man sich anschaut, welche Produkte teurer oder billiger geworden sind, stößt man auf ein gemischtes Bild. Unter den Lebensmitteln gab es welche wie Obstkonserven, Kaffee und Paprika, deren Preise auf Jahressicht um zweistellige Prozentsätze zulegten. Dagegen wurden beispielsweise Butter, Kartoffel und Brot billiger. Ökonom Carsten Brzeski von der Bank ING sprach von einem „etwas nachlassenden Preisdruck bei Lebensmitteln“.

Überdurchschnittlich im Preis stiegen hingegen Dienstleistungen von der Autoreparatur bis hin zur Pflege. Haushaltsenergie war noch im Februar im Schnitt billiger als vor einem Jahr. Das hat sich jetzt geändert. Der Preis für Heizöl hat am Montag mehr als 20 Prozent zugelegt. Erdgas war an der Börse auch deutlich teurer geworden, die Preise für Verbraucher steigen da in der Regel wegen längerfristiger Verträge erst mit Verzögerung. „Wird Erdgas im internationalen Handel für längere Zeit knapper, werden die damit einhergehenden Preisanstiege jedoch auch bei den Haushalten ankommen“, sagte Thorsten Storck, Energiefachmann des Internetportals Verivox.

Dagegen hatten die Kraftstoffpreise schon zu steigen begonnen und lagen im Februar bereits oberhalb des Vorjahresniveaus.

Wird die EZB auf den Energiepreissprung reagieren?

Die nächste Zinssitzung der Europäischen Zentralbank ist am 19. März. Die Notenbank hatte sich zuletzt zufrieden mit der Inflationsentwicklung gezeigt; das könnte sich jetzt unter Umständen ändern. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte zuletzt immer hervorgehoben, die Notenbank entscheide weiterhin „datenabhängig“ und „von Sitzung zu Sitzung“.

Jari Stehn, der Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, hatte die Prognose gewagt, dass die EZB die Zinsen jetzt über Jahre unverändert lassen könnte, wenn es keine neuen Schocks geben sollte.

Aber was im Moment zu beobachten ist, könnte natürlich als neuer Schock durchgehen. Dann würde sich die Frage stellen, ob die EZB da „durchschaut“, weil sie das für ein vorübergehendes Phänomen hält, oder ob sie die Zinsen anhebt, um eine heftige Inflationsentwicklung wie zu Beginn des Ukrainekriegs zu vermeiden. In der Regel lässt ein Energiepreisanstieg die sogenannte Kerninflation ohne die Preise für Lebensmittel und Energie zunächst weitgehend unberührt, mit der Zeit aber „fressen“ sich höhere Energiepreise, wenn sie anhalten, immer weiter in die Güterpreise hinein. Das hatte das Beispiel des Ukrainekriegs noch einmal gelehrt.

Die Tagesgeldzinsen für Verbraucher waren mit dem Iranangriff wieder etwas gesunken, auf durchschnittlich 1,43 Prozent, die Bauzinsen ebenfalls, auf 3,70 Prozent für Darlehen mit zehn Jahren Zinsbindung. Die Fachleute für Baufinanzierung des Interhyp-Bankenpanels erwarten für die Zukunft kurzfristig eine Seitwärtsbewegung der Bauzinsen; langfristig sei jedoch ein Aufwärtstrend wahrscheinlich.