Reisewarnung für Nahost: Lufträume gesperrt, viele Reisende sitzen fest – Wirtschaft

Am Sonntagmorgen hätte der Flieger sie nach Sri Lanka gebracht. Doch dann kam in der Nacht die Mitteilung: Der Flug wurde storniert. Und auch der nächste Flug, der am Montagmittag abgehoben wäre, fiel aus und der danach ebenso. Deshalb sitzen Anna und Sebastian Even noch immer in Dubai fest, in einem kleinen Hotel. Eigentlich wollten sie hier nur ein paar Tage Zwischenstopp machen auf ihrer Reise nach Südasien. Doch am Wochenende ist in Iran Krieg ausgebrochen. Jetzt ist der Luftraum gesperrt. Unsicher fühlen sie sich nicht. „Hier in Dubai geht der Alltag normal weiter, gestern waren wir im Kino“, sagt Anna Even der SZ am Telefon. Nur die Ungewissheit belaste sie. „Wir haben eine dreiwöchige Reise mit zehn Hotels eigenständig organisiert. Das müssen wir jetzt alles umplanen.“ Da sie nicht über einen Reiseveranstalter gebucht haben, müssen die beiden sich selbst aus ihrem Hotelzimmer um ihre Reise kümmern. Wie es in den kommenden Tagen weitergeht, ist nicht absehbar.

Was wohl für die meisten Reisenden die schönste Zeit des Jahres werden sollte, entpuppt sich derzeit für Urlauber im Nahen Osten als Albtraum. Seit Iran auf die Angriffe der USA und Israels mit Vergeltungsschlägen auf Israel und die Golfregion reagiert, ist die Sicherheitslage dort äußerst volatil. Zahlreiche Reisende sitzen fest.

Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) halten sich derzeit rund 30 000 Reisende in den betroffenen Ländern auf, weil sie dort Urlaub machen oder über eines der Drehkreuze zu anderen Destinationen umsteigen. Dabei handelt es sich allerdings nur um Reisende, die über einen Veranstalter gebucht haben. Touristen, die ihren Urlaub komplett selbst organisiert haben, werden hier nicht erfasst, weshalb die Gesamtzahl noch einmal deutlich höher liegen dürfte.

„Wir verfolgen die Entwicklung in der Region sehr aufmerksam und mit großer Sorge und hoffen auf eine Deeskalation“, sagte DRV-Präsident Albin Loidl am Montag bei der Eröffnungspressekonferenz der weltgrößten Tourismusmesse (ITB) in Berlin. Ursprünglich wollten hier von Dienstag an mehr als 6000 Aussteller aus 160 Ländern aus der Reisebranche zusammenkommen, um das 60-jährige Bestehen der Messe zu feiern und verschiedene Branchenthemen zu erörtern. Nun dürfte ein Thema alle anderen überschatten.

Das Auswärtige Amt hat Reisewarnungen für 13 Länder ausgesprochen, darunter auch für bei Touristen beliebte Destinationen wie Israel, Jordanien, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate mit Dubai und Abu Dhabi. Wegen der Angriffe Irans wurde der Luftraum gesperrt und der Flugverkehr unterbrochen. Die Luftfahrtbehörde der Vereinigten Arabischen Emirate kündigt an, spezielle Flüge zur Rückführung gestrandeter Passagiere an den Flughäfen des Landes seien möglich. Die in Dubai ansässige Fluggesellschaft Emirates erklärte, eine begrenzte Zahl von Flügen werde am Montagabend abheben, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Zuvor hatte auch Etihad aus Abu Dhabi erklärt, noch am Montag Flüge „unter strengen Sicherheitsfreigaben“ wieder aufzunehmen. Alle kommerziellen Flüge blieben gestrichen.

Lufthansa steuert normalerweise die Flughäfen Tel Aviv, Beirut, Amman, Erbil, Dammam und Teheran an, setzt diese Flüge jedoch bis einschließlich 8. März aus. Dubai und Abu Dhabi sollen bis einschließlich 4. März nicht mehr angeflogen werden. Auch Überflüge über die Vereinigten Arabischen Emirate werden in diesem Zeitraum vermieden. Des Weiteren wurden sämtliche Flüge von und nach Larnaca, Zypern, zunächst für den 2. März ausgesetzt, teilte die Airline am Montag mit. Der britische Luftwaffenstützpunkt Akrotiri auf Zypern war in der Nacht von Sonntag auf Montag von einer Drohne getroffen worden. Fluggäste, die nicht wie geplant reisen können, dürfen laut Lufthansa kostenfrei auf ein späteres Datum umbuchen oder erhalten den vollständigen Ticketpreis zurück.

Zwei Kreuzfahrtschiffe von Deutschlands größtem Reiseveranstalter Tui hängen derzeit in den Häfen von Doha und Abu Dhabi fest, die Gäste sind angehalten, die Schiffe nicht zu verlassen. Nach Angaben eines Sprechers seien sie aber nicht eingesperrt. Gästen, die ihre Reise beenden wollten, um sich allein nach beispielsweise Oman oder Saudi-Arabien durchzuschlagen, sei dies freigestellt, jedoch werde dringend davon abgeraten. Die Crews würden sich um die Versorgung kümmern, etwa mit Windeln oder Medikamenten. Darüber hinaus werde eine seelsorgerische Betreuung angeboten.

Dertour bietet Reisen in acht Länder in der betroffenen Region an. Deutschlands zweitgrößter Reiseveranstalter nach Tui hat Urlaube in die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Katar, Bahrain, Oman, Jordanien, Israel und Kuwait im Programm und nach eigenen Angaben derzeit „eine niedrige vierstellige Gästezahl in den von der Reisewarnung betroffenen Nahost-Gebieten“. Gäste, die derzeit nicht nach Hause fliegen können oder auf einen Weiterflug warten, seien informiert worden und werden vor Ort betreut. Laut Dertour werden die Reiseleitungen die Hotelunterbringung verlängern oder Zimmer in anderen Hotels zur Verfügung stellen. Über Rückreisemöglichkeiten wolle der Reiseveranstalter so schnell wie möglich informieren.

Noch am Donnerstag vergangener Woche hatte Dertour in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, dass die Nachfrage nach Reisen in den Nahen Osten, insbesondere nach Dubai, Jordanien und Oman deutlich gestiegen sei. Gleichzeitig hatte der Reiseveranstalter auf eine eigene Studie in 13 europäischen Ländern verwiesen, die unter anderem belege, dass geopolitische Konflikte und Instabilität vermehrt zu Bedenken bei Urlaubern führen. Sicherheit sei nach dem Preis und der Qualität der Unterkunft das wichtigste Kriterium bei der Reiseplanung, so der Veranstalter.

Ob Anna und Sebastian Even die Reise antreten, sollte bald wieder ein Flugzeug nach Sri Lanka aufbrechen, wissen sie bisher nicht. Denn auch den Rückflug haben die beiden über den Nahen Osten gebucht. Wie die Lage in drei Wochen aussieht, wenn die Reise planmäßig vorbei ist, kann gerade niemand absehen. „Wir wissen ja gar nicht, ob wir dann wieder zurückreisen können.“