Cem Özdemir: Er könnte Geschichte schreiben

Cem
Özdemirs Stimme ist ein kratziger Bass geworden in den letzten Wochen. In
Wahlkämpfern kommt das vor. Winfried Kretschmann musste Halsschmerzen
überwinden, wenn er sich abrackerte. Joschka Fischer hat sich fast heiser
gebrüllt, andererseits aber auch damit gescherzt: Er ringe nicht nur um Stimmen,
sondern um Stimme. Bei Özdemir wirkt es jetzt sogar so, als gehe er mit der
Stimme absichtlich runter in diese dunklen, rauchigen Tom-Waits-Bereiche, um damit
zu spielen, dass die Tiefe ihm Autorität verleiht.

Es
sind solche Details, die die Lage zeigen. Es läuft fulminant für den grünen
Spitzenkandidaten von Baden-Württemberg. Lange sah es aus, als könne er
wunderbar Geschichten erzählen, aber gegen die schnörkeligen Buchstaben standen die
harten Zahlen der Umfragen. In denen lag er deutlich hinten. Seit vergangener
Woche sagen die Zahlen aber: Das Rennen ist offen. Von
9 bis 14 Prozentpunkten Rückstand ist Özdemir jetzt nahezu auf Gleichstand mit
seinem Gegner von der CDU gelangt. Damit hat der Grüne das Kostbarste erzeugt,
das ein Wahlkämpfer herstellen kann: ein Gefühl von Dringlichkeit, den
Eindruck, dass da eine Aufholjagd gelingen kann, die ihn binnen der letzten
Tage des Wahlkampfs aus eher magerer Ausgangslage bis über die Ziellinie führt. In Baden-Württemberg sind auf einmal Zauber und Risiko einer Rarität zu
besichtigen: ein Kandidat mit Momentum. 

So
scheint es tatsächlich möglich, dass Özdemir, 60 Jahre alt, nicht nur andauernd
seine Geschichte erzählt. Sondern dass er Geschichte schreibt. Der erste
Ministerpräsident aus einer türkischen Einwandererfamilie: Es wäre ein
historisches Signal des Ankommens und Angenommenwerdens, mindestens für diese
Generation der Einwanderer.

Ein
Sieg Özdemirs würde auch zeigen, dass Grüne in Deutschland doch noch vorn mitspielen
können. Zugleich würden die Realos die Frage aufwerfen, ob die Bundesgrünen es
nicht auch so versuchen sollten, wenn man so das nach Bevölkerung drittgrößte Bundesland gewinnen kann: maximal mittig positioniert, und alle Kanten rundgeschliffen. Zusätzlich wäre ein
Sieg Özdemirs auch eine glatte Bauchlandung für Friedrich Merz. Der Kanzler hat
sich von Baden-Württemberg eigentlich einen sonnigen Jahresauftakt versprochen –
und jetzt an den Problemen des dortigen Spitzenkandidaten Manuel Hagel einen ordentlichen Anteil. Aber dazu
später mehr.

Es
ist 19.30 Uhr in Heidelberg, zwölf Grad, wolkenloser Himmel, die Menschen sind
schon mit offenen Jacken und Anoraks ins Kulturzentrum Karlstorbahnhof
gekommen, manche gleich im T-Shirt. Im Foyer verkaufen Schulkinder Kuchen, an
einer Bar stehen die Leute für Bier und Rhabarberschorle an und plaudern. Um
19.45 Uhr wird der Saal geöffnet, innerhalb von zehn Minuten ist er bis auf den
letzten Platz gefüllt, weit über 300 Menschen, und obwohl an den Seitenwänden
Extrastühle aufgestellt wurden, müssen ein paar Leute stehen.

Die
Bühne ist in weiches Licht getaucht, hinten ein schwerer dunkelgrüner Vorhang, davor sind die acht Großbuchstaben des Wahlkampfslogans einzeln aufgestellt, beinahe hüfthoch, drei knappe
Wörter: „ER KANN ES“. Zwischen A und N steht vorn auf der Bühne Cem Özdemir. Kein Rednerpult, das Mikro in der rechten Hand. Die Linke ist die
Erzählhand, wenn er erklärt, öffnet sie sich, Handfläche nach oben. Kommt
er auf Trump oder Putin, sticht der Zeigefinger, oder die Handkante schneidet durch
die Luft. Die Erzählhand lockert sich, wenn er lustige Anekdoten bringt, dann
zieht er die Leute mit. Der dunkle Anzug sitzt, die Augen suchen das
Publikum. Und das geht mit. Die Atmosphäre, die Stimmung, die Spannung – der Vibe ist plötzlich da.

Er
redet über Batterien für E-Autos aus europäischer Herstellung, mit denen man es den
Chinesen endlich wieder zeigen könne. „Dafür würde ich mich gerne einsetzen“,
sagt Özdemir. Es ist eigentlich
ein Trick von Politikern, sich gemeinsam mit dem Publikum ins Amt träumen zu
wollen, indem man es dauernd nennt: „Als Ihr Ministerpräsident …“ Auch Özdemir
konnte das Wort Ministerpräsident nicht oft genug sagen in den letzten Wochen. Aber
an diesem Abend dauert es etwas länger, bevor er es verwendet. Vielleicht hat er Sorge, dieses Momentum zu beschädigen, das sich
überraschend eingestellt hat: Am Donnerstag kam die Umfrage von Infratest dimap
im Auftrag des Südwestrundfunks. Die CDU war um einen Punkt auf 28 Prozent
gesunken, die Grünen waren vier Punkte gestiegen auf jetzt 27 Prozent. Die AfD hat
bloß noch 18 Prozent, das Souterrain der Demoskopie teilen sich einstellig SPD,
FDP und Linke. Die Forschungsgruppe Wahlen notiert die CDU bei 27, die Grünen
bei 25 Prozent.

Wer das Momentum hat, der wird gemocht und der mag sich

Momentum
ist ein Begriff, der ursprünglich in der Physik verwendet wurde. Es geht – laienhaft
ausgedrückt – um einen Impuls, der Kraft und Richtung einer Bewegung
beschreibt. Im Sport sehen Trainer das Momentum als eine unwiderstehliche
Kraft, die dem zufließt, der unerwartet aufgeholt hat: Der Tennisspieler, der
einen Matchball des Gegners abgewendet hat und dann gleich den ganzen Satz umgebogen. Das
Fußballteam, das in den letzten Minuten Anschluss- und Ausgleichstreffer
erzielt hat und nun in der Verlängerung wie entfesselt spielt. Das Momentum ist immer auf einer Seite. Wer es hat,
der wird gemocht und der mag sich. Sogar das Kratzen in der Stimme.