Freunde des VfL Wolfsburg sollten ein verstärktes Interesse daran haben, wie es gerade so um Yannick Gerhardt steht. Fällt ihm lediglich die Rolle eines Ergänzungsspielers zu, der mal von der Ersatzbank reinkommt, mal nicht? Hadert er mit seinem Status innerhalb des Teams, weil ihm mal wieder sündhaft teure Zugänge vor die Nase gesetzt wurden? Oder beackert er das Wolfsburger Mittelfeld als Stammkraft, weil sich die Zugänge mal wieder als teure Sündenfälle erwiesen haben?
Am Sonntag, beim 0:4 gegen den VfB Stuttgart, stand Gerhardt, 31, nicht nur von Beginn an auf dem Platz. Er trug in Abwesenheit von Maximilian Arnold überdies die Kapitänsbinde am Arm. Rein, raus, wichtig, verzichtbar – in seinen fast zehn Dienstjahren beim VfL hat Yannick Gerhardt jeden nur erdenklichen Status gehabt. Das zugrundeliegende Muster ist klar zu erkennen: Aus Sicht der Wolfsburger Trainer und Sportchefs ist Gerhardt keiner, der Zukunftsvisionen verkörpert, sondern ein Notarbeiter, der immer dann wichtig wird, wenn es nicht läuft. Oder, leicht zugespitzt: Er wird immer dann gebraucht, wenn in der Autostadt gerettet werden muss, was noch gerettet werden kann.

:Herr Arnold, worin liegt der Reiz, seine Fußballerkarriere dem VfL Wolfsburg zu widmen?
Maximilian Arnold erklärt, warum er sich seinem Klub so verbunden fühlt, warum die sportlich schlechten Phasen überhandnahmen – und warum unter Trainer Daniel Bauer Besserung in Sicht ist.
Dass Gerhardt in den vergangenen Wochen öfter zum Einsatz kam, ist für ihn eine tolle Sache, zumal seine persönlichen Leistungen ordentlich waren. Seine gestiegene Wichtigkeit kann, wie erwähnt, aus Wolfsburger Sicht allerdings nichts Gutes bedeuten.
Nach all den Krisen, die der Werksklub in den vergangenen Jahren durchschritten hat, trotz der vielen Millionen, die vom Mutterkonzern VW zur freien Verwendung bereitgestellt werden: So desolat stand der VfL Wolfsburg zu diesem Zeitpunkt einer Saison noch nie da. Platz 17 in der Tabelle, bei 14 Niederlagen, zudem gegen den ebenfalls abstiegsbedrohten Zweitligisten Holstein Kiel aus dem DFB-Pokal geflogen. Insofern überrascht es nicht, dass in Wolfsburg mal wieder eifrig über den Trainer diskutiert wurde.
Auf den glücklosen Daniel Bauer, der im vergangenen November vom Niederländer Paul Simonis übernommen hat, wird nun aber doch nicht, anders als zunächst breitflächig berichtet, der routinierte Dieter Hecking folgen. Kommando zurück, teilte der Kicker am Montag mit: Bauer bleibt im Job und erhält im Heimspiel gegen den Hamburger SV am Samstag eine weitere Chance. Die Bestätigung des VfL folgte prompt. „Wir haben die Gesamtsituation intensiv diskutiert und analysiert. Dabei sind wir zu der Auffassung gekommen, dass wir gemeinsam mit Daniel Bauer und seinem Trainerteam die richtigen Schlüsse ziehen, um gegen den HSV erfolgreich zu sein“, sagte Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen. Die Lage sei „ernst“, aber eben nicht aussichtslos.
Dabei wäre das ja eine hübsche Pointe gewesen: Hecking ist nicht nur der bislang letzte VfL-Coach, der der Autostadt eine Trophäe zugeführt hat, den DFB-Pokal 2015. Er ist auch der erste Wolfsburger Trainer, mit dem der Mittelfeldmann Yannick Gerhardt zu tun hatte. Und das waren so einige. Gerhardt hat seit Sommer 2016 stattliche elf Coaches kommen und gehen sehen, darunter prominente Namen wie Niko Kovac, Ralph Hasenhüttl oder Mark van Bommel. Wirklich erfolgreich war in dieser Zeit nur der Österreicher Oliver Glasner, der mit dem VfL schaffte, was mit Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen öfter drin sein sollte: die Qualifikation für die Champions League.
Wirklich erfolgreich war in Wolfsburg zuletzt nur der Trainer Oliver Glasner
Der Nächste, bitte? Bauer jedenfalls wirkt spätestens nach den Vorgängen der vergangenen Tage wie ein Coach, der nur noch eine sehr überschaubare Halbwertszeit besitzt. Wobei eine der spannenderen Fragen hinsichtlich dieses Trainerpostens ohnehin lautet, wer in Wolfsburg nun eigentlich die Besetzung von Trainerposten verantwortet – und wie lange noch. Sonntagnacht und Montagvormittag sollen laut der Wolfsburger Allgemeinen mehrstündige Krisensitzungen abgehalten worden sein, teilgenommen haben unter anderem: Aufsichtsratschef Sebastian Rudolph, Aufsichtsratsmitglied und Ex-Torwart Diego Benaglio, Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen, Sportdirektor Pirmin Schwegler. Dass in dieser Konstellation erst nach langen Debatten ein Beschluss herauskam, erzählt wiederum einiges über die Beschlussfähigkeit des Wolfsburger Führungszirkels.
Christiansen, seit 2024 Sportchef, wird sein Amt höchstwahrscheinlich nicht über den Sommer hinaus bewahren können. Bei Schwegler, Nachfolger des im November vor die Tür gesetzten Sebastian Schindzielorz, handelt es sich in dieser Saison bereits um den zweiten Wolfsburger Sportdirektor. Wobei sich die Aufsichtsräte dem Vernehmen nach in jenen Herbstmonaten auch eine Neubesetzung des Geschäftsführerpostens hätten vorstellen können – und zwar durch Schwegler, der in der Wolfsburger Hierarchie dann aber doch hinter Christiansen eingesetzt wurde. Gemeinsam händigten sie dem zunächst interimistisch wirkenden Bauer nach einigen nicht ganz bodenlosen Darbietungen einen Vertrag bis 2027 aus, ohne jede Not, eine Laufzeit bis Saisonende hätte es wohl auch getan. Bei den Wolfsburger Lokalmedien kam das gut an: Endlich mal einer mit Stallgeruch! Die Auftritte glichen sich jedoch schnell jenem Wirrwarr an, das in den vergangenen Jahren andauernd im VfL-Organigramm herrscht. Und, damit sehr direkt zusammenhängend, auch im Wolfsburger Kader.
Eine gewaltige Kluft zwischen Anspruch und Realität stellt Mittelfeldspieler Gerhardt fest
Vielleicht sollte man hierzu mal einen Mann hören, der das turbulente Innenleben betreffender Kabine kennt. Der VfL, berichtete Gerhardt am Sonntag bei Dazn, sei „nicht gesund“. Es herrsche eine gewaltige Kluft zwischen Anspruch und Realität, weshalb der Mittelfeldmann forderte: „Wir müssen die Spieler finden, die das irgendwie über die Linie kriegen.“ Gerhardt dürfte in der aktuellen Krisenlage – trainerunabhängig – zu jenen Spielern zählen, obschon er im Sommer aus dem Mannschaftsrat geflogen war und den Klub verlassen sollte. Eine (unvollständige) Liste weiterer Kuriositäten: Moritz Jenz sollte ebenfalls gehen und ist jetzt Abwehrchef. Mittelfeldabräumer Vini Souza, vor der Saison als Königstransfer präsentiert, hat es nicht mal zur Teilzeitkraft gebracht. In Lovro Majer und Christian Eriksen stellen sich oftmals zwei Spielmacher gegenseitig die Passwege zu. Zudem wurden für Verteidiger Jonas Adjetey und Angreifer Kento Shiogai im Winter 20 Millionen Euro investiert – zusammen kommen die beiden seitdem auf zwei Startelfeinsätze.
Bislang hat sich der VfL Wolfsburg am Ende immer retten können, in den Jahren 2017 und 2018 notfalls über die Relegation. Immerhin, ein gutes Omen gibt’s aus Wolfsburger Sicht: Yannick Gerhardt war damals auch dabei.
