Warum das Restaurant El Erni in Kassel kaum überzeugt

Kassel ist natürlich bekannt für eine der größten Kunstausstellungen der Welt, die Documenta, die hier 2027 wieder stattfinden soll. Man würde annehmen, dass so etwas Spuren hinterlässt. Doch scheint eine entwickelte Restaurantkultur nicht unbedingt zum ideellen Kern der Stadt zu gehören, in der immerhin rund 200.000 Menschen leben.

Wie man sich überhaupt häufig wundern muss, dass dem Publikum von Kunst und Kultur der Transfer seiner Sensibilität für Theater, Kunst, Literatur und Co. auf eine differenzierte Kochkunst nicht gelingt. Man hat nichts gegen „leckeres Essen“, das ist es aber auch. Und so findet man in Kassel nur eine begrenzte Auswahl guter Restaurants.

„El Erni“, laut Website „der Spanier in Kassel“, zählt da schon zu den populären Größen. An diesem Samstagabend jedenfalls werden die Plätze in dem Restaurant im Szeneviertel Vorderer Westen in zwei Schichten vergeben. Das Angebot auf der Karte ist groß, die Gerichte haben spanische Namen, sind aber offenbar zum größeren Teil im Laufe der Zeit eher zu einer Mischung aus mediterraner und europäischer Mainstream-Küche geworden.

Riesengarnelen-Jakobsmuschelspieß an frischem, grünem Spargel
Riesengarnelen-Jakobsmuschelspieß an frischem, grünem SpargelJürgen Dollase

Die Vorspeise „Alcachofas Fritas“ (15,90 Euro), „Frittierte Artischocken mit Speck und Zwiebeln, Balsamico auf Rucolasalat und Parmesan“, sieht erst einmal aus wie zu viel Salat und Parmesan; wenn man aber an die präzise frittierten Artischockenköpfe geht und Speck und Zwiebeln entdeckt hat, kann man sich schöne Akkorde zusammenstellen. Der „Riesengarnelen-Jakobsmuschelspieß an frischem, grünem Spargel“ (19,90 Euro) erinnert dann an ein in Deutschland häufiges Missverständnis von mediterraner Küche, bei der die Produkte nicht schlecht sind, sich aber kein Geschmacksbild ergibt, das Aufmerksamkeit erregen könnte. Die Saucen in Extraschälchen haben eher eine Dipfunktion und wirken wie Teile eines Baukastens, bei dem auf der Karte – ähnlich wie in Chinarestaurants – das gleiche Produkt in Varianten angeboten wird.

Gemischter Fischteller vom Grill an dreierlei Saucen (frische Fischfilets vom Rotbarsch, Lachs, Dorade
Gemischter Fischteller vom Grill an dreierlei Saucen (frische Fischfilets vom Rotbarsch, Lachs, DoradeJürgen Dollase

Bei den Hauptgerichten setzt sich dieses System fort – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Beim „Gemischten Fischteller vom Grill an dreierlei Saucen (frische Filets vom Lachs, Rotbarsch und der Dorade)“ (30,90 Euro) fallen kräftige Garungen auf, die das Rotbarschfilet unerfreulich und den Lachs sehr trocken machen. Eine positive Überraschung ist die Dorade, die fast wie eine gut gegarte Seezunge Müllerin-Art schmeckt und das Grillen am besten vertragen hat.

Auch bei den „Gegrillten, langstieligen Lammkoteletts an einer Thymiansauce mit Papas“ (37,50 Euro) ist die Garung das Problem. Einzelne Lammkoteletts zu garen ist wegen der geringen Dicke schwierig, und so gibt es bei den fünfen hier nur eines mit einer gewissen Saftigkeit. Die anderen sehen expressiv gegrillt aus, sind aber mehr oder weniger übergart. Man fragt sich im „El Erni“, warum das Lokal so populär ist, obwohl der Gesamteindruck des Essens nicht wirklich überzeugt.