
![]()
Selbst vergleichsweise moderater Verkehrslärm kann sich offenbar rasch auf das Herz-Kreislauf-System auswirken. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsteam um Thomas Münzel von der Universitätsmedizin Mainz. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Cardiovascular Research veröffentlicht.
Demnach zeigten sich bereits nach einer einzigen Nacht mit simuliertem Straßenlärm Veränderungen wie ein erhöhter Puls und eine verminderte Elastizität der Blutgefäße. Ein externer Fachmann rät jedoch dazu, die Resultate nicht überzubewerten.
An der Untersuchung nahmen 74 Personen im Alter zwischen 18 und 60 Jahren teil. Die Tests fanden in den privaten Schlafzimmern der Probandinnen und Probanden statt.
Simuliert wurden unterschiedliche Szenarien: Nächte ohne zusätzliche Geräuschbelastung sowie Nächte, in denen über Lautsprecher 30- oder 60-mal Straßenlärm eingespielt wurde – jeweils für eine Minute und 15 Sekunden. Die Lautstärke bewegte sich zwischen 41 und 44 Dezibel und entsprach damit etwa einer leisen Unterhaltung. Die Teilnehmenden wussten vorab nicht, welcher Lärmsituation sie ausgesetzt sein würden.
Während der Studiendauer verzichteten sie auf Alkohol, Koffein und Nikotin.
Am Morgen nach den Testnächten wurden verschiedene Herz-Kreislauf-Parameter erfasst. Zusätzlich analysierten die Forschenden Blutproben auf Entzündungsmarker. Mittels Ultraschall prüften sie außerdem, wie flexibel sich die Blutgefäße bei jedem Herzschlag weiteten und wieder zusammenzogen.
Die Reaktionen auf den Lärm fielen individuell unterschiedlich aus. Insgesamt dokumentierte das Team jedoch funktionelle und biologische Veränderungen bereits nach einer Nacht mit zusätzlicher Geräuschbelastung.
Dazu gehörten erhöhte Herzfrequenzen, veränderte Proteinwerte im Blut sowie eine reduzierte Gefäßelastizität. Letztere gilt als frühes Warnsignal für mögliche Gefäßschäden.
Das Umweltbundesamt bezeichnet den Straßenverkehr als wichtigste Lärmquelle in Deutschland. Nach früheren Erhebungen sind bundesweit rund 2,3 Millionen Menschen tagsüber Pegeln von mehr als 65 Dezibel ausgesetzt. In der Nacht betrifft eine Belastung von über 55 Dezibel etwa 2,6 Millionen Menschen.
Vor dem Hintergrund der Ergebnisse sprechen sich die Studienautoren für wirksamere Schutzmaßnahmen aus. Als Beispiele nennen sie Tempo-30-Zonen oder Grünflächen, die als Schallschutzpuffer dienen können.
„Lärmschutz ist Schallschutz“, sagt Studienleiter Münzel. „Jede Dezibel-Reduktion bedeutet weniger Stress für Gefäße, weniger Entzündung im Blut – und langfristig weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle.“
Christoph Maack vom Universitätsklinikum Würzburg bewertet die Untersuchung als gut durchgeführt und thematisch relevant. Die Daten zeigten ungünstige Veränderungen nach nächtlicher Lärmbelastung.
Ob diese kurzfristigen Effekte jedoch ausreichen, um langfristige Gesundheitsschäden zu verursachen, lasse sich aus der Studie nicht ableiten. Zudem seien bei Lärmeinwirkungen auch Gewöhnungseffekte möglich.
Allerdings gebe es epidemiologische Studien, die darauf hinweisen, dass chronische Lärmbelastung das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigen könne. Insofern erscheinen Maßnahmen zur Lärmreduzierung aus Sicht des Experten grundsätzlich sinnvoll.
